Biografien
Menschen aus Bayern

Abraham Joseph Reiss (Rice) Erster offizieller Rabbiner in den USA

geboren: 1802, Gochsheim
gestorben: 29.10.1862, Baltimore

Wirkungsort: Zell a.Main | New York | Baltimore

Nach einem Studium an den Jeschiwot in Würzburg und Fürth lehrte Abraham Josef Reiss zunächst in Zell a.Main. Im Jahr 1840 siedelte er in die USA über, um als erster offiziell bestellter Oberrabbiner den Aufbau organisierter Israelitischer Kultusgemeinden zu unterstützen. Nach gescheiterten Versuchen in New York und Newport übernahm er die Gemeinde "Nidche Israel" in Baltimore. Reiss gründete dort 1845 ein großes neues Gemeindezentrum mit Synagoge, Mikwe und der ersten Jeschiwa des Landes. Wegen seiner streng orthodoxen Ausrichtung musste er 1849 von seinem Amt zurücktreten. Reiss gründete einen eigenen Minjan, der sich zur orthodoxen "Shearith Israel Congregation" entwickelte. 1862 kehrte er auf Bitten seiner alten Gemeinde zurück, starb jedoch wenige Monate später.

Abraham Joseph Reiss kam im "Judenhof" von Gochsheim zur Welt. Sein Vater, der Trödler Maier Isaak Reiss, lebte dort seit 1796 mit einem Schutzbrief des Sächsisch-Eisenachischen Patrimonialgerichts. In der Matrikelliste vom 16. Mai 1817 wird angeführt, dass Meir Reiss drei Töchter und einen Sohn habe (Abraham), der damals bereits 17 Jahre alt war. Daraus ergibt sich ein Geburtsdatum um 1800 (und nicht 1802, wie es zuweilen heißt). Über die Mutter ist nichts bekannt. 

Nach einer traditionellen Schulbildung am örtlichen Cheder, in der er noch vom Buchhändler Joseph Isaak (um 1737-1817, Lehrer bis 1811) unterrichtet wurde, ging Abraham Reiss an die bedeutende Jeschiwa in Würzburg. Hier wurde er Schüler des Oberrabiners Abraham Bär Bing (1752-1841), eines bedeutenden Vertreters des orthodoxen Judentums. Anschließend studierte er an der nicht minder angesehen Jeschiwa in Fürth bei Rabbiner Wolf Hamburg und erhielt dort seine rabbinische Lehrbefugnis ausgestellt. Bereits als 30-Jähriger lehrte Reiss selbst als Professur an der Jeschiwa in Zell a.Main. Das staatlich vorgeschriebene akademische Abschlusszeugnis dafür hatte er wohl schon an der Würzburger Universität gemacht. In Zell lernte er Rosalie Leucht (1812-1878) kennen, die er um 1835 heiratete.

Kollegen und Förderer überredeten Abraham Joseph Reiss schließlich, nach Amerika auszuwandern. Bereits 1654 gab es in Neu Amsterdam (später New York) eine erste jüdische Gemeinschaft, 1762 wurde mit der Touro Synagogue auf Rhode Island das älteste jüdische Gotteshaus in den Vereinigten Staaten eingeweiht. Dennoch entstanden bis in das frühe 19. Jahrhundert keine nennenswerten religiösen oder organisatorischen Strukturen. Erst ab 1825 stieg mit der anhaltenden Migrationsbewegung aus Russland und Österreich-Ungarn der jüdische Bevölkerungsanteil sprunghaft auf über 150.000 Personen an. Reiss sollte nun als erster offiziell bestellter Oberrabbiner der USA den Aufbau fester Kultusgemeinden unterstützen.

Abraham Reiss, seine Frau Rosalie und seine unverheiratete Schwester Blume nahmen in Hamburg den Passagiersegler SS Sir Isaak Newton und gingen nach einer zweimonatigen Überfahrt im Hafen von New York an Land. In diesem Schmelztiegel versuchte Reiss eine Kultusgemeinde aufzubauen, scheiterte aber an den chaotischen Zuständen: Er wurde als deutschsprachiger Neuankömmling nicht akzeptiert, zumal sich viele jüdische Einwanderer das Amt des Rabbiners einfach angemaßt hatten, ohne im geringsten dafür qualifiziert zu sein. Daher begab sich Reiss zunächst nach Newport im Nachbarstaat Rhode Island, wo er sozusagen als Hebelpunkt seiner weiteren Arbeit eine von Grund auf neue Kultusgemeinde aufbauen wollte. Als er auch dort scheiterte und enttäuscht nach New York zurückkehrte, half ihm der Zufall: Er traf auf den deutschen Immigranten Aaron Weglein, der in Baltimore (Maryland) die jüdische Kultusgemeinde (engl. congregation) "Nidche Israel" leitete. Mit Wegleins Vermittlung wurde Abraham Joseph Reiss Ende August 1840 Rabbiner in Baltimore. In offiziellen Dokumenten wurde er nun vermehrt "Rice" geschrieben, eine anglisierte Version seines Familiennamens.

In Baltimore lebten bereits 600 Jüdinnen und Juden, als Abraham Reiss sein Amt antrat. Er predigte zumeist auf Deutsch und benutzte ein Festtägliches Gebetbuch, das in Rödelheim bei Frankfurt a.M gedruckt worden war. Als "Chief Rabbi of the United States" (Oberrabiner) war er die einzige Autorität in jüdischen Religionssachen. Nur Reiss hatte in Fragen der Halacha zu entscheiden und fungierte in innerjüdischen Streitfragen als Schiedsrichter. Als gelehrter Talmudist und charismatischer Prediger war er weithin geachtet, sowohl in den USA, aber auch in seiner alten Heimat Deutschland.

Er blieb auch den Lehren seiner Studienzeit treu und vertrat eine streng orthodoxe Ausrichtung des Judentums. Weil er jedoch die peinliche Beachtung aller Gebetszeiten, Religions- und Hygienegesetze verlangte und das moderne Reformjudentum bekämpfte, geriet Rabbiner Reiss immer wieder in Konflikt mit seiner Gemeinde. Als er alle Männer, die den Schabbat nicht vollständig eingehalten hatten, vom prestigeträchtigen Ausheben der Tora ausschließen wollte, kam es zu einem regelrechten Aufstand und er musste seinen Beschluss öffentlich zurücknehmen. 1842 verbot er während der Bestattungsfeier eines Juden, der zugleich Freimaurer gewesen war, die sonst üblichen Riten jener Geheimgesellschaft. Daraufhin gründeten einige Gemeindemitglieder aus Protest die noch heute bestehende "Har Sinai Congregation". Sie gilt als eine der ersten jüdischen Reformgemeinden der USA.

Um 1843 adoptierte Familie Reiss den siebenjährigen Isaac La Croix (um 1836-1909), dessen Familie ursprünglich aus Strasberg (heute Baden-Württemberg) eingewandert war. Als Erwachsener hinterließ er einen handschriftlichen Bericht über seine Kindheit.

Bis 1845 wurde unter der Aufsicht von Abraham Reiss die "Lloyd Street Synagoge" errichtet, das erste jüdische Gotteshaus im Staat Maryland (11 Lloyd Street). Zum Komplex gehörten auch eine Mikwe und eine Matzen-Bäckerei. Zusätzlich gründete Reiss die erste Jeschiwa (engl. Hebrew School) der Vereinigten Staaten von Amerika.

Wegen des wachsenden Widerstands seiner Gemeinde musste Abraham Joseph Reiss 1849 vom Amt des Rabbiner zurücktreten. Sein Nachfolger wurde der aus Ansbach gebürtige Dr. Heinrich Hochheimer. Für den Lebensunterhalt seiner Familie betrieb Reiss nun einen General Store, später ein koscheres Lebensmittelgeschäft. Er gründete einen streng traditionellen Minjan, der sich in seinem Haus versammelte. Diese Gemeinde sollte sich zur "Shearith Israel Congregation" entwickeln, die in Baltimore bis heute besteht und seit 1893 eine große Synagoge besitzt (2105 McCulloh Street). 1862 wurde Reiss schließlich gebeten, in die Kultusgemeinde "Nidche Israel" zurückzukehren. Um den geachteten Rabbiner zurückzugewinnen, war man dort auch zu vielen Zugeständnissen bereit. Er akzeptierte und verzichtete sogar auf die Hälfte der 1000 USD Gehalt, die man ihm anbot. Jedoch starb er nur wenige Monate später im Amt. Die Kultusgemeinde gewährte seiner Witwe eine jährliche Rente von 300 USD, übernahm aber für die Zukunft eine reformierte Gottesdienstordnung. "Nidche Israel" zählt bis heute zu den großen liberalen Synagogen an der Ostküste.

Abraham Joseph Reiss ging als "Chief Rabbi of the United States" in die Geschichte ein. Er zählt zu den großen historischen Persönlichkeiten der Stadt Baltimore, in einer Reihe mit dem makabren Dichter und Schriftsteller Edgar Allen Poe. Der historische Rundgang Heritage Walk führt zur Synagoge in der Lloyd Street. Das Jewish Museum of Maryland in Baltimore bietet ebenfalls Synagogenführungen an und verwahrt auch persönliche Objekte aus dem Nachlass von Rabbiner Reiss. Sein Grab auf dem Hebrew Congregation Cemetery in Baltimore wurde 2013 restauriert.


(Patrick Charell)

Literatur

  • Jacob Rader Marcus / Jeffrey S. Gurock (Hg): The American Rabbinate. A Century of Continuity and Change 1883-1983. Hobocken 1985.
  • Shmuel Singer: From Germany to Baltimore. Rabbi Abraham Joseph Rice. The Jewish Observer Jg. 10 Nr. 1 (Januar 1975), S. 16.
  • Isidor Blum: The Jews of Baltimore, a Historical Sketch. In: Ders. (Hg.): The Jews of Baltimore. An Historical Summary of Their Progress and Status as Citizens of Baltimore from Early Days to the Year Nineteen Hundred and Ten. Baltimore u. Washington 1910, S. 11-13.
  • Nachruf auf Rabbiner Abraham Reiss. In: Allgemeine Zeitung des Judenthums Jg. 27 Nr. 2 (Dezember 1863). S. 27.

GND: 136901018