Karoline „Carry“ Brachvogel gelang 1895 mit dem Debütroman "Alltagsmenschen" der Durchbruch. 1903 trat sie in den Verein für Fraueninteressen ein und gehörte von 1913 bis 1917 zum Vorstand. Carry Brachvogel war Mitgründerin des "Münchner Schriftstellerinnen-Vereins" und Gründerin der "Kommission für Bühnenangelegenheiten". Die liberal aufgewachsene Jüdin war mit dem christlichen Journalisten Wolfgang Brachvogel verheiratet und hatte zwei Kinder. Brachvogels literarischer Salon gehörte zu den bekanntesten Treffpunkten der Münchner Kulturszene. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 erhielt sie Berufsverbot und starb 1942 durch die harten Bedingungen im Konzentrationslager Theresienstadt.
Karoline Brachvogel war die Tochter des wohlhabenden Münchener Kaufmanns Heinrich Hellmann und seiner um 20 Jahre jüngeren Ehefrau Zerlinda Karl-Hellmann. Die Familie wohnte zunächst in der Residenzstraße, später in der Brienner Straße. Zusammen mit ihrem Bruder Siegmund Hellmann (1872-1942) wuchs Karoline, genannt Carry, im Umfeld eines liberalen, kulturell interessierten Judentums auf. Schon früh entwickelte sie ein ausgeprägtes Interesse für Literatur und Theater und beschäftigte sich besonders mit französischen und skandinavischen Schriftstellern. Nach einer Erziehung zur höheren Tochter heiratete sie 1887 den römisch-katholischen Journalisten Wolfgang Brachvogel (1854-1892), damals Redakteur der Münchner Neuesten Nachrichten, ohne selbst zum Christentum zu konvertieren. Ihre Tocher Feodora (1888-?) wuchs konfessionslos aus, der ein Jahr später geborene Sohn Heinz-Udo (1889-1934) wurde hingegen getauft. Nach dem Tod ihres Mannes - er ertrank im Tegernsee - spielte sie an diversen Berliner Bühnen und konzentrierte sich auf ihre eigene schriftstellerische Entwicklung. Gleich mit ihrem Erstling "Alltagsmenschen" (1895) gelang ihr der Durchbruch. In den kommenden drei Jahrzehnten schrieb sie fast 40 Romane, Biographien und Erzählungen, die zumeist finanziell sehr erfolgreich waren und von den Kritiken gelobt wurden.
1903 trat die jüdisch-stämmige Carry Brachvogel in den überkonfessionell ausgerichteten "Verein für Fraueninteressen" ein und wurde 1913 in den Vorstand gewählt. Der Verein hatte auch männliche Mitglieder wie Max Haushofer und Rainer Maria Rilke. Nach ihrem Eintritt widmete Carry Brachvogel ihr Schreiben immer stärker der Rolle der Frau in der Gesellschaft. In ihren Romanen und Erzählungen stellte sie verschiedene Frauentypen dar und legte dabei stets großen Wert auf das Bild der arbeitenden Frau. Brachvogel nahm sich auch den Biografien real existierender einflussreicher Frauen. 1913 gründete sie die "Kommission für Bühnenangelegenheiten" und, gemeinsam mit Emma Haushofer-Merk, den "Verein Münchner Schriftstellerinnen". Nach der ersten offiziellen Sitzung des Vereins zählte dieser 68 Münchner Schriftstellerinnen und Journalistinnen als Mitglieder. Der Verein verfolgte den Zweck, in München lebende Schriftstellerinnen und Journalistinnen zu vertreten und eine Plattform für den beruflichen Austausch zu bieten. Die Mitglieder sollten ihre Werke nicht unter Wert verkaufen, der Verein forderte die gleiche Bezahlung von männlichen und weiblichen Schriftstellern. 1918 wurde der Name des Vereins in "Münchner Schriftstellerinnen-Verein" geändert: „Modern sein heißt für die Frau nicht etwa, nur einen Beruf haben, promovieren oder an Wahltagen einen Stimmzettel abgeben wollen, nein, modern sein heißt für die Frau, ihr Leben nicht ausschließlich auf die Liebe festlegen, heißt dem Manne nicht die Gewalt zu binden und zu lösen zugestehn. Modern sein heißt für die Frau ein eigenes Gesetz in der Brust tragen, dessen Erfüllung ihr vielleicht nicht banales Glück, gewiß aber das höchste Glück der Erdenkinder gewährt: die Persönlichkeit. Modern sein heißt für die Frau wohl lieben bis zum höchsten Opfermut, nicht aber bis zur Selbstvernichtung, heißt sich nur fürstlich, nie aber närrisch verschwenden, heißt ein Unlösbares in sich tragen, das nie zerstört werden kann, sozusagen ein Fideikommiß der Seele, das ewig unveräußerlich bleibt“.
