Jakob Stoll machte eine Lehrerausbildung an der Israelitischen Präparandenschule Burgpreppach und der Israelitischen Lehrerbildungsanstalt in Würzburg (ILBA). Ab 1895 unterrichtete er zunächst in Fürth und Nürnberg, dann kehrte er nach Würzburg zurück und wurde 1919 zum Seminardirektor der ILBA ernannt. Jakob Stoll bemühte sich, modernes wissenschaftliches Denken mit der orthodoxen jüdischen Tradition zu verbinden und reformierte das Institut zu einer vollwertigen, staatlich anerkannten Lehrerbildungsstätte. Stoll nahm auch seine politische Verantwortung ernst: Er war Mitglied der Deutschen Demokratischen Partei und des Bayerischen Lehrervereins. Nach der NS-Machtübernahme wurde die ILBA zu einer zentralen Anlaufstelle der bedrängten Kultusgemeinden, um den Unterricht aufrechtzuerhalten. 1938 wurde die Schule geschlossen und Stoll verhaftet. Er emigrierte im August 1939 mit seiner Frau Gitta nach New York und beantragte 1940 die US-amerikanische Staatsbürgerschaft.
Jakob Stoll wurde im unterfränkischen Maßbach als Sohn des Händlers Maier Stoll (um 1840-?) und dessen Frau Fanni geb. Meier (um 1845-?) geboren. Wie sein älterer Bruder David (1869-1936) besuchte er die kommunale Volksschule in Maßbach, aber während David eine Ausbildung zum Bäckermeister machte und später in Nördlingen lebte, entschied sich Jakob Stoll für den Lehrerberuf. Er studierte an der Israelitischen Präparandenschule im rund 35 Kilometer entfernt gelegenen Burgpreppach und schloss 1895 seine Ausbildung an der Israelitischen Lehrerbildungsanstalt in Würzburg (ILBA) ab.
Nach einer kurzen Tätigkeit an der Israelitischen Bürgerschule in Fürth wurde Stoll aufgrund seiner hervorragenden Qualifikation an die simultane (interkonfessionelle) Volksschule nach Nürnberg berufen. Jakob Stoll war nicht nur ein talentierter Lehrer, sondern auch ein politisch denkender Bürger. Er war Mitglied in der Deutschen Demokratischen Partei, der Frankenloge und im Jüdischen Kulturbund Würzburg. Auch die Organisation in einer beruflichen Solidargemeinschaft war ihm wichtig. Und so war es für ihn eine Selbstverständlichkeit, dass er im Alter von 20 Jahren dem Bayerischen Lehrerverein beitrat. Er gehörte außerdem der Verwaltung des Jüdischen Lehrervereins für Bayern an, für den er auch in die Verwaltung des Verbandes jüdischer Lehrervereine Deutschlands delegiert wurde.
Schon früh erkannte der junge Lehrer, dass die Lehrerbildung ein wesentlicher Schlüssel zur Emanzipation der pädagogischen Profession ist. So ist es nicht verwunderlich, dass er sich intensiv um den pädagogischen Nachwuchs kümmerte und die Lehrerbildung modernisierte. Noch nicht einmal 30 Jahre alt wurde er zum Seminaroberlehrer der Israelitischen Lehrerbildungsanstalt in Würzburg berufen, an der er selbst studiert hatte und deren Entwicklung fortan wesentlich durch ihn geprägt werden sollte. In Würzburg heiratete Jakob Stoll im Jahr 1907 die aus Bad Brückenau stammende Gitta geb. Lehmann (1885-1951), die Ehe blieb kinderlos.
