geboren: 24.11.1890,
Kippenheim
gestorben: 17.08.1981,
Riehen
Wirkungsort:
München | Berlin | Cincinatti u.a.
Selma Stern studierte Geschichte in Heidelberg und an der Ludwig-Maximilians-Universität München, wo sie 1913 als eine der ersten Frauen in Deutschland promoviert wurde. Von 1920 bis 1934 arbeitete sie an der Akademie für die Wissenschaft des Judentums in Berlin und legte den Grundstein für eine eigenständige quellenkritische jüdisch-deutsche Geschichtsschreibung. Mit ihrem Ehemann, dem Althistoriker Dr. Eugen Täubler (1879-1953) konnte sie 1941 gerade rechtzeitig in die USA emigrieren. Sie arbeiteten am Hebrew Union College in Cincinnati (Ohio), wo Selma Stern von 1947 bis 1955 als Archivarin fungierte. Ab 1960 lebte sie in der Schweiz und vollendete dort den letzten Band ihres Hauptwerks "Der Preußische Staat und die Juden". Bekannt sind auch ihre Biografien über den Hoffaktor Joseph Oppenheimer (1698-1738) und Rabbiner Josel von Rosheim (1476-1554), die als Standartwerke ihre Gültigkeit bewahrt haben.
Selma Stern war das zweite von vier Kindern des Arztes Dr. Julius Stern (1861-1908) und Emilie geb. Durlacher (1863-1931). Die jüdische Familie war völlig assimiliert und bemühte sich um Akzeptanz im gutbürgerlichen Milieu der Stadt. Selmas Elternhaus förderte ihre intellektuelle Begabung und ermöglichten den Besuch eines Knabengymnasiums (!) in Baden-Baden, weil dort eine bessere Allgemeinbildung als an einer sogenannten "Höheren Töchterschule" vermittelt wurde. Als ihr Vater 1908 überraschend und frühzeitig verstarb, stürzte sich Selma Stern in die Vorbereitungen ihres Abiturs und wurde 1909 Jahrgangsbeste. Anschließend studierte sie Geschichte in Heidelberg und München, wo sie 1913 "summa cum laude" promovierte. Damit war sie eine der ersten akademisch gebildeten weiblichen Historikerinnen in Deutschland.
Als Frau und Jüdin tat sich Dr. Selma Stern trotz ihrer herausragenden Qualifikationen schwer, in der akademischen Welt Fuß zu fassen. Dann begegnete sie dem Althistoriker Dr. Eugen Täubler (1879-1953), Leiter der Berliner Akademie für die Wissenschaft des Judentums. Er gewann sie für das Institut, wo Dr. Stern ab 1920 arbeitete. Dort legte sie den Grundstein für eine eigenständige quellenkritische jüdisch-deutsche Geschichtsschreibung der Frühen Neuzeit. In ihren Forschungen beschäftigte sie sich vor allem mit der Beziehung des preußischen Staats zur jüdischen Bevölkerung und die Folgen des nicht-jüdischen Einflusses auf das deutsche Judentum, später schriebt sie eine Biografie des Hoffaktors Joseph Oppenheimer ("Jud Süß"). Die Beziehung zu Eugen Täubler wurde auch privat enger. Das Paar heiratete im Jahr 1927 und zog nach Heidelberg, wo Täubler eine Professur an der Universität annahm. Nach der erzwungenen Schließung der Berliner Akademie 1933 und dem Lehrverbot als Professor konnte Dr. Täubler noch eine Zeitlang an der (staatlich nicht anerkannten) Hochschule für die Wissenschaft des Judentums unterrichten. "Stern beendet dank der Fürsprache durch Leo Baeck, den Vorsitzenden der Reichsvertretung der deutschen Juden, den zweiten Band der Preußen-Reihe. Das noch 1938 im Schocken Verlag gedruckte Buch kommt jedoch nicht mehr zur Auslieferung, sondern wird von den Nationalsozialisten beschlagnahmt" (Marina Sassenberg).
Im Rahmen eines Hilfsprojekts für deutsch-jüdische Wissenschaftler kamen Selma Stern und Eugen Täubler in Cincinnati (Ohio) am Hebrew Union College unter, wo Stern von 1947 bis 1955 am Aufbau der "American Jewish Archives" mitwirkte. Sie hatte die Materialien für den geplanten dritten Teil und das Manuskript für eine Geschichte der Hoffaktoren an europäischen Fürstenhöfen mit ins amerikanische Exil genommen und führte Ihre eigenen Forschungen quasi "nebenbei" weiter (The Court Jew, 1950).
Nach dem Tod ihres Mannes suchte sie schon bei ihrem Vater die Trauer mit Arbeit zu lindern, es begann die zweite große Schaffensphase ihrer Karriere. Seit 1954 beteiligte sie sich am Aufbau des Leo Baeck Institute, das sich zur weltweit bedeutendsten Sammel- und Forschungsstelle zur deutsch-jüdischen Geschichte entwickelte (Standorte New York und Berlin). Für ihren "herausragenden Beitrag zu Religion, Kