Biografien
Menschen aus Bayern

David Einhorn Rabbiner und Abolitionist in den USA

geboren: 10.11.1809, Diespeck
gestorben: 02.11.1879, New York City

Wirkungsort: Fürth | Pest | Baltimore | Philadelphia | New York City

David Einhorn studierte bereits mit zehn Jahren an der Jeschiwa in Fürth, anschließend studierte er mit Promotion in Würzburg, München und Erlangen. Er entwickelte sich zu einem überzeugten Vertreter des deutschen Reformjudentums. 1842 wurde er Landesrabbiner in Birkenfeld, 1847 in Mecklenburg-Schwerin, von 1849 bis 1852 leitete er eine Reformgemeinde in Pest. Im Jahr 1855 emigrierte Einhorn mit seiner Familie in die USA und übernahm in Baltimore (Maryland) die Reformgemeinde "Har Sinai", die während des Rabbinats von Abraham Joseph Reiss (1802-1862) entstanden war. Weil sich Einhorn bei Ausbruch des US-Bürgerkrieges 1861 vehement gegen die Sklaverei aussprach, musste er nach Philadelphia fliehen. Ab 1866 wirkte er in New York. Sein Hauptwerk ist das liberale Gebetbuch "Olat Tamid" (1862). Aus der Ehe mit Julia Henriette geb. Ochs (1818-1909) gingen neun Kinder hervor. Einhorns Schwiegersohn und Nachfolger Kaufmann Kohler (1843-1926) verfasste das "Programm von Pittsburgh", die Grundlage des liberalen US-amerikanischen Judentums.

David Einhorn kam in Diespeck zur Welt, er war der Sohn von Karoline (1776-1855) und Maier Mendel Einhorn (Daten unbekannt). Sein Bruder Sigmund Max Einhorn wurde später Lederhändler in Fürth und liegt seit 1883 auf dem alten Jüdischen Friedhof begraben. David Einhorn bewies eine derart außergewöhnliche Begabung, dass er 1825 bereits als Zehnjähriger an der Jewischa in Fürth studierte. Sein Lehrer war Rabbiner Wolf Hamburger, der auch den später sehr bedeutenden Reformrabbiner Isaak Löwi unterrichtete. Mit 17 Jahren erhielt David Einhorn für seine Gelehrsamkeit den Morenu-Titel und setzte seine Studien an den Universitäten in Würzburg, München und Erlangen fort, wo er 1834 promovierte.

Unter dem Einfluss der Vordenker Abraham Geiger (1810-1874) in Berlin und Samuel Holdheim (1806-1860) in Schwerin entwickelte sich David Einhorn zum überzeugten Vertreter des deutschen Reformjudentums. Für damalige Verhältnisse waren seine Standpunkte derart radikal, dass ihm bei seiner Wahl zum Rabbiner von Welbhausen 1838 das bayerische Innenministerium die Zustimmung verweigerte. 1841 war David Einhorn trotzdem beim Gedenkgottesdienst für die verstorbene Königin Karoline von Bayern in der Fürther Hauptsynagoge maßgeblich beteiligt.

Von 1842 bis 1847 war Dr. David Einhorn der Rabbiner von Hoppstädten und dazu noch Landesrabbiner des Fürstentums Birkenfeld. einer linksrheinischen Exklave des Großherzogtums Oldenburg befürwortete David Einhorn auch weiterhin den jüdischen Reformprozess. Allerdings wendete er sich trotz einer grundsätzlichen Sympathie gegen den Reformverein in Frankfurt am Main, der, wie er schrieb, "nicht nur nicht fördernd, sondern äußerst störend und hemmend ein[tritt]. Abgesehen davon, daß er eine vom Christenthume ohnehin niedergedrückte Kommune auch noch zersplittern, auseinander reißen und so der Kraft berauben, daß er ein unheilvolles Schisma in eine religiöse Gemeinschaft bringen will, welche eben sowohl wegen der bürgerlichen Stellung ihrer Glieder, als auch dem wüthenden Eifer christlicher Proselitenmacherei gegenüber, der Einheit im höchsten Grade bedarf; ist seine ganze Tendenz lediglich der Umsturz und die Entwurzelung des Judenthums, welches er zu reformiren heuchelt".

