Biografien
Menschen aus Bayern

Erik Charell (eig. Erich Karl Loewenberg) Regisseur und Schauspieler

geboren: 08.04.1894, Breslau
gestorben: 15.07.1974, Zug

Wirkungsort: Berlin | München

Erich Karl Loewenberg kam in der jüdischen Gemeinde des damals ostpreußischen Breslau zur Welt. Nach einer Tanzausbildung nahm er den Künstlernamen Erik Charell an. In Berlin wurde er vom Impresario Max Reinhart (1873-1943) entdeckt. Vor und während des Ersten Weltkriegs tourte sein "Charell-Ballett" durch Europa. Bekannt wurde Charell für seine Musicals und Revuen (v.a. "Im Weißen Rössl" 1930). Der jüdische und offen homosexuelle Künstler musste 1936 in die USA emigrieren, wo er seine Karriere fortsetzte. Nach dem Sturz der NS-Diktatur lebte Erik Charell in München, der Filmhauptstadt des geteilten Deutschlands. In den späten 1960ern konnte Charell nicht mehr an frühere Erfolge anknüpfen und widmete sich in seinem letzten Lebensjahrzehnt vor allem dem Kunsthandel.

Erich Karl Loewenberg war das erste Kind von Markus Löwenberg und Ida geb. Korach. Nach einer Kindheit in der konservativen jüdischen Gemeinde von Breslau ging er nach Berlin, um Tanz zu studieren. Er hatte auch eine Schwester, Betti, die 1886 geboren wurde, und einen jüngeren Bruder namens Ludwig, der 1889 geboren wurde und später Charells Manager wurde. Entdeckt wurde er nach eigenen Angaben 1913 von der Presse bei einer Aufführung der Ballettpantomime "Venezianische Abenteuer eines jungen Mannes" des Dramatikers Karl Vollmöller in einer Inszenierung des Regisseurs Max Reinhardt (1873-1943) am Deutschen Theater in Berlin. Loewenberg nahm den Künstlernamen "Erik Charell" an (daher nicht verwandt mit dem Münchner Kunstmaler Cornelius Charell). Er gründete er das "Charell-Ballett" und tourte vor und während des ersten Weltkriegs durch Europa. In zwei Stummfilmen, Paul Lenis' "Prinz Kuckuck – Die Höllenfahrt eines Wollüstlings" (1919) und Richard Oswalds "Nachtgestalten" (1920) stand er auch als Schauspieler vor der Kamera. Reinhardt ernannte Charell 1923 zum stellvertretenden Inspizienten für die Tourneeproduktion von Vollmöllers "Das Wunder in New York". 1924 übernahm er zusammen mit seinem Bruder Ludwig die Leitung des Großen Schauspielhauses, das zwischen Schiffbauerdamm und Reinhardtstraße liegt. Erik Charell wurde gleichermaßen durch seine Revuen und seine offen ausgelebte Homosexualität eine mediale Berühmtheit. In den 1920er-Jahren hat Erik Charell seine erfolgreiche Theater- und Filmerfolge immer auch mit der Förderung von Künstlern verbunden, so fanden Marlene Dietrich und die Comedian Harmonists ihre ersten Auftritte bei ihm.

Einige Jahre später beschloss er, mit dem Komponisten Ralph Benatzky eigene Operetten zu kreieren. Gemeinsam schrieben sie jene drei Revue-Operetten, die Charell weltweit berühmt machten: "Casanova" (1928), "Die drei Musketiere" (1929) und vor allem "Im weißen Rößl" (1930). Vor allem letzteres war eine der erfolgreichsten Schöpfungen in Charells Karriere. In den folgenden Jahren inszenierte er selbst die Aufführungen in London (1931), Paris (1932) und New York (1936), wo das Stück jedes Mal neu konzipiert, das Drehbuch anders übersetzt und in einigen Teilen neue Musik und Instrumentierung hinzugefügt wurden. Auch im deutschen Sprachraum erfreute sich das Lustspiel in einer klischeehaften Alpenlandschaft großer Beliebtheit und wurde viele Male für die Bühne oder als Musikfilm neu adaptiert. Für Erik Charells Tournee lieferte das "Volkskunsthaus" von Julius Wallach in München die Trachten der Darsteller. So half das jüdische Modehaus dabei mit, das Bild der modernen bayerischen Tracht in der ganzen Welt bekannt zu machen.

1931 arbeitete er in London und übernahm die Co-Regie zum Ufa-Musikfilm "Der Kongress tanzt". Nach der NS-Machtübernahme 1933 löste die UFA sofort die Verträge mit Erik Charell, wegen seiner jüdischen Abstammung und Homosexualität. Nach zunehmender Drangsalierung und Ausgrenzung emigrierte er 1936 in die USA, wo er in New York weiter in der Film- und Theaterwelt arbeitete. Bereits 1945 kehrte Charell nach Deutschland zurück. In München feierte er einen großen Erfolg mit der musikalischen Komödie Feuerwerk (Musik von Paul Burkhard) am Staatstheater am Gärtnerplatz. Das Lied "O mein Papa" aus der gleichnamigen Operette wurde 1950 ein internationaler Hit. Er übernahm er in den 1950er-Jahren Theaterinszenierungen und verfilmte seine eigenen Operetten: "Im weißen Rößl" mit Johannes Heesters (1952) und "Feuerwerk" (1954) mit Lilli Palmer und der jungen Romy Schneider. "Oh mein Papa" wurde 1950 die erfolgreichste Operette der Nachkriegszeit, das gleichnamige Titellied ein internationaler Hit. Nachdem es ihm nicht gelungen war, mit seinem ursprünglichen Librettisten Robert Gilbert eine Fortsetzung von "Im weißen Rößl" zu schreiben, widmete sich Charell in den 1960er Jahren vor allem dem Kunsthandel und legte gemeinsam mit seinem Bruder eine beachtliche Sammlung von Grafiken des Künstlers Henri Toulouse-Lautrec an.

1969 erhielt er das Deutsche Filmband in Gold für seine "hervorragenden Werke und herausragenden Beiträge zur Geschichte des deutschen Films". Er starb am 15. Juli 1974 im Schweizerischen Zug und wurde auf dem Münchner Ostfriedhof eingeäschert, die Urne auf dem Friedhof in Grünwald bei München beigesetzt. Die umfangreiche Lautrec-Sammlung wurde 1978 versteigert. "Er war der größte Glanz Berlins", so der der Kabarettist Thomas Hermanns (*1963). Das Schwule Museum widmete Erik Charell im Jahr 2010 eine Ausstellung. Am 18. November 2015 weihte der Friedrichstadt-Palast Berlin zu Ehren seiner Gründer Max Reinhardt, Hans Poelzig und Erik Charell feierlich ein Denkzeichen an der Friedrichstraße 107 ein.


(Patrick Charell)

Literatur

  • [Berliner] Senatsverwaltung für Arbeit, Integration und Frauen Landesstelle für Gleichbehandlung – gegen Diskriminierung (Hg.) / Lela Lähnemann, Florencio Chicote: Persönlichkeiten in Berlin 1825 – 2006 Erinnerungen an Lesben, Schwule, Bisexuelle, trans- und intergeschlechtliche Menschen. Berlin 2015.

GND: 116488980