Der 1914 ausbrechende erste Weltkrieg beeinflusste die Arbeit der Münchner Schriftstellerinnen. Carry Brachvogel verfasste den Text "Die Frau und der Krieg", in welchem sie die Verantwortung betonte, welche Frauen im Krieg zukommt. Sie sah Frauen als Kämpferinnen gegen Arbeitslosigkeit, Hunger und Not. Während des Krieges übernahm Carry Brachvogel die Leitung der Nähstube des Vereins für Fraueninteressen, in welcher bis zu 150 Arbeiterinnen tätig waren. Später wurde ihr für diesen Dienst das Bayerische Ludwigskreuz verliehen. Auch ein weiterer Roman aus Carry Brachvogels Feder erschien in dieser Zeit: "Schwertzauber" (1917) handelt von den Veränderungen, die Menschen im Laufe eines Krieges durchmachen, von anfänglicher Kriegslust hin zu Verzweiflung und Tod. Die bürgerliche Frauenbewegung erholte sich nur schwer vom Ersten Weltkrieg und der Verdrängung ihrer Themen durch die Konzentration auf das „Vaterland“. 1917 verlies Carry Brachvogel den Vorstand des Vereins für Fraueninteressen, blieb aber Mitglied. Aufgrund der wirtschaftlichen Einbußen durch den Krieg publizierte sie in dieser Zeit viel.
Am 12. November 1918 wurde in Deutschland das Frauenwahlrecht eingeführt. Aus diesem Anlass verfasste Carry Brachvogel das Buch "Frauen in der Politik". Die satirische Schrift unternimmt eine Reise durch die Jahrhunderte und stellt Frauen vor, die in ihrer Zeit politische Macht oder Einfluss hatten. Das Fazit ist dennoch ernüchternd, Frauen sind laut Carry Brachvogel "aus der Politik Ausgesperrte". So schrieb sie: "Der Staat ist eine Schöpfung des Mannes. Männer haben ihn ausgedacht, haben ihn aufgebaut, haben seine Grenzen gezogen, seine Gesetze bestimmt, haben ihn mit Krieg belastet oder mit Werken des Friedens beglückt. […] Die Frau, die den Staatsgedanken nicht ausdachte, hat auch, nach dem Gebot der Männer, an seinem Ausbau keinen Anteil haben dürfen. Zum Waffendienst durch ihre körperliche Beschaffenheit untauglich, blieb sie auch von jeglichen politischen Rechten ausgeschlossen, genau so, wie die Unmündigen, Verbrecher und Irrsinnigen, und es hatte beinahe den Anschein, als ob innerhalb des Staates überhaupt kein Raum für sie wäre". Die Verantwortung hierfür lag ihrer Meinung nach auch bei den Frauen selber, denn diese seien jahrhundertelang in naiver Warteposition verharrt. Carry Brachvogel zweifelte trotz der Einführung des Wahlrechts daran, dass sich die Situation für Frauen maßgeblich verändern würde. In den 1920er Jahren veröffentlichte sie weitere erfolgreiche Werke. 1925 wurde sie zur ersten Vorsitzenden des Schriftstellerinnen-Vereins gewählt, in dem sie sich nach wie vor für die Belange seiner Mitglieder engagierte.
