Landausbau und Städte in Böhmen, 12. - 14. Jahrhundert
Quelle: Bayern und Böhmen
Signatur: ZWIE-LA-2007-02
Entwurf: Haus der Bayerischen Geschichte
Grafik: Heinz Muggenthaler, Regen
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Beschreibung:
Der Landausbau vom 12. bis zum 14. Jahrhundert führte zur Erweiterung landwirtschaft licher Nutzflächen und förderte das Städtewesen. Seit dieser Zeit lebten in Böhmen Deutsche und Tschechen mit- und nebeneinander. Überwiegend deutsch besiedelte Gebiete in Böhmen und Bevölkerungsstrukturen der Städte im 14. und frühen 15. Jahrhundert
Die Zweivölker-Geschichte und die Zweisprachigkeit in Böhmen nahmen ihren Anfang mit dem mittelalterlichen Landausbau, der im Wesentlichen vom 12. bis zum 14. Jahrhundert dauerte. Durch Rodung und Erweiterung der Anbauflächen sollte die Wirtschaftskraft des Landes gefördert werden. Deutsche waren wesentliche Träger dieser Entwicklung, wobei die intensiv davon betroffenen waldreichen Randgebiete Böhmens vor allem von Menschen besiedelt wurden, die aus den unmittelbaren Nachbarregionen stammten wie Niederbayern, Oberpfalz oder dem fränkischen Obermaingebiet. Aber auch ansässige slawische Siedler beteiligten sich am Landausbau, vornehmlich im Landesinneren. Neben bayerischen Klöstern – insbesondere die Zisterzienser, Benediktiner und Prämonstratenser – und Adelsgeschlechtern förderten westböhmische Klöster und die Přemysliden die planmäßig betriebene Ausdehnung der Siedlungsfl ächen. Man bediente sich dabei häufig so genannter Lokatoren, also Beauftragte oder Mittler, die gegen Gewährung von Vorrechten und ökonomischen Vorteilen neue Siedler anwarben, Dörfer gründeten und die Besiedlung organisierten. Den Neusiedlern wurden zeitlich befristete Abgabenfreiheit und günstige Rechte zugesichert. Dieses Siedlerrecht wurde allmählich für nahezu die gesamte Landbevölkerung Böhmens relevant. Der Landausbau trieb außerdem den Einsatz ausgereift er Agrartechnik wie den Radpflug mit Streichbrett, bessere Anspannsysteme, die Dreifelderwirtschaft und anderes mehr voran. Insgesamt nahm im 14. Jahrhundert das vornehmlich deutsch geprägte Sprachgebiet etwa zehn Prozent des böhmischen Altsiedellandes ein. Eine Sonderrolle kam dem zunächst slawisch besiedelten und später staufischen Egerland zu, dessen nordbayerisch-ostfränkische Kolonisation im frühen 12. Jahrhundert die Diepoldinger und das Kloster Waldsassen betrieben. 1322 wurden Teile des Egerlands dauerhaft an Böhmen verpfändet.
Verknüpft mit dem Landausbau in Böhmen ist die intensive Förderung von Städten. Dabei griff man auf bereits bestehende städtische und stadtähnliche präurbane Strukturen zurück oder es kam zur Verlegung bisheriger Zentralorte bzw. zu Neugründungen, insbesondere durch den Landesherrn. Die neuen Städte wurden zu wirtschaftlichen Zentren und gleichzeitig zu Rechtsmittelpunkten der umgebenden Gebiete. Die ethnische Zusammensetzung und die Dominanz des deutschsprachigen Patriziats in vielen böhmischen Städten führten im 14. Jahrhundert vereinzelt zu Spannungen, die sich zum Beispiel in den deutschenkritischen Äußerungen der Reimchronik des Dalimil aus dem 14. Jahrhundert widerspiegeln.
Während die ältere deutsche Forschung die so genannte Ostkolonisation als Großtat des deutschen Volkes feierte, sprach die ältere tschechische Forschung von einer Bedrohung der slawischen Hochkultur. Heute wird betont, dass es sich beim mittelalterlichen Landausbau um ein seit dem 11. Jahrhundert aufgetretenes gesamteuropäisches, langfristiges Phänomen gehandelt hat, das nicht isoliert zu betrachten ist.
Rainhard Riepertinger, in: Bayern-Böhmen, 1500 Jahre Nachbarschaft, hg. Von Rainhard Riepertinger u.a., Augsburg 2007 (Veröffentlichungen zur Bayerischen Geschichte und Kultur 54/2007), S. 128f.
Literatur:
Karte nach: Hoffmann, František: České mĕsto středovĕku, Praha 1992, S. 230f., sowie Schwarz, Ernst: Die deutschen Siedelgebiete in Böhmen und Mähren-Schlesien in vorhussitischer Zeit, in: Meynen, Emil (Hg.): Sudetendeutscher Atlas, München 1955, Blatt 7