Wallerstein, Piaristenkolleg St. Anna – Lehrmeister der Knaben
Die Piaristen sind ein Orden von Regularklerikern, die sich in der Erziehung der männlichen Jugend engagieren. Ihre Kommunität bestand in der Vergangenheit meist aus drei bis fünf Priestern und wurde von einem Rektor geleitet. Sie bildeten keine klösterliche Gemeinschaft, daher fehlen oft Archivalien und Quellen über ihre früheren Niederlassungen. Sie bewohnten zumeist die Schulen, in denen sie arbeiteten. Dort leiteten sie den Unterricht in den allgemeinen Knabenklassen, den lateinischen Klassen und manchmal betreuten sie noch ein angeschlossenes Internat für den adeligen Nachwuchs. Oft verfügten sie über eine bedeutende Bibliothek. Seit dem 17. Jahrhundert waren die Piaristen mit ihren Bildungsanstalten in Österreich verbreitet. Da im bayerischen Kurfürstentum eine ausreichende Anzahl von Jesuitengymnasien vorhanden war, konnte der Orden hier lange nicht Fuß fassen. Das erste Piaristenkolleg wurde 1750 auf Veranlassung von Kaiserin Maria Theresia am Residenzschloss in Günzburg, das damals österreichisch war, begründet. 1752 folgte durch Fürstabt Engelbert Syrg von Syrgenstein eine Lehranstalt am Stiftsgymnasium in Kempten und 1762 das Institut in Wallerstein.
Das der hl. Anna geweihte Kolleg wurde nach der Zustimmung durch den Augsburger Bischof Josef und Papst Clemens XIII. von Graf Philipp Karl von Öttingen-Wallerstein (1722–1766) gegründet. Er beabsichtigte damit, an seiner barocken Fürstenresidenz eine Lateinschule zu installieren. Der Graf war selbst vom 15. bis 18. Lebensjahr Schüler des Ordens am Collegium Nazarenum in Rom gewesen. Bereits am 8. März 1762 nahmen Pater Michael Schmid und Subdiakon Modestus Zaiger unter ihrem Oberen Pater David Nassau den Unterricht auf. Für ihre vorläufige Unterbringung mietete der Graf das Dillmannsche Haus an. Die Wallersteiner Bürger hatten nun die Wahl zwischen der Marktschule und dem Piaristeninstitut. Die Patres gewannen jedoch rasch das Vertrauen der Eltern und unterrichteten bald alle Knaben im Ort. 1766 bezog die auf vier Patres und einen Bruder angewachsene Kommunität das neu erbaute Kolleggebäude nördlich der Hofkapelle St. Anna. Neben dem Unterricht betreuten die Piaristen die St. Annakapelle der Residenz, in der auch die Schülergottesdienste stattfanden. Durch einen Vertrag im Jahr 1788 mit Gräfin Juliana wurde das Institut auf vier Patres beschränkt. 1773 brachte der Mangel an Ordensmitgliedern die Reduzierung auf drei Patres mit sich. Sie waren damals für zehn Schüler an der Latein- und 69 Jungen an der Volksschule zuständig. 1794 unterrichteten wieder fünf Patres in den Fächern Lesen, Schreiben, Rechnen, lateinische Sprache, Poesie, Rhetorik, Kirchen- und Profangeschichte, Geografie und Grundlagen der griechischen Sprache. Die Piaristen waren neben dem Unterricht verpflichtet, die Frühmesse und weitere Gottesdienste in der Pfarrkirche sowie eine Messe pro Woche in St. Anna zu übernehmen. In den letzten Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts gab es immer wieder Perioden, in denen die Disziplin verfiel. Es gelang jedoch, die Patres durch Visitationen und Mahnungen zur Beachtung der Ordensregeln zu veranlassen.
Während der Säkularisation der Klöster und Stifte Anfang des 19. Jahrhunderts wurde das Piaristeninstitut in Wallerstein nicht geschlossen. Die Lehrer konnten in die Neuordnung des Schulwesens eingegliedert werden. Nach dem Übergang der Öttingischen Herrschaft an das Königreich Bayern wurden die Piaristen in den Staatsdienst übernommen und nach und nach durch Priester und Mitglieder anderer Orden ersetzt. Mit dem Tod des letzten Paters Emmanuel Zersas 1842 endet die Geschichte des Piaristeninstituts von Wallerstein. Ihr Dienstgebäude ging 1866 in den Besitz der Englischen Fräulein über, die hier eine Bildungsstätte für Mädchen eröffneten. Nach dem Zweiten Weltkrieg führten die Maria-Ward-Schwestern diese Tradition fort. 1989 übernahm das Schulwerk der Diözese Augsburg die Trägerschaft. An das einstige Piaristeninstitut erinnert heute nichts mehr.
Christine Riedl-Valder