Stichwörter: antisemitisch, Antisemitismus
Bereits Martin Luther gilt als "Protoantisemit", weil er neben der Religion auch ökonomische und gesellschaftliche Motive gegen Juden anführte. In seinen Augen waren Juden keine Untertanen des Heiligen Römischen Reiches, sondern ein schädlicher Fremdkörper. Dieses Element spielte im Lauf der Zeit eine immer wichtigere Rolle, während das religiös-christliche Motiv in den Hintergrund rückte. Der moderne Judenhass entstand vor dem Hintergrund der langen Napoleonischen Kriege im frühen 19. Jahrhundert. Es handelte sich dabei um einen Rassismus, der eine paranoide Verarbeitung jener tiefen gesellschaftlichen Krisen darstellte, die mit dem Aufkommen des Nationalgedankens und der Durchsetzung des industriellen Kapitalismus entstanden. Weil die Juden seit vielen Jahrhunderten ohne ein eigenes Land verstreut lebten, galten sie den Antisemiten als "Weltbürger" im negativen Sinne. Die Hetzer unterstellten ihnen, dass sie keine richtige Heimat kannten und Loyalität nur untereinander hielten. In der politischen Linken prägte bereits Karl Marx (1818-1883) einen Antisemitismus, der vorgeblich kapitalismuskritisch und anti-kolonialistisch ist, jedoch die Geldwirtschaft mit dem Judentum gleichsetzt.
Vollständig erfundene Propagandawerke wie "Die Protokolle der Weisen von Zion" (wohl 1898) schürten die Angst vor einem subversiven "Weltjudentum", das nach der absoluten Macht strebte. Dieses Ziel würde es insgeheim auf mehreren Wegen verfolgen: Durch die Beherrschung des internationalen Kapitalmarktes (Kapitalismus), die Erschütterung traditioneller Säulen der Gesellschaft durch Revolutionen und neue Ideologien, mit der Zersetzung der Gesellschaft durch Amoral und Hedonismus, und zuletzt durch die Auslöschung des Individuums in politischen Kollektiven (Marxismus, Kommunismus). Dadurch entstand der völlig paradoxe Vorwurf, dass "die Juden" gleichzeitig "den Kapitalismus" und "den Kommunismus" sowie alle möglichen Geheimgesellschaften wie etwa die Freimaurer beherrschten.
Öffentlich agierende Judenfeinde wie Wilhelm Marr (1819-1904) und Otto Glagau (1834-1892) organisierten sich vereinsförmig als "Anti-Semiten". Sie beanspruchten eine vermeintlich wissenschaftliche Grundhaltung, weil sie Juden nicht mehr nur als Menschen jüdischen Glaubens, sondern als Angehörige einer außereuropäischen und schädlichen "Rasse" bestimmten. Der Antisemitismus wurde dadurch als generelle Abneigung gegenüber "biologischen Tatsachen" verbrämt. Die logische Konsequenz daraus war die Entfernung der Juden aus dem jeweiligen Volkskörper im Sinne der damals (weltweit) verbreiteten These der "Rassenhygiene".
Um die Wende zum 20. Jahrhundert wurde München eine Hochburg dieses "völkischen" Antisemitismus. Aus ihm ging die Ideologie der Nationalsozialisten hervor. Auch die Nationalsozialisten zeichneten das Bild "des Juden" (ein herabwürdigender Pauschal-Singular) als Vertreter eines moralischen Kapitalismus sei, der die althergebrachten Gesellschaftstrukturen und Werte (Mittel-)Europas untergraben wolle. Dies wurde unter anderem im antisemitischen Propagandafilm "Jud Süß" (1940, Regie Veit Harlan) deutlich, der alleine im Deutschland von über 20 Millionen Menschen gesehen wurde. Der NS-Rassebegriff schwankte angestrengt zwischen einer vorgeblich naturwissenschaftlicher Haltung, neo-paganer Germanenesoterik und einer willkürlichen politischen Definition des Begriffs "Rasse" an sich. Dieser Wahn führte zur Diskriminierung und Ausgrenzung der Jüdinnen und Juden in Deutschland sowie den später besetzten Ländern und mündete im bis heute unvorstellbaren Grauen der Shoah, dem größten Kulturbruch der Menschheitsgeschichte.
Antisemitismus sowohl von Rechts wie auch von Links ist bis heute in der Welt präsent und eine alltägliche Bedrohung. Er äußert sich auch in der Leugnung der Shoah (Holocaust), die als jüdische Propaganda abgetan wird. Eine für Deutschland relativ neue Variante ist der gewaltbereite islamische Antisemitismus, der antijüdische mit antisemitischen Elementen vereint. Er speist sich aus dem Hass auf den Staat Israel sowie der Ablehnung laizistisch-westlicher Gesellschaftsformen.
Quelle: Micha Brumlik: Antisemitismus. Ditzingen 2020, S. 45-81. // Herbert A. Strauss. Anfänge und Folgen des Antisemitismus. In: In: Haus der Bayerischen Geschichte / Manfred Treml / Josef Kirmaier / Evamaria Brockhoff (Hg.): Geschichte und Kultur der Juden in Bayern – Aufsätze. München 1988 (= Veröffentlichungen zur Bayerischen Geschichte und Kultur 17), S. 443-454.
Aus: Jüdisches Leben in Bayern
(hdbg.eu/juedisches_leben)