Der Sohn eines Pelzhändlers lernte in London, Paris und St. Petersburg das Familiengeschäft. Merzbacher eröffnete 1868 ein erfolgreiches Pelzwarengeschäft in München. Seine Leidenschaft aber galt dem Alpinismus: Seit 1876 war er als autodidaktischer Naturwissenschaftler Mitglied des Deutschen und Österreichischen Alpenvereins und beteiligte sich 1877-87 an der Erschließung des Kaisergebirges, dabei leistete er unter anderem die Erstbesteigung des Totenkirchls im Wilden Kaiser. 1888 verkaufte er sein Unternehmen, um sich ganz Forschungsreisen widmen zu können: 1891/92 unter nahm Gottfried Merzbacher zwei Fahrten in den Kaukasus, worüber er 1901 den Expeditionsbericht "Aus den Hochregionen des Kaukasus" veröffentlichte. 1901-08 folgten mehrere Expeditionen in den Tienshan und den Karakorum. Merzbacher wurde für sein Wirken mehrfach ausgezeichnet, erhielt die Ehrenprofessur und legte bedeutende Sammlungen an, geriet aber durch die NS-Diktatur in Vergessenheit. Erst in jüngerer Zeit wird sein wissenschaftlicher Beitrag mit neuem Interesse wiederentdeckt.
Gottfried Merzbacher wurde als viertes von sieben Kindern des jüdischen Fell- und Pelzhändlers Max Marcus Merzbacher sieben Kilometer nördlich von Erlangen in der mittelfränkischen Stadt Baiersdorf geboren. Nach dem Besuch der Erlanger Realschule erlernte er das Kürschnerhandwerk und wurde in Paris, London und St. Petersburg zum Kaufmann ausgebildet. 1868 eröffnete Merzbacher in der noblen Münchener Residenzstraße ein Pelzwarengeschäft, das wirtschaftlich erfolgreich war. 1888 verkaufte der Kaufmann sein Unternehmen, um sich mit dem Erlös ganz seiner Leidenschaft widmen zu können: Dem Alpinismus.
Bereits 1876 war Merzbacher dem Deutschen und Österreichischen Alpenverein beigetreten und unternahm in den folgenden Jahren zahlreiche Erstbesteigungen in den Ostalpen und insbesondere den Dolomiten. In den 1880er Jahren konzentrierte sich der Alpinist auf die Brentagruppe und die Dolomiten im Fassa- und Grödnertal.
Nach dem Verkauf seiner Firma unternahm Merzbacher zahlreiche Forschungsreisen ins außereuropäische Ausland. Als Frucht seiner Expeditionen erschien 1901 das zweibändige Werk "Aus den Hochregionen des Kaukasus", das am Anfang der deutschen außeralpinen Hochgebirgsforschung steht. Internationale Anerkennung erntete der Alpinist mit der Publikation "The Central Tian-Shan Mountains", die 1906 in London veröffentlicht wurde. Nach dem Abbruch seiner letzten Asien-Expedition 1908 konzentrierte sich Merzbacher auf die Drucklegung seiner Forschungsergebnisse. Er legte umfangreiche Sammlungen und eine bedeutende Asia-Bibliothek an.
Zu Lebzeiten wurden die Forschungen des Alpinisten auch international gewürdigt: 1901 verlieh ihm die Universität München den Ehrendoktortitel, 1902 wurde er zum 2. Vorsitzenden der Münchner Geographischen Gesellschaft gewählt und 1907 zum Professor h. c. ernannt. 1908 ernannte die Kaiserlich Russische Geographische Gesellschaft Merzbacher zum korrespondierenden Mitglied, der sich 1909 die Royal Geographical Society in London anschloss. 1912 erhielt er die "Semionow-Tjan-Schanski-Medaille" in Gold der Kaiserlich Russischen Geographischen Gesellschaft. Im Jahr 1923 verkaufte Gottfried Merzbacher seine Bibliothek und seine ethnologischen Sammlungen an den Staat Bayern, um seinen Lebensunterhalt zu sichern, da er in finanzielle Schwierigkeiten geraten war. Nachdem Merzbacher in der NS-Zeit und der Nachkriegszeit weitgehend vergessen war, wurden seine Leistungen erst Ende des 20. Jahrhunderts wieder eingehender gewürdigt. 2009 wurde im zentralasiatischen Tienshan ein am Inyltschek-Gletscher gelegenes Hochgebirgsobservatorium nach Gottfried Merzbacher benannt.
(Stefan W. Römmelt)
Literatur
- Hermann Häusler: Auf den Spuren des Geographen und Forschungsreisenden Prof. Dr. phil. h.c. Gottfried Merzbacher (9.12.1843–14.4.1926). In: Berichte der Geologischen Bundesanstalt, Bd. 107. Wien 2014, S. 29-49.
- Bayerische Akademie der Wissenschaften (Hg.): Akademie Aktuell 1. München 2007, S. 63-66.
- Rollo Steffens: Gottfried Merzbacher und der Tian Shan. In: Berg 2003. Alpenvereinsjahrbuch 127 (2003), S. 76-85.
- Hans Pfann: Gottfried Merzbacher. Nachruf veröffentlicht in: Sektion Bayerland des Deutschen Alpenvereins e.V. (Hg.): Der Bayerländer. 100 Jahre Bayerland. 74. Heft (1995), S. 36–39
- Peter Grimm: Merzbacher, Gottfried. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 17, Berlin 1994, S. 205f.
- Gottfried Merzbacher: Der Tian-Schan oder das Himmelsgebirge. Skizze von einer in den Jahren 1902 und 1903 ausgeführten Forschungsreise in den zentralen Tian-Schan. In: Zeitschrift des Deutschen und Österreichischen Alpenvereins, Jg. 1906, Bd. XXXVII, Innsbruck 1906, S. 121-151.
- Gottfried Merzbacher: Forschungsreise im Tian-Schan. In: Sitzungsberichte der mathematisch-physikalischen Klasse der Bayerischen Akademie der Wissenschaften München. München 1904, S. 277-369.
- Gottfried Merzbacher: Aus den Hochregionen des Kaukasus. Wanderungen, Erlebnisse, Beobachtungen. Leipzig 1901.
- Gottfried Merzbacher: Zur Topographie der Rosengarten-Gruppe. In: Zeitschrift des Deutschen und Oesterreichischen Alpenvereins, Jg. 1884, Bd XV. Salzburg 1884, S. 359-403.
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