Ihr literarischer Salon in der Ludwigstraße 17b direkt neben dem Siegestor (heute Bayerisches Landessozialgericht) galt über zwei Jahrzehnte lang als Zentrum des kulturellen Lebens in München. Hier empfing die erfolgreiche Schriftstellerin jeden, der künstlerisch Rang und Namen hatte, Einer ihrer Gäste, Ernst von Wolzogen, beschrieb die Atmosphäre bei dieser "feingebildeten Jüdin voll gepfefferter Bosheit und schlagfertigen Geistes" in seinen Lebenserinnerungen: "Ihr Trick bestand darin, Widerspruch herauszufordern, dann platzten die Geister ganz von selbst aufeinander". Der damals noch kaum bekannte Rainer Maria Rilke, der mit seiner exotischen geliebten Lou Andreas-Salomé gern zu den "Tees" in das "weiße Schloss" kam, nannte den Brachvogel-Salon das "eigentlich intime Künstlermünchen". Er genoss den "Boshaften Witz" der Gastgeberin und widmete ihr sogar ein Gedicht: "Die Uhren stehen still im Schloss. Es starb die Zeit".
Die Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 zerschlug die Münchner Boheme mitsamt der Frauenbewegung. Carry Brachvogel erhielt aufgrund ihrer jüdischen Herkunft und ihrer freisinnigen Haltung sowohl Berufs- wie Publikationsverbot. Ihr wurde auch der Vorsitz des Münchner Schriftstellerinnen-Vereins entzogen, wovon sie nur schriftlich Kenntnis bekam. Das Bild der modernen Frau hatte im nationalsozialistischen Regime keinen Platz.
Am 21. Juli 1942 wurde Carry Brachvogel in das Konzentrationslager Theresienstadt verschleppt. Dort starb die 74jährige am 20. November 1942 an den harten Haftbedingungen. Ihr Leben war der (vor allem wirtschaftlichen) Gleichberechtigung von Männern und Frauen gewidmet, welche bis heute noch nicht vollständig erreicht ist. Seit 1992 erinnert der „Carry-Brachvogel-Salon“ in der Seidlvilla an die einstmals so bekannte Münchner Schriftstellerin. Durch Stadtratsbeschluss vom 14. Juni 2012 wurde in einem Neubaugebiet von München-Bogenhausen eine Straße nach ihr benannt. 2018 widmete die Münchner Monacensia im Hildebrandhaus dem Leben Brachvogels im Rahmen der Ausstellung "Evas Töchter. Münchner Schriftstellerinnen und die moderne Frauenbewegung 1894 - 1933" einen größeren Abschnitt.
Aus der Serie "Gesichter unseres Landes" von der Hanns-Seidl-Stiftung
(Kerstin Neuhaus)
Literatur
- Ingvild Richardsen: Evas Töchter – Münchner Schriftstellerinnen und die moderne Frauenbewegung 1894-1933. München 2018.
- Karl Stankiewitz: Aus is und gar is! Wirtshäuser, Theater, Cafés, Nachtclubs und andere verlorene Orte Münchner Geselligkeit. München 2018, S. 64f.
- Werner Ebnet: Sie haben in München gelebt. Biografien aus acht Jahrhunderten. München 2016, S. 109.
- Judith Ritter: Die Münchner Schriftstellerin Carry Brachvogel. Literatin, Salondame, Frauenrechtlerin. Berlin/Boston 2016.
- Reinhard Bauer: Schwabing leuchtet. Geschichte, Kultur und Wirtschaft. München 2004, S. 33f.
- Renate Heuer: Carry Brachvogel (1864-1942), Schriftstellerin. In: Haus der Bayerischen Geschichte (Hg.) / Manfred Treml / Wolf Weigand: Geschichte und Kultur der Juden in Bayern, Bd. 2: Lebensläufe. München 1988 (= Veröffentlichungen zur Bayerischen Geschichte und Kultur 18), S. 211-216.
- Carry Brachvogel: Hebbel und die moderne Frau. München 1912.
Weiterführende Links
Quellen
GND: 119079682