Kurz nach seinem Amtsantritt stellte er sich hinter seinen geistigen Mentor Geiger und erklärte öffentlich, dass der Talmud keine göttliche Autorität habe. Auf der Frankfurter Rabbinerkonferenz im Jahr 1845 setzte er sich mit großem Elan dafür ein, Gottesdienste auf Deutsch abzuhalten und die Hinweise auf eine Heimkehr in das Gelobte Land sowie die Wiedererrichtung des Tempels zu streichen. Eine "moderne" Liturgie mit dem Gebrauch der Landessprache gehörte zu den Grundlagen des liberalen (Reform-)Judentums. Das Ziel waren innere Reformen zugunsten einer weitgehenden Integration als moderne Staatsbürger.

Da er nun eine Familie ernähren konnte, heiratete er 1844 Julia Henriette geb. Ochs (1818-1909) aus Bad Kreuznach. Aus der Ehe gingen insgesamt neun Kinder hervor. Auf der großen Rabbinerkonferenz von Breslau 1846 wurde Einhorn zum Vorsitzenden des Ausschusses für Speisevorschriften (hebr. Kaschrut) ernannt. 1847 wurde David Einhorn zum Oberrabbiner des Herzogtums Mecklenburg-Schwerin berufen, und bereits vier Jahre später zum Rabbiner der Reformgemeinde zu Pest in Ungarn. Die Habsburger Regierung, die nach der Niederschlagung der Ungarischen Revolution 1848/49 das Land mit Argusaugen überwachte, löste jedoch diese Kultusgemeinde bereits 1852 wieder auf.

Nach dem Fehlschlag in Ungarn erkannte Rabbiner Dr. Einhorn, dass eine bleierne Friedhofsruhe über Europa lag. Als liberaler Reformer würde er auf absehbare Zeit keine sichere berufliche Zukunft finden. Daher folgte er einer Einladung aus Amerika und emigrierte 1855 mit seiner Familie nach Baltimore (Maryland), um dort die mehrheitlich deutschsprachige Kultusgemeinde "Har Sinai" zu leiten.

Diese Gemeinde besteht bis heute und gilt als älteste Reformgemeinde der USA. Sie war 1842 aus der Abspaltung liberaler Gemeindemitglieder entstanden, weil der damalige Rabbiner Abraham Joseph Reiss – ebenfalls ein Emigrant aus Bayern – die Beerdigungsriten der Freimaurer in seiner Synagoge verboten hatte. Seine Ankunft in den Vereinigten Staaten fiel mit der "Cleveland Rabbinical Conference" zusammen. Unter der Leitung des gebürtigen Böhmen Isaac Mayer Wise (1819-1900) wurde eine Agenda beschlossen, um mit Zugeständnissen an die Orthodoxie den Zusammenhalt der verschiedenen Strömungen im amerikanischen Judentum ermöglichen sollte. Dr. David Einhorn sah darin jedoch eine unverzeihliche Nachgiebigkeit und verurteilte sie auf das Schärfste. Damit begann eine lange Fehde mit Rabbiner Wise, die auch öffentlich ausgetragen wurde.

In Baltimore veröffentlichte Dr. Einhorn ab 1856 die deutsche Monatszeitschrift "Sinai. Ein Organ für die Erkentniss und Veredelung des Judenthums", die im Jahresabonnement 2 Dollar kostete. Sein Hauptwerk ist jedoch das englisch-deutsche [sic!] Olat Tamid: Gebetbuch für Israelitische Reform-Gemeinden (Baltimore, Erstausgabe 1858). Es enthält alle jene Neuerungen, die er bereits in Europa gefordert hatte: Eine verkürzte Liturgie in der Landessprache, die Abschwächung des biblischen Anspruchs der Auserwählung Israels zugunsten einer menschlichen Universalität, sowie der Verzicht auf alle Hinweise des persönlichen Messias oder der Rückkehr in das Gelobte Land.