Zum Zweck seiner eigenen Weiterqualifizierung war er von 1908 bis 1911 Gasthörer an der Universität Würzburg. Mit 35 Jahren legte er die akademische Prüfung für Seminarleiter in München ab. 1919 wurde
Nach dem Tod von Distriktsrabbiner Nathan Bamberger, dem Sohn des ILBA-Gründers und Rabbinervorgängers Seligmann Bär Bamberger, wurde Jakob Stoll 1919 zum Seminardirektor ernannt. Er trug nun die volle Verantwortung, während das Kuratorium unter dem neuen Distriktsrabbiner Hanover nur noch beratend wirkte. Als Direktor bemühte sich Stoll in seinem Unterricht und in der gesamten Seminararbeit modernes wissenschaftliches Denken mit der orthodoxen jüdischen Tradition der ILBA in Einklang zu bringen. Dafür verpflichtete er auch hochqualifizierte Seminarrabbiner und förderte die Aufwertung zu einer vollen Lehrerbildungsanstalt (1930/31 Anschluss der 1849 von Rabbiner Lazarus Ottensoser gegründeten Isr. Präparandenschule Höchberg, gleichzeitig Schulneubau in der Sandbergstraße 1). Im Jahr 1931 wurde ihm ihre wirtschaftliche und verwaltungstechnische Führung angetragen.
Ab 1934 war das Seminar ein Zentrum für überregionale Lehrer- und Schulleiterkonferenzen; zahlreiche jüdische Gemeindevorsteher informierten sich über Möglichkeiten, den Schulbetrieb fortzusetzen. Die Arbeit der ILBA - zuletzt die einzige in Deutschland - hatte, vermittelt über die zahlreichen Absolventen, beträchtlichen Einfluss auf das jüdische Bildungswesen in den Emigrationsländern. Es gibt viele Belege dafür, dass Jakob Stoll nicht nur ein engagierter Pädagoge und erfolgreicher Lehrerbildner war, sondern auch ein überzeugter Jude und ein geschätzter Kollege. Anlässlich seines 60. Geburtstages schrieb eine Würzburger Zeitung im Januar 1936: "Ein Führer der gesetzestreuen Judenheit Bayerns, Herr Studiendirektor Jakob Stoll, beging am 21. Januar seinen 60. Geburtstag. Seit 30 Jahren wirkt er als Leiter der Israelitischen Lehrerbildungsanstalt Würzburg, die er treu und gewissenhaft führt. Seine Persönlichkeit ist vielen Lehrergenerationen vorbildlich geworden in ihrer wohlgelungenen Synthese von wissenschaftlicher Gründlichkeit und treuer Anhänglichkeit zur Thora. Zu seinem 60. Geburtstag wünschen wir von Herzen: Möge dem deutschen gesetzestreuen Judentum noch recht lange seine unermüdliche Schaffenskraft erhalten bleiben".
Nach der Schließung der Israelitischen Lehrerbildungsanstalt im Novemberpogrom 1938 wurde Stoll in „Schutzhaft“ genommen. Zuvor zwang man ihn, der Verbrennung von Schriften dieser Einrichtung zuzusehen. Am 19. November wurde er aus dem KZ Buchenwald entlassen. Er emigrierte im August 1939 mit seiner Frau nach New York. Der ab 1951 verwitwete Jakob Stoll war bis zu seinem Ruhestand 1959 religiöser Leiter der deutsch-jüdischen Flüchtlingsgemeinde Ohav Sholaum in New York. Am 29. November 1962 verstarb er im Alter von 86 Jahren.
Aus der Serie „Gesichter unseres Landes“ von der Hanns-Seidl-Stiftung
(Klaus Wenzel)
Literatur
- Bayerischer Lehrer- und Lehrerinnenverband (Hg.) / Max Liedtke, Wolfgang Sosic: Von Aufbrüchen und Tragödien. Jüdische Mitglieder im Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) 1861 - 1945.. München 2021.
- Bayerischer Lehrer- und Lehrerinnenverband (Hg.) / Dieter Reithmeier: Aufstehen! Gegen Vergessen und Unrecht – Die Verfolgung und Ermordung jüdischer Lehrerinnen und Lehrer in Bayern 1933 bis 1945. München 2011.
- IKG Würzburg (Hg.) / Hans Steidle: Jakob Stoll und die Israelitische Lehrerbildungsanstalt. Eine Spurensuche. Würzburg 2002.
- Roland Flade: Die Würzburger Juden. Ihre Geschichte vom Mittelalter bis zur Gegenwart. 2. erw. Aufl. Würzburg 1996, S. 287f.
- Jakob Stoll: Die Methodik des jüdischen Religions-Unterrichts, Teil 1: Pädagogisch-psychologische Grundfragen; Teil 2: Die Methodik der biblischen Geschichte. Frankfurt a.M. 1916.
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