Charlotte Knobloch geb. Neuland ist seit 1985 Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern. Seit 1997 war sie Vizepräsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland und von 2006 bis 2010 seine Präsidentin. Von 2003 bis 2010 war sie Vizepräsidentin des Europäischen Jüdischen Kongresses (EJC) und von 2005 bis 2013 Vizepräsidentin des Jüdischen Weltkongresses (WJC), wo sie seit 2013 als "Commissioner for Holocaust Memory" tätig ist. Charlotte Knobloch ist außerdem Schirmherrin des Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerks für jüdische Begabtenförderung. Charlotte Knobloch ist in den Medien ist sie vor allem durch ihren leidenschaftlichen Kampf gegen den Antisemitismus bekannt. Sie wurde mit zahlreichen Auszeichnung geehrt, u.a. mit der Ehrenbürgerschaft der Stadt München (2005), der Ehrendoktorwürde der Universität Tel Aviv, dem Großen Verdienstkreuz mit Stern der BRD (2010), dem Europäischen Karlspreis (2019) sowie dem Bayerischen Verfassungsorden (2023).
Charlotte Knobloch ist die Tochter des Rechtsanwalts und späteren bayerischen Senators Fritz Neuland (1889-1969). Ihre Mutter Margarethe konvertierte vor der Hochzeit zum Judentum. Nach der Scheidung der Eltern 1936 wurde Charlotte neben ihrem Vater von ihrer Großmutter Albertine Neuland erzogen, die 1944 im KZ Theresienstadt ermordet wurde. Die ehemalige Hausangestellte ihres Onkels, Kreszentia Hummel, rettete Charlotte vor der Deportation. Sie versteckte das Kind ab dem Sommer 1942 für drei Jahre auf dem Bauernhof ihrer Eltern im mittelfränkischen Arberg und gab sie als ihr uneheliches Kind aus. Für diese Rettung wurde Hummel 2017 posthum als "Gerechte unter den Völkern" ausgezeichnet.
Im Jahr 1945 kehrte Charlotte Neuland mit ihrem Vater nach München zurück. 1951 heiratete sie dort den DP Samuel Knobloch (1922–1990), einen Überlebenden des Krakauer Ghettos. Eigentlich wollte das Paar nach Übersee auswandern, doch mit der Geburt ihrer Kinder – einen Sohn (Bernd) und zwei Töchter (Sonja und Iris) – entschloss sich die Familie, in München zu bleiben.
Charlotte Knobloch gründete die deutsche Sektion der Women’s International Zionist Organisation (WIZO) mit und war Schatzmeisterin des Jüdischen Frauenbundes in Deutschland. 1985 wurde Charlotte Knobloch Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, ein Amt, dass sie vor allem nach dem Tod ihres Mannes voll ausfüllte.
Während ihrer Zeit als Präsidentin wurde ab 2003 in München das neue Jüdische Kulturzentrum mit Synagoge für die auf rund 9.500 Mitglieder angewachsene Gemeinde der Stadt errichtet. Die neue Münchner Hauptsynagoge Ohel Jakob wurde am 9. November 2006 eröffnet, das Gemeindezentrum sowie das von der Stadt München erbaute und betriebene Jüdische Museum folgten im März 2007.
Am 7. Juni 2006 wurde sie als Nachfolgerin von Paul Spiegel zur Präsidentin des Zentralrates der Juden in Deutschland gewählt. Sie blieb bis 2010 in diesem Amt und trat dann nicht mehr an, um einen Generationswechsel zu ermöglichen. Charlotte Knobloch war am 23. Mai 2009 Mitglied der 13. Bundesversammlung, für die sie auf der Wahlliste der CSU nominiert worden war. Am 27. Januar 2021 hielt Charlotte Knobloch eine vielbeachtete Rede bei der Gedenkstunde zum Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus im Deutschen Bundestag.
Knobloch vertrat ihre oft kontroversen Standpunkte auch gegen die Mehrheit der deutschen Kultusgemeinden. Nach der von Papst Benedikt XVI. veränderten Fassung der Karfreitagsfürbitte verlangte sie im März 2008 eine Rücknahme von als diskriminierend aufgefassten Passagen und machte davon die Wiederaufnahme des Dialogs mit der katholischen Kirche abhängig. Die neue Fassung ("Lasst uns auch beten für die Juden, auf dass Gott, unser Herr, ihre Herzen erleuchte, damit sie Jesus Christus als den Retter aller Menschen erkennen") interpretierten viele Juden als indirekten Aufruf zur Judenmission. Sie lehnte die wissenschaftliche Edition von Hitlers "Mein Kampf" ab, dass vom Institut für Zeitgeschichte nach dem Ablauf der Schutzfrist herausgegeben wurde. Im Jahr 2019 erwirkte Knobloch die Änderung des ursprünglichen Ausstellungstitels "Stadtluft macht frei – Wittelsbacher Stadtgründer" der Bayerischen Landesausstellung 2020, welcher sie an den von den Nazis missbrauchten Spruch "Arbeit macht frei" erinnerte, auf "Stadt befreit - Wittelsbacher Gründerstädte".
Im Jahr 2005 wurde Charlotte Knobloch für ihr Engagement zur Aussöhnung von Juden und Nicht-Juden und ihr langjähriges Wirken für die Israelitische Kultusgemeinde München und Oberbayern zur Ehrenbürgerin von München ernannt. Im Jahr 2008 erhielt sie den Georg-Meistermann-Preis der Stadt Wittlich. 2008 wurde sie mit dem Großen Verdienstkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland und 2010 mit dem Großen Verdienstkreuz mit Stern des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet. 2010 erhielt sie den Eugen-Bolz-Preis, 2009 die Ehrendoktorwürde der Universität Tel Aviv. 2011 wurde sie zur Ehrensenatorin der Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg ernannt. 2016 zeichnete die Eugen-Biser-Stiftung sie für ihr Wirken für die jüdisch-christliche Verständigung mit dem Eugen-Biser-Preis aus. Am 13. November 2021 verleiht das Jüdische Museum Berlin Charlotte Knobloch gemeinsam mit dem Architekten Daniel Libeskind den "Preis für Verständigung und Toleranz". Seit 2022 ist sie Kommandantin der französischen Ehrenlegion und erhielt 2023 den Bayerischen Verfassungsorden.
(nach Sharon Adler | bearb. Patrick Charell)
Literatur
- Charlotte Knobloch (mit Rafael Seligmann): In Deutschland angekommen. Erinnerungen. München 2012.
- Ellen Presser: In München geboren. Aus München vertrieben. In München zu Hause? Erinnerungen und Erfahrungen der Münchner Jüdin Charlotte Knobloch. In: Jüdisches Leben in München. Lesebuch zur Geschichte des Münchner Alltags. Geschichtswettbewerb der Stadt München 1993/94. München 1995, S. 237–244.
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Quellen
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