Biografien
Menschen aus Bayern

Schalom Ben-Chorin (geb. Fritz Ro­senthal) Religionsphilosoph, Journalist und Schriftsteller

geboren: 20.07.1913, München
gestorben: 07.05.1999, Jerusalem

Wirkungsort: München | Tel Aviv | Jerusalem | Tübingen

Fritz Rosenthal wuchs in einer großbürgerlichen jüdischen Familie auf. Nach dem Abitur begann er 1928 eine Lehre zum Buchhändler und verließ das völlig assimilierte Elternhaus, um bei einer strenggläubigen Familie nach seinen jüdischen Wurzeln zu suchen. 1931 begann er ein Studium an der LMU München und publizierte erste Werke. Mit seiner ersten Ehefrau Gabriella Rosenthal (1913–1975) flüchtete er 1935 nach Palästina. Dort änderte Rosenthal seinen Namen endgültig in Schalom Ben-Chorin (hebr. Frieden, Sohn der Freiheit) und arbeitete hauptberuflich als Journalist, blieb aber weiterhin literarisch tätig. Mit seiner zweiten Frau Avital geb. Fackenheim (1923–2017) kehrte er erstmals 1956 nach Deutschland zurück. Sein ganzes Leben widmete Schalom Ben-Chorin dem christlich-jüdischen Dialog und der Überwindung des Antisemitismus. Er wurde mit zahlreichen Ehrungen bedacht, u.a. dem Bundesverdienstkreuz 1. Klasse (1969) und der Ehrendoktorwürde der LMU München (1988). Seit 2009 wird sein vollständiges Arbeitszimmer aus Jerusalem im Münchner Stadtarchiv aufbewahrt.

Fritz Rosenthal stammte aus einer gebildeten jüdischen Kaufmannsfamilie, die sich vollständig in München assimiliert hatte. Mit seinen Eltern Richard Rosenthal (1870-1924), Marie geb. Schlüsselblum (1876-1934) und der älteren Schwester Jeanne verh. Bachmann (1907-1972) wohnte er an nahe dem Isartor in der Zweibrückenstraße 8. Für den Jahresbericht zum hundertsten Jubiläum seines Luitpold-Gymnasium steuerte Ben-Chorin im Jahr 1991 den Beitrag "Die Ketzerklasse" bei. In ihm erinnerte er sich an einige seiner Mitschüler des Jahres 1925: Von A wie Robert Aufhäuser, Sohn des Bankdirektors Heinrich Aufhäuser ("gekleidet meist in einer bayerischen Krachledernen"), bis W wie Helmuth Wallach, Sohn des Trachtenmodeschöpfers Julius Wallach. Nach dem Abitur begann er eine Lehre zum Buchhändler.

Am Weihnachtsabend des Jahres 1928 traf der damals 15-Jährige nach reiflicher Überlegung und vielen Gewissensqualen eine Entscheidung, die sein Leben nachhaltig veränderte: Er verließ sein liberal gesinntes jüdisches Elternhaus, um in den nächsten Jahren bei einer strenggläubigen Familie zu leben. "Mir genügte das Dreitagejudentum nicht mehr“, begründete er später seinen Entschluss, "ich wollte dreihundertfünfundsechzig Tage im Jahr meines Judentums bewusst sein". Und er änderte auch seinen Namen: Aus Fritz Rosenthal wurde (zunächst nur als künstlerisches Pseudonym) Schalom Ben-Chorin: Hebräisch für "Frieden, Sohn der Freiheit". Ab 1930 folgten erste Veröffentlichungen (Lyrik, Essays und Zeitungsartikel). Von 1931 bis 1934 studierte Ben-Chorin Germanistik und vergleichende Religionswissenschaften an der Ludwig-Maximilians-Universität München.

Nach der NS-Machtübernahme 1933 wurde Schalom Ben-Chorin – als öffentlich bekannter jüdischer Künstler – von SA-Männern und anderen Nationalsozialisten in seiner Wohnung, im Polizeipräsidium und auf der Straße mehrmals zusammengeschlagen und übel verletzt. "Wieder und wieder kamen die Häscher in ihren schwarzen Uniformen in meine Wohnung", schrieb er in seiner Autobiografie "Jugend an der Isar", "zerrten mich aus dem Bett, durchsuchten Schreibtisch und Spind, (…) schnüffelten in Büchern und Papieren herum und stellten planlose Verhöre mit mir an, die böse an den Nerven zu zerren begannen. Ich erschrak, so oft es an der Haustür klingelte, und wie im Selbstgespräch mußte ich vor mich hinsagen: Jetzt holen sie dich wieder". 1934 erschien Ben-Chorins Gedichtband "Die Lieder des ewigen Brunnens", für den Maria Luiko (1904–1941) die Illustrationen beisteuerte.

Ben-Chorin heiratete im Mai 1935 Gabriella Rosenthal (1913–1975), eine Enkeltochter des Münchner Buch- und Antikenhändlers Jacques (Jakob) Rosenthal (1854–1937). Nach einer weiteren Verhaftung im Juni desselben Jahres entschloss sich die junge Familie für die Emigration und flüchtete in das britische Mandatsgebiet Palästina, wo Ben-Chorin als Journalist arbeitete. Dort wurde auch 1936 der gemeinsame Sohn Tovia geboren. Schalom konnte 1937 auch offiziell seinen Namen ändern und führte ihn für den Rest seines Lebens. Isoliert in der Fremde, in einer wirtschaftlich und seelisch schwierigen Situation, zeigten sich schon bald Risse im Eheglück. Nach der Scheidung lernte Ben-Chorin in Palästina Avital (Erika) Fackenheim (1923–2017) kennen und heiratete sie im Jahr 1943.

Erst 1956 unternahm Schalom Ben-Chorin eine Reise zurück nach Deutschland. Im Jahr 1958 gründete er die erste jüdische Reformgemeinde Israels in Jerusalem (Har-El Gemeinde). Im gleichen Jahr wurde seine Tochter Ariela geboren. Ben-Chorin empfing 1959 den Leo-Beck-Preis und war 1961 Mitgründer der "AG Juden und Christen" beim Deutschen Evangelischen Kirchentag. Von 1970 bis 1987 lehrte er als Dozent und Gastprofessor in Jerusalem, Tübingen und München. Avital und Schalom Ben-Chorin leiteten die ersten offiziellen Delegationen israelischer Jugendlicher, die Deutschland besuchten, und legten damit den Grundstein für den deutsch-israelischen Jugendaustausch.

Mit seiner Autobiografie "Jugend an der Isar" (deutsche Ausgabe 1974) hinterließ Ben-Chorin ein Zeugnis des bayerisch-jüdischen Alltags in München. Als sich 1975 der "Verband deutschsprachiger Schriftsteller Israels" (VdSI) zusammenschloss, gehörte er dem fünfzehnköpfigen Gründungskomitee an. Schalom Ben-Chorin wurde mit zahlreichen Preisen geehrt, u.a. mit dem Bundesverdienstkreuz 1. Klasse (1969) und der Ehrendoktorwürde der LMU München (1988). An seinem Geburtshaus in der Münchner Zweibrückenstraße 8 wurde eine große Gedenktafel angebracht.

Im Oktober 2009 übereignete Avital Ben-Chorin das Arbeitszimmer ihres verstorbenen Mannes dem Münchner Stadtarchiv, mitsamt der Bibliothek, inklusiver aller Möbel und sonstiger Objekte. Beide Zimmer wurden im 2. Obergeschoss des Archivaltbaus (Winzererstraße 68) möglichst detailgetreu rekonstruiert. Das Zimmer ist nach einer Voranmeldung frei zugänglich. Der schriftliche Nachlass Schalom Ben-Chorins befindet sich im im Literaturarchiv Marbach.


(Patrick Charell)

Bilder

Literatur

  • Andrea Kästle: München leuchtete nicht für jeden. Was Gedenktafeln der Stadt verschweigen. München 2024, S. 69-72.
  • Schalom Ben-Chorin: Jugend an der Isar. München / Berlin 1993 (1974).
  • Schalom Ben-Chorin: Jenseits von Orthodoxie und Liberalismus. Versuch über die jüdische Glaubenslage. Tübingen 1991 (1939).
  • Schalom Ben-Chorin: Weil wir Brüder sind. Zum christlich-jüdischen Dialog heute. Gerlingen 1988.
  • Heinz M. Bleicher (Hg.): Der Mann der Friede heißt. Begegnungen, Texte, Bilder für Schalom Ben-Chorin.Festschrift zum 70. Geburtstag. Gerlingen 1983.

GND: 118655302