Slawische Siedlung in Nordostbayern 6. - 12. Jahrhundert


Quelle: Bayern und Böhmen

Signatur: ZWIE-LA-2007-01

Entwurf: Wolfgang Janka, Regensburg
Grafik: Heinz Muggenthaler, Regen

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Beschreibung:

Auf der Karte sind vier verschiedene Ortsnamentypen eingezeichnet:

(1) Namen, die zur Gänze aus slawischem Sprachmaterial bestehen („Namen slawischen Ursprungs“). Sie begegnen vor allem in Oberfranken sowie im Norden und Osten der Oberpfalz. Die im Obermaingebiet, im Frankenwald und am Oberlauf der Saale vorkommenden Slavica weisen sprachliche Parallelen zum Altsorbischen auf, während bei den slawischen Namen in den Flussgebieten der Naab und des Regens Gemeinsamkeiten mit dem Alttschechischen festzustellen sind. Rein slawische Ortsnamen sind z. B. die Siedlungsnamen Premeischl (Lkr. Cham), 1261 Premævssel, slawische Ausgangsform *Premyšlь ‚Siedlung eines *Premyslъ’ , und Döllnitz (mehrfach in Bayern), um 1135 (Kopie um 1170) Tolince (zu Döllnitz im Lkr. Neustadt a. d. Waldnaab) < slaw. *Dolьnica ‚im Tal gelegene Siedlung’, zu slaw. *dolъ ‚Tal’. Sie dürft en überwiegend aus der selbstständigen Siedlungstätigkeit der slawischen Bevölkerung hervorgegangen sein.

(2) Slawisch-deutsche Mischnamen bestehen aus einem eingedeutschten slawischen Personennamen und einem deutschen Namenelement. Bei diesem handelt es sich überwiegend um ein Grundwort wie -dorf oder -berg, so z. B. im Mischnamen Rammersberg (Lkr. Straubing-Bogen), um 1080–1090 (Kopie um 1100) Raduanasberga, zum slawischen Personennamen *Radovanъ. Im oberpfälzischen Landkreis Cham fi ndet sich eine Reihe von Beispielen für die Verbindung eines Personennamens slawischer Herkunft mit dem deutschen Suffix -ing-, so etwa Zenching, 1178–1185 Cemtichinge, zum slawischen PN *Sěmitěchъ, ‚Siedlung der Leute eines *Sěmitěchъ’. Als Areale mit häufigem Vorkommen von Mischnamen heben sich besonders der Raum Cham mit der daran anschließenden nördlichen Peripherie Niederbayerns, der Raum Ansbach in Mittelfranken und der westliche Teil Oberfrankens ab. Falls nicht eine deutsche Umgestaltung eines ursprünglich rein slawischen Siedlungsnamens vorliegt, kann man davon ausgehen, dass die Mischnamen im Rahmen der von Deutschen geleiteten Siedlungstätigkeit entstanden sind, wobei eine Person mit einem Namen slawischer Herkunft eine zentrale Rolle spielte.

(3) Eine besondere Gruppe bilden Siedlungsnamen, die auf den Volksnamen althochdeutsch Winid, mittelhochdeutsch Wint‚ ‚Winde, Wende, Slawe’ zurückgehen oder diesen als Bestandteil aufweisen. Hierher gehört vor allem eine Vielzahl von Namen mit -winden (zum Teil weiterentwickelt zu -wind, -winn oder -wing ) als Grundwort. Früh belegte Beispiele hierfür sind Siedlungsnamen wie Appertszwing (Lkr. Regensburg), 1031 (Kopie 12. Jahrhundert) Abbatisuuinidun, ‚Windensiedlung eines Abtes’, und Nabin (Lkr. Deggendorf ), 863 Nabauuinida, ‚Siedlung von Naabwinden, d. h. von Slawen, die aus dem Flussgebiet der Naab stammen’. Die -winden-Namen kommen im Gebiet mit rein slawischen Namen so gut wie nicht vor. Sie sind im Rahmen des deutschen Landesausbaus entstanden, zu dem auch Slawen hinzugezogen wurden.

(4) Bei einigen Siedlungsnamen erscheint das von dem unter (3) genannten Volksnamen abgeleitete Adjektiv mittelhochdeutsch windisch ‚windisch, slawisch’. Es bezeichnet die (ehemalige) Volkszugehörigkeit von Bewohnern des jeweiligen Ortes oder auch der näheren Umgebung. Windisch(en)- kann als Bestimmungswort fungieren wie etwa im Fall von Wünschendorf (Lkr. Bayreuth), 1255 Windischendorf, ‚beim windischen Dorf ’. Wesentlich häufiger begegnet jedoch der unterscheidende Zusatz Windisch(en)-, so bei Windischbergerdorf, 1146–1147 (Kopie um 1170) Pergerdorf, 1553 windischen Pergerdorff , das von Großbergerdorf (beide Lkr. Cham) differenziert wird. Windisch-Namen treten im Gegensatz zu -winden-Namen sowohl innerhalb als auch außerhalb des Gebiets mit rein slawischen Namen auf. Durch Erwähnungen in historischen Quellen und die Übernahme slawischer Ortsnamen ins Deutsche ist die Anwesenheit slawischer Bevölkerung in Bayern vom 8. bis zum 11. Jahrhundert sicher nachgewiesen. Da entsprechende Hinweise aus späterer Zeit fehlen, kann man davon ausgehen, dass sich die Slawen bis zum 12./13. Jahrhundert an die bairische bzw. fränkische Bevölkerungsmehrheit sprachlich assimiliert haben. Die Frage, wann die ersten slawischen Siedler nordostbayerisches Gebiet erreicht haben, kann nach derzeitigem Stand der archäologischen Forschung nicht abschließend beantwortet werden. In Betracht kommt der Zeitraum vom späten 6. bis zum frühen 8. Jahrhundert. Grundsätzlich ist mit regionalen Unterschieden und mit der Möglichkeit mehrerer Zuwanderungswellen zu rechnen.

Wolfgang Janka, in: Bayern-Böhmen, 1500 Jahre Nachbarschaft, hg. Von Rainhard Riepertinger u.a., Augsburg 2007 (Veröffentlichungen zur Bayerischen Geschichte und Kultur 54/2007), S. 143ff.

Literatur:

Karte nach Schwarz: Ernst: Sprache und Siedlung in Nordostbayern, Nürnberg 1960, Grundkarte in Verbindung mit Deckblatt 13