Bis heute ist der Name von Louis Weinmann untrennbar mit der Dachauer Papierfabrik MD verbunden, einem der erfolgreichsten Papiererzeuger Deutschlands. Dem Unternehmen verdankt Dachau maßgeblich seinen Aufstieg zur modernen Industriestadt, außerdem führte Weinmann soziale Verbesserungen für die Belegschaft ein. In seinen Villen in München und am Starnberger See traf sich alles, was in der Gesellschaft Rang und Namen hatte. Seine Ehefrau Julie geb. Wassermann (1849-1936) stand im engen Kontakt zur Frauenrechtlerin Carry Brachvogel (1864-1942). Louis Weinmann ist ein Beispiel dafür, wie jüdische Unternehmer das moderne wirtschaftliche Leben in Deutschland gestaltet haben. Er ist auch ein Beispiel für die Assimilation vor allem großbürgerlicher jüdischer Kreise: Seine drei Söhne konvertierten zum Protestantismus, Weinmann selbst ließ sich entgegen des Ritus kremieren und ruht in einer "Gedächtniskapelle" auf dem Gelände von Haus Buchenried (VHS München).
Louis Weinmann kam in Wallerstein zur Welt, einet der bedeutendsten und ältesten jüdischen Kultusgemeinden in Deutschland. Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts war das "königlich-bayerische Bezirksrabbinat Wallerstein" für alle jüdischen Gemeinden im bayerischen Ries zuständig. Sein Vater war der Kaufmann Leopold (Loeb Lazarus) Weinmann (1801-1879), seine Mutter Berta geb. Badmann (1815-1873), deren Gräber sich noch heute auf dem jüdischen Friedhof in Wallerstein finden lassen. Bereits als jungen Mann zog es Weinmann aus der wirtschaftlichen und sozialen Enge der Landgemeinde nach München. Hier arbeitete er zunächst als Buchhalter und Kassierer im Bankhaus Josef von Hirsch, einem Nachfahren des berühmten Hofbankiers Jakob von Hirsch. Literarisch und künstlerisch interessiert, bewegte sich Weinmann auch in Münchens Künstlerkreisen, wo er Julie Wassermann (1849-1936) kennenlernte, die Tochter des Reichenhaller Hoteliers Josef Wassermann. Wenige Jahre später heirateten sie, und aus der Ehe gingen die Söhne Rudolf (1870-?), Friedrich (1878-1905) und Kurt (1889-1974) hervor.
1864 tritt der 25-jährige Louis Weinmann in die München-Dachauer Aktiengesellschaft für Maschinenpapierfabrikation (MD) ein, die der Münchner Ingenieur Gustav Medicus zwei Jahre zuvor gegründet hatte. Als Weinmann in den Vorstand gewählt wurde, begann das Unternehmen zu prosperieren. Der Betrieb wurde neu organisiert und auf seine Person konzentriert. Weinmann veranlasste wegweisende Investitionen des Unternehmens: Zuvorderst den Kauf des umfangreichen Areals Steinmühle in Dachau, auf dem eine Papierfabrik errichtet wurde, die sich in den kommenden Jahrzehnten zum Herzstück der MD entwickelte. Unter ihm erhielt der Betrieb eine Werksfeuerwehr, die auch der Gemeinde Dachau Hilfe leistete. Viele neue Maschinen wurden angeschafft, darunter auch eine Papiermaschine, die 1873 in Wien auf der Weltausstellung als technische Innovation für Aufsehen gesorgt hatte. 1890 wurde der mittlerweile zum Kommerzienrat ernannte und zum Handelsrichter avancierte Weinmann Hauptaktionär der MD-AG. Das in Dachau hergestellte Papier belieferte auch auch Münchner Zeitschriften wie den "Simplicissimus" oder die "Jugend". Unter Weinmann entwickelte sich die Fabrik der MD zum Wachstumsmotor und jahrzehntelang zum wichtigsten Arbeitgeber in Dachau und Umgebung. Tatsächlich ist es mitunter auf die Ansiedlung der Papierindustrie in Dachau zurückzuführen, dass sich Dachau zu einer modernen Stadt entwickelte. Doch die Strahlkraft der MD reichte weit über die regionalen Grenzen hinaus nach ganz Europa und Übersee.
Weinmann, der "Vater der Arbeiter", initiierte in seiner Fabrik wichtige Sozialleistungen: Er gründete eine Betriebskrankenkasse und eine Pensionskasse für die Werksangehörigen, sowie einen Wohltätigkeitsfonds, mit dessen Zinsen in Not geratene Arbeiter und Beamte Unterstützung fanden. Auch die hygienischen Verhältnisse im Betrieb verbesserte er. Zusammen mit seiner Frau richtete er 1889 eine Stiftung ein, die Kinder von verstorbenen oder verunglückten Beschäftigten unterstützte. Um seinen Mitarbeitern günstigen Wohnraum in der Nähe ihres Arbeitsplatzes anbieten zu können, wurden zudem mehrere Häuser nahe der Fabrik errichtet.
Louis Weinmann selbst wohnte mit seiner Familie in München am Siegestor in einer Villa, die nach den Plänen Albert Schmidts errichtet worden ist, dem Architekt der alten Hauptsynagoge an der Herzog-Max-Straße. Weinmanns Villa entwickelte sich in den 1890er Jahren zu einem wichtigen Künstler- und Gelehrtentreff. Seine Frau Julie stand in engstem Austausch mit der Schriftstellerin Carry Brachvogel, die gleichfalls einen Salon am Siegestor führte.
Bereits 1877 hatte Louis Weinmann für seine Sommeraufenthalte ein 14.000 Quadratmeter großes Grundstück mit Villa in Leoni am Starnberger See von der Witwe des Bestsellerautors Georg Friedrich Hackländer erworben. 1882 ließ er dort eine neue Villa ins Grundbuch eingetragen, die "Villa Weinmann", die bis 1919 in Familienbesitz bleiben sollte. Aus den 2016 wiedergefundenen Gästebüchern geht hervor, dass nicht nur die Münchner Villa, sondern auch das Leoni-Anwesen in der Weinmann-Ära zu einem bedeutenden Treffpunkt deutscher und europäischer Wissenschaftler und Künstler avancierte. In den Gästebüchern finden sich Namen vieler bekannter Persönlichkeiten und Familien, darunter Pilar Prinzessin von Bayern, Franz von Pocci, der Physiker Dr. Leo Graetz, die Verlegerfamilien Hanfstaengl und Knorr & Hirth, Mitglieder der Familien Rothschild, Rosenthal, Wassermann, Kustermann, Porges, Wertheimer oder von Miller.
Dass sich auch die Weinmanns aufgrund der Assimilationsbestrebungen vieler deutscher Juden seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts von ihrem Selbstverständnis nicht mehr als "jüdisch" begriffen, ist daran zu ersehen, dass alle drei Söhne der Weinmanns in den 1890er Jahren zum protestantischen Glauben übertraten. Deutlich wird dies aber auch an den mit dem Tod von Louis Weinmann verbundenen Begräbnisumständen: Nach jüdischem Brauch üblich gewesen wäre ein Begräbnis in einem Holzsarg. Nach seinem Tod am 13. Mai 1902 in München wurde Louis Weinmann stattdessen vier Tage später in ein Krematorium in Jena gebracht, eingeäschert und seine Urne wieder nach München überführt. Im Jahr darauf errichtete der bekannte Architekt Theodor Fischer (1862-1938) hinter der Weinmann Villa in Leoni eine im Jugendstil gehaltene "Gedächtniskapelle" als Aufbewahrungs- und Gedenkort, die heute unter Denkmalschutz steht.
Aus der Serie „Gesichter unseres Landes“ von der Hanns-Seidl-Stiftung
(Ingvild Richardsen)
Literatur
- Isaria Wohnbau (Hg.) / Tobias Birken, Dorothea Cornette, Michael Kamp: Das Louis Weinmann Projekt. Von der Papierfabrik zum Stadtviertel. München 2017.
- Münchner Volkshochschule GmbH (Hg.) / Ingvild Richardsen: Haus Buchenried 1827 bis 1953. Ein Beitrag zur Geschichte der Münchner Volkshochschule. München 2023, hier S. 37-55.
Weiterführende Links
Quellen
GND: 1073461238