Als der US-amerikanische Bürgerkrieg ausbrach (Sezessionskrieg 1861-1865), blieben die Juden in der Frage der Sklaverei gespalten. Als schwächste Minderheit verhielten sie sich entweder neutral, oder folgten der Mehrheitsmeinung in den Nord- (Union) und Südstaaten (Konföderation), wo es auch jüdische Sklavenhalter gab. In Baltimore verteidigte Rabbiner Bernard Illoway die Konföderation mit einem Verweis auf die Bibel, in der die Sklaverei nicht verboten sei. Dem widersprach Rabbiner Dr. Einhorn, ein überzeugter Abolitionist (von engl. abolition = Abschaffung). Im Sinne eines allgemeinen Naturrechts entgegnete er: "Weil das Erste Gebot mit den Worten beginnt – Ich bin der HERR, dein Gott, der dich aus dem Land Ägypten geführt hat, aus dem Sklavenhaus – kann die Versklavung eines Menschen nicht Gottes Wille sein!".

Einhorn prangerte die Verteidiger der Sklaverei in seinen öffentlichen Predigten derart schonungslos an, dass sein Aufenthalt in Baltimore äußerst gefährlich wurde: Als in der Nacht des 22. April 1861 ein lautstarker Mob sein Haus belagerte und ihn Teeren und Federn wollte, musste er nach Philadelphia fliehen. Wie in Europa kamen alte Verschwörungstheorien auf: Juden würden sich vor dem Kriegsdienst drücken, heimlich bereichern und mit dem Feind paktieren. Der Oberbefehlshaber der Unionsstaaten, Ulysses S. Grant, plante sogar die Deportation aller jüdischen Einwohner aus den Grenzstaaten, was jedoch Präsident Abraham Lincoln verhinderte.

In Philadelphia wurde Dr. David Einhorn Rabbiner der Gemeinde "Keneseth Israel", die zuvor als Bollwerk des konservativen Judentums gegolten hatte. Er leitete sie bis 1866 und ging dann mit seiner Familie nach New York, wo er die "Congregation Adath Israel" betreute. 1869 nahm er an der großen Rabbinerkonferenz in Philadelphia teil. Als kraftvoller und feuriger Redner überzeugte er das Plenum für eine radikale Reformpolitik, was jedoch traditionellere amerikanisch-jüdischen Gruppierungen entfremdete. Von 1874 bis zu seinem Tod 1879 leitete er die New Yorker Kultusgemeinde "Beth El".

David Einhorn ruht neben seiner Ehefrau auf dem Green-Wood-Cemetery im Stadtteil Brooklyn. Obwohl sich eine gemäßigtere liberale Position letztlich durchsetzen konnten, weil sie dem freiheitlich-toleranten Geist der USA auch eher entsprachen, hinterließ Einhorn ein bleibendes Erbe. Er inspirierte seinen Schwiegersohn, Schüler und Nachfolger Kaufmann Kohler (1843-1926) zum Pittsburgher Grundsatzprogramm von 1885. Das Programm förderte die jüdische Integration und lehnte daher auch den Zionismus ab: Die neue Heimat in Amerika, dem Land der (scheinbar) unbegrenzten Möglichkeiten war bereits ihr „Erez Israel“. Das Programm wurde zur Grundlage des US-Amerikanischen Reformjudentums, wie es noch heute besteht.


(Patrick Charell)

Literatur

  • Isidor Blum: The Jews of Baltimore, a Historical Sketch. In: Ders. (Hg.): The Jews of Baltimore. An Historical Summary of Their Progress and Status as Citizens of Baltimore from Early Days to the Year Nineteen Hundred and Ten. Baltimore u. Washington 1910, S. 12.
  • David Einhorn: Olat Tamid. Gebetbuch für Israelitische Reform-Gemeinden. Baltimore 1858.
  • David Einhorn: Gutachtliche Äußerung eines jüdischen Theologen über den Reformverein an einen sich dafür interessierenden Christen. In: Allgemeine Zeitung des Judenthums Jg. 8 Nr. 7 (12. Februar 1844), S. 87-89.

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