Neumarkt-Sankt Veit, Benediktinerkloster – zwischen Salzburg und Bayern
Das Kloster Sankt Veit wurde 1121 von Dietmar von Lungau (Schaumberg-Dornberg) gegründet. Mit Zustimmung des Salzburger Erzbischofs Konrad I. ließen sich Mönche aus dem altehrwürdigen Salzburger Kloster St. Peter in dem nur wenige Kilometer vom heutigen Neumarkt-St. Veit entfernten Ort Elsenbach nieder, um eine Tochterabtei aufzubauen. Im September 1132 weihte Bischof Roman von Gurk, der als Koadjutor des Salzburger Erzbischofs fungierte, die Klosterkirche. Da die Lebensbedingungen in Elsenbach für die Mönchssiedlung ungünstig waren, veranlasste Erzbischof Adalbert III. im Einverständnis mit Vogt Wolfram von Dornberg, einem Enkel des Gründers, im Jahr 1171 die Umsiedlung der Mönche auf den nahe gelegenen Veitsberg über der Rott.
Am neuen Standort entwickelte sich die Abtei rasch zu einer kulturellen und wirtschaftlichen Institution im oberen Rottal. Mit der Gründung der dem Stift angeschlossenen Pfarrei St. Veit und der Betreuung der Kirchen und Kapellen von Elsenbach, Feichten, Hörbering, St. Lorenz, St. Johann in Neumarkt, Lamprechten, Teising, der Pfarrei Vilsbiburg sowie der Schlosskapelle Adlstein übernahm das Kloster in den umliegenden Orten wichtige Aufgaben in der Seelsorge. Die Unabhängigkeit vom Mutterkloster St. Peter in Salzburg erreichte St. Veit im Jahr 1255 mit dem Recht auf die freie Wahl seines Abtes. Seit Mitte des 13. Jahrhunderts zählten die Wittelsbacher Herzöge zu den besonderen Förderern der Niederlassung. Auch die Vogtei ging auf die bayerischen Herzöge über. Der niederbayerische Herzog Heinrich XIII. gründete 1269 gegenüber dem salzburgischen Kloster auf der anderen Seite der Rott einen „Neuen Markt“ mit Getreideschranne, Zoll- und Marktrechten. Durch die Lage an der Straße, die die Residenzstädte Landshut und Burghausen miteinander verband, nahm der neue Ort rasch wirtschaftlichen Aufschwung. Im gleichen Jahr erhielt das Kloster vom Herzog die niedere Gerichtsbarkeit übertragen. Im 14. Jahrhundert beweisen zahlreiche Güterschenkungen die enge Beziehung des Klosters zum bayerischen Herzogshaus. Der spätere Kaiser Ludwig der Bayer stellte das Kloster 1313 unter seinen Schutz und bestätigte ihm alle Privilegien. Abt Friedrich II. wurde 1341 zum herzoglichen Hofkaplan ernannt. Seit 1458 stand dem Abt das Recht zu, wie ein Bischof Stab und Mitra zu tragen und ein eigenes Wappen zu führen. Gegen Ende des 15. Jahrhunderts verfügte die Abtei über ansehnlichen Besitz und verwaltete rund 450 Bauerngüter.
Die um 1390 begonnene Modernisierung der Klosterkirche und der Konventgebäude und die als sehr prachtvoll geschilderte Innenausstattung des Gotteshauses zeugen vom Wohlstand des Klosters im 14. und 15. Jahrhundert. Abt Heinrich III. Katzl (1444–1471) ließ um 1460/70 die dreischiffige romanische Basilika und den Kreuzgang im gotischen Stil umbauen und einwölben. Um 1495 wurde der Westturm aufgeführt. In der Amtszeit von Abt Nikolaus Humler (1496–1516) wurden die Bauarbeiten abgeschlossen. St. Veit stellt seitdem die größte spätgotische Hallenkirche im weiten Umkreis dar. Für sie schuf der berühmte Landshuter Bildhauer Hans Leinberger um 1515 eine Madonna (heute im Bayerischen Nationalmuseum, München).
Gewaltigen Schaden in seinen Besitzungen erlitt das Kloster während des Landshuter Erbfolgekriegs (1503–1506). In der Reformationszeit kam es unter unfähigen Äbten zu einer schweren Krise. Abt Andreas Kirchisner wurde 1556 abgesetzt und wegen seiner Vergehen zu lebenslangem Kerker verurteilt. Damals lebten nur noch drei Mönche im Kloster. Der Nachfolger, Abt Job von Lauterbach, hinterließ bei seinem Tod 1563 hohe Schulden, die Verwaltung der Güter wurde an weltliche Administratoren übertragen. Erst unter den Äbten Andreas Sappenberger (1602–1633) und Maurus Fröschl (1633–1653) begann sich das Kloster – trotz der Schwedeneinfälle im Dreißigjährigen Krieg und einem Brand 1639 – wieder zu stabilisieren. 1634 erlagen fast alle Mönche der Pest, sodass der Abt Weltpriester für die Seelsorge in den inkorporierten Pfarreien anstellen musste. Sein Nachfolger, Abt Gregor Wöstermayer (1653–1687), war ein guter Ökonom und ein Förderer von Kunst und Wissenschaft. Er führte die Abtei zu neuem Wohlstand. Die weitgehend zerstörte Kirche wurde im frühbarocken Stil ausgestaltet. Der italienische Baumeister Christoforo Zuccali baute unter Abt Bernhard Hintershuber (1687–1695) einen neuen Klostertrakt, der jedoch schon wenige Jahre später ein Opfer der Flammen wurde. Abt Marian Wieser (1695–1720), ein gebürtiger Neumarkter, hatte für einige Jahre Philosophie an der Universität Salzburg gelehrt, bevor er 1688 in das Kloster zurückkehrte und dort zunächst das Priorat übernahm. Die nach einem verheerenden Brand im Jahr 1708 wieder errichteten Konventgebäude und die Klosterkirche erhielten in seiner Amtszeit ihre heutige Form. Die Chorwände der Abteikirche ließ er 1699 mit Szenen aus dem Leben des hl. Vitus und begleitenden Stuckfiguren schmücken. Unter Abt Gregor II. Kirmayr (1723–1764) zählte der Konvent 21 Mitglieder. 1730 wurde die 700-Jahr-Feier des Klosters feierlich begangen, die allerdings auf einem falschen Gründungsdatum beruhte. Der Bibliothekar Maurus Aimer, Abt von 1764 bis 1772, ließ die durch einen Sturm zerstörte Kirchturmspitze von Baumeister Johann Michael Fischer durch eine prächtige Rokokokuppel ersetzen. Der neue Hochaltar aus Marmor von Jakob Mosl (Salzburg) erhielt 1783 das Gemälde „Martyrium des hl. Vitus“ von Johann Nepomuk della Croce (Burghausen) sowie im Auszug eine Darstellung der Klostergründung von Franz Xaver Hornock.
Mit Cölestin Weighart trat 1795 der letzte Abt des Klosters sein Amt an. Die disziplinarische Ordnung der immer noch sehr wohlhabenden Abtei war zu diesem Zeitpunkt desolat. Die Klosterschule, die seit dem 15. Jahrhundert bestanden hatte, wurde geschlossen. Eine Visitation durch den kurfürstlichen Geistlichen Rat in München im Jahr 1796 führte zu einer vernichtenden Beurteilung. Die Abtei beantragte schließlich selbst ihre Auflösung bei Kurfürst Max IV. Joseph in München, der dem Wunsch entsprach. Abt Cölestin und die 20 Patres erhielten eine Pension zugesprochen. Die Konventgebäude wurden 1802 an das neu gegründete adelige Damenstift St. Anna in München verkauft; ein großer Teil des Vermögens floss dem Schulfonds zu.
1809 nahm Napoleon bei der Schlacht von Neumarkt in St. Veit Quartier. Mit der Auflösung der Niederlassung des Damenstifts im Jahr 1829 wurde die Klosterkirche zur Pfarrkirche. Der sächsische Freiherr Maximilian Speck von Sternburg erwarb die Klostergebäude und richtete dort ein landwirtschaftliches Mustergut ein. Die Gebäude wechselten in der Folge mehrfach ihren Besitzer. 1858 wurden sie an Graf Maximilian von Montgelas verkauft, der die Anlage als Schloss nutzte. Im Jahr 1894 erwarb der Direktor der Löwenbrauerei, Anton Hertrich, die Gebäude. Dessen Sohn Otto betrieb erfolgreich die Expansion der ehemals klösterlichen Brauerei Sankt Veit, die bis 1984 bestand. 1934 wurde der Beschluss gefasst, den Ort in Neumarkt-St. Veit umzubenennen, um die Bedeutung des ehemaligen Benediktinerstifts für die geschichtliche Entwicklung der Kommune zum Ausdruck zu bringen. Der Großteil des Klosters war damals im Besitz des erzbischöflichen Klerikalseminars in Freising. Seit 1952 wird die Anlage als Altenheim genutzt; 1996 erfolgte ein moderner Anbau. An die einst reiche Benediktinerabtei erinnern heute noch einige stuckierte Prunkräume im ehemaligen Kloster sowie die Grabsteine der Äbte im Kreuzgang und in der Pfarrkirche St. Veit.
Christine Riedl-Valder
Link:
http://www.stift-st-veit.de/history.html (Walter Jani)
http://www.gda.bayern.de/findmittel/ead/index.php?fb=463
(Kloster St. Veit, Urkunden, bearbeitet von Dr. Monika Ofer)