Lebensweg eines Söldners im Dreißigjährigen Krieg
Quelle: Der Winterkönig, Landesausstellung 2003
Signatur: WINT-LA-2003-11
Entwurf: Haus der Bayerischen Geschichte / Peter Wolf und Stefan Lippold
Grafik: Würth & Winderoll
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Beschreibung:
Kurzinformation:
Täter und Opfer zugleich: Über 22 000 km legte ein unbekannter Söldner zwischen 1625 und 1649 in Diensten verschiedner Armeen zurück. Platz für die Frage nach dem ?tieferen Sinn? blieb ihm bei seinem Überlebenskampf in den Kriegswirren nicht.
Ausführliche Information
Der authentische, im Besitz der Preußischen Staatsbibliothek aufbewahrte und 1993 von Jan Peters sorgfältig edierte Bericht eines einfachen Soldaten über sein Söldnerleben im Dreißigjährigen Krieg (Jan Peters, Ein Söldnerleben im Dreißigjährigen Krieg. Eine Quelle zur Sozialgeschichte, Berlin 1993) stellt eine außergewöhnliche Quelle zur Geschichte des Krieges dar, auch wenn ?die versunkene Alltagskultur? der Söldner ?nur im Ausschnitt erfasst? (Peters 11) wird.
Der nicht genannte Söldner ? möglicherweise handelt es sich um einen gewissen Peter Hagendorff ? war wohl ein einfacher Müllers- oder Bäckersohn und stammte wohl aus dem Rheinland ? wofür vor allem mundartliche Besonderheiten sprechen - , möglicherweise aber auch aus dem Raum Magdeburg (von ihm selbst als Heimat bezeichnet). Sein Lebensbericht beginnt im Jahr 1625 und endet 1649. Er legte im Verlauf des 30-jährigen Krieges über 22 400 km zurück, größtenteils zu Fuß. Nach einem ?italienischen Intermezzo?, bei dem er auf Seiten der antihabsburgischen Koalition Frankreichs, Venedigs und Savoyens kämpfte, trat er 1627 in Ulm in das Pappenheimsche Regiment, also in die bayerisch-ligistischen Truppen ein. So begann ab 1627 sein langer Marsch durch Reich, bei dem er von seiner Frau, später auch seinen Kindern und seiner Schwiegermutter im Tross begleitet wurde.
Im November 1632 wechselte er gezwungenermaßen, aber nicht unwillig in schwedische Dienste und kämpfte bis zur schwedischen Niederlage bei Nördlingen im September 1634 wiederum gegen die katholische Partei. 1634 trat er wiederum in das Pappenheimsche Regiment ein, bei dem er bis zum Kriegsende blieb.
Die häufigen Plünderungen, Überfälle, Brandschatzungen, Massensterben, Hunger und Elend erwähnt er in seinem Bericht nur nebenher, da sie alltäglich waren. Nach und nach büßte er im Laufe seines Söldnerlebens ?die Fähigkeit zu distanzierter oder gar moralischer Selbstbewertung ein (...), verinnerlicht und akzeptiert das ganze Söldnerdasein in seinem elenden Zweck (...)? (Peters). Am Ende des Krieges war er wohl nicht mehr zur Eingliederung in ein normales Leben fähig.
Pragmatisch versuchte er den Überlebenskampf zu organisieren ? Platz für Fragen nach dem ?tieferen Sinn? ist nicht in den Aufzeichnungen. Seine Gedanken kreisten wie die anderer Söldner ?um die Beute, wie die des Bauern um den Erntetag? (Peters). ?Mit seiner Frau bildete [er] ein effektives Beute- und Produktionspaar? und versuchte zudem mittels kleiner Nebenerwerbstätigkeiten wie die Betreuung von Kranken und Verwundeten, die Übernahme von Proviantierungsaufgaben oder die Betätigung als Werber das Überleben seiner Familie zu sichern. Gleichwohl konnte er den Tod seiner Frau und seiner vier Kinder durch Hunger und Krankheit im Jahr 1633 nicht verhindern. 1635 schloss er eine zweite Ehe, doch überlebten von den fünf Kinder dieser Ehe nur zwei den Krieg.
Zwar machen diesen Söldner ?Bildungsstand und Beobachtungsfähigkeit, Nüchternheit und ein feinerer Humor als der des stumpfen Söldners (...) ungewöhnlich. (...) Der Gesamteindruck ist [jedoch] durchaus nicht der eines Sonderlings (...). So bleibt er für uns als Söldner handhabbar, auch in seinem Denken und Fühlen.? (Peters)
Text: Stephan Lippold
Literatur:
- Peters, Jahn: Ein Söldnerleben im Dreißigjährigen Krieg, Eine Quelle zur Sozialgeschichte, Berlin 1993