Urkunde
Video-Interview Prof. Dr. Dopsch

Transkription

( C .) In nomine sanctae et individuae trinitatis . Otto divina preordinante cle mentia imperator augustus . Noverint omnium industriae fidelium nostrorum tam praesentium quam et futurorum , qualiter nos dignis * petitionibus dilectissimi * nepotis nostri Baioariorum ducis Heinrici annuentes quasdam nostri iuris res in regione vulgari vocabulo Ostarrichi in marcha et in comitatu Heinrici comitis filii Liutpaldi marchionis in loco Niuuanhova dicto , id est cum eadem curte et in proximo confinio adiacentes triginta regales hobas cum terris cultis et incultis pratis pascuis silvis aedificiis aquis aquarumve decursi bus * venationibus zidalweidun piscationibus molendinis mobilibus et inmobilibus viis et inviis exitibus et reditibus quesitis et inquirendis * omnibusque iure legaliterque ad easdem hobas per tinentibus super gremium Frigisingensis aecclesiae ad servicium sanctae Mariae sancti que Christi confessoris atque pontificis Corbiniani cui nunc fidelis noster Kotascalhus venerabilis presidet episcopus , in proprium atque perpetuum usum concessimus firmiterque tra didimus nostra imperiali potentia , eo modo eoque tenore ut eadem praefata Frigisingensis aecclesia idemque praelibatus antistes Kotascalhus atque omnes sui successores libero deinceps perfruantur arbitrio haec omnia tenendi * commutandi et quidquid voluerint inde faciendi . Et ut * nostrae largitionis auctoritas firmior stabiliorque cunctis sanctae dei aecclesiae filiis perpetim credatur , hanc cartam inscribi iussimus anuloque nostro signatam manu propria subtus eam firma vimus .
Signum domni Ottonis ( MF .) a invictissimi b imperatoris augusti .
Hildibaldus episcopus et cancellarius vice Uuilligisi archiepiscopi recognovi .
( SI .) c
Data kal . nov . anno dominicae incarnationis DCCCCXCVI , indictione X , anno autem tertii Ottonis regnantis XIII , imperii vero I ; actum [ Bruochs]elle d ; feliciter .
(aus: Monumenta Germaniae historica, www.dmgh.de)


Übersetzung

Urkunde Ottos III. für Bischof Gottschalk von Freising, 1. November 996 Übersetzung


Im Namen der heiligen und teilbaren Dreifaltigkeit. Otto, durch Gottes vorherbestimmende Güte Kaiser (und) Augustus. All unsere eifrigen Getreuen, gegenwärtige und auch künftige, mögen wissen, dass wir, den würdigen Bitten unseres geliebtesten Vetters Heinrich, des Herzogs der Baiern, Folge leistend, gewisse Besitzungen unseres Rechtsanspruches in der Gegend, die in der Volkssprache Ostarr�chi heißt, in der Mark und Grafschaft des Grafen Heinrich, des Sohnes des Markgrafen Liutpald, in dem Ort, der Niuuanhova genannt wird, das heißt eben diesen Hof und 30 in seiner unmittelbaren Umgebung liegende königliche Hufen mit bebauten und unbebauten Ländereien, mit Wiesen, Weiden, Wäldern, Gebäuden, Gewässern und Wasserläufen, mit Jagden, Bienenweiden, Fischwässern und Mühlen, mit beweglichen und unbeweglichen Gütern, mit Wegen und unwegsamem Gebiet, mit geforderten und zu fordernden Einkünften und Erträgen und mit allem, was nach Recht und Gesetz zu diesen Hufen gehört, dem Schoße der Freisinger Kirche, der jetzt unser Getreuer Gottschalk, der ehrwürdige Bischof vorsteht, zum Dienste der heiligen Maria und des heiligen Bekenners Christi und Bischofs Korbinian zu eigenem und ewigem Gebrauch überlassen und durch unsere kaiserliche Macht fest übergeben haben, und zwar so und auf solche Weise, dass die genannte Freisinger Kirche, ihr genannter Vorsteher Gottschalk und alle seine Nachfolger alles dieses in Hinkunft nach freiem Ermessen besitzen, eintauschen oder was immer sie wollen damit tun können.
Und damit der Kraft unserer Schenkung von allen Söhnen der heiligen Kirche Gottes stets fester und unerschüttlicher Glaube geschenkt werde, haben wir diese Urkunde zu schreiben befohlen und sie nach der Besiegelung mit unserem Siegel unten mit eigener Hand bekräftigt.
Handmal des Herrn Otto, des unbesiegbarsten Kaisers (und) Augustus. (Ich), Hildibald, Bischof und Kanzler, habe anstelle des Erzbischofs Willigis rekognosziert.
Gegeben am 1. November im Jahre der Fleischwerdung des Herrn 996, in der 10. Indiktion, im 13. Regierungsjahr Ottos III. (als König) und im 1. seines Kaisertums, geschehen zu Bruchsal; mit Glück.

Übersetzung von Anna M. Drabek, in: Ernst Bruckmüller / Peter Urbanitsch (Hg.), Ostarrichi- Landesausstellung 2012: Bayern und Österreich im Mittelaltersterreich. Menschen, Mythen, Meilensteine, Horn 1996, S. 47

Wir danken dem Verlag Berger, Horn, für die Abdruckerlaubnis.


Der Aufbau einer mittelalterlichen Urkunde

Urkunden dienten und dienen der Rechtssicherheit; feste Formeln sichern ihre Rechtswirksamkeit. Sie sind die wichtigsten Quellen für die Erforschung des Mittelalters. Geschrieben wurde sie in der königlichen Kanzlei. Die mittelalterlichen Urkunden haben einen dreiteiligen Aufbau: das eröffnende Protokoll, die Beschreibung des eigentlichen Rechtsakts im Kontext und das abschließende Eschatokoll.

Das Protokoll umfasst Chrismon und Invocatio.



Das Chrismon ist ein verschlungenes c-förmiges zeichen. Mit der Invocatio "In nomine sanctae et individuae trinitatis" wird gemäß dem mittelalterlichen herrschaftsverständnis Gott angerufen und zum Ausdruck gebracht, dass der König "im Namen der heiligen und unteilbaren Dreifaltigkeit" handelt.



In der anschließenden Intulatio nennt sich der König oder Kaiser, hier Heinrich II. als "Heinricus divina favente clementia rex", "Heinrich, König durch Gottes wohlwollende Güte". Das ist die jahrhundertelang geltende Titulatur.

Im Kontext, dem eigentliche Kern der Urkunde, wird mit der Publicatio darauf hingewiesen, dass der Rechtsakt "allen unseren Getreuen jetzt und in Zukiunft bekanntgegben wird: "Notum sit omnibus fidelibus nostris praesentibus scilicet et futuris".
In der Arenga oder Narratio wird die Rechtsgrundlage dargelegt. Der eigentliche Inhalt der Urkunde, zum Beispiel ein Grundstücksgeschäft, ist in der Dispositio niedergelegt. nimmt ausgeführt, gefolgt von der Pertinenzformel, in der die einzelnen in Frage stehenden Rechte formelhaft aufgezählt werden.
Mit der Corroboratio endet der urkundentext. Diese lautet formelhaft so: "Et ut haec nostrae auctoritatis pagina stabilis permaneat, eam manu propria roborantes sigilli nostri impressione iussimus insigniri" – "Um der Autorität … feste und unerschütterliche Dauer zu verleihen, haben Wir befohlen, diese durch Unsere eigenen Hand durch das Eindrücken Unseres Siegels zu unterzeichnen".


Im Eschatoll steht nun die Signumzeile. In dem aus den Buchstaben seines Namens zusammengezogenen Namenszeichen setzte der Herrscher von eigener Hand den sogenannten Vollziehungsstrich ein – eine kunstvolle Unterschrift, die beeindruckt.
Damit aber noch nicht genug. Die Rekognitionszeile stellt den Kanzleivermerk dar. Sie gibt Auskunft, welcher Kanzler und Erzkapellan als Notar an der Urkunde beteiligt war.
Nun wurde das Siegel angebracht – ein Abdruck der königlichen Petschaft auf Wachs oder Metall, das an einer Schnur angehängt oder durch einen Schlitz im Pergament gedrückt wurde. Im Siegelbild bleibt der Herrscher seinen Getreuen sozusagen als Person präsent. Ab dem 11. Jahrhundert zeigt es den Herrscher meist auf dem Thron sitzend.


Abgeschlossen wird das Eschatokoll mit Datum und Actum, also Ausstellungsdatum und Ausstellungsort, wobei die Datierung höchst kompliziert war. Angegeben werden die christliche Zeitrechnung, die antik-kaiserliche Steuereinteilung, genannt "Indiktion" sowie die eigenen Herrscherjahre. Das hier gezeigte Beisiel ist datiert auf: "Data kal. iul. anno dominicae incarnationis MII, indictione XV, anno vero domni Heinrici regis I; actum Suntheime", also "Gegeben an den Kalenden des Juli im Jahr 1002 der Fleischwerdung des Herrn (=1.7.1002), in der 15. Indiktion, im ersten Jahr des Herrn Königs Heinrich, geschehen zu Sontheim".


(Haus der Bayerischen Geschichte, www.hdbg.de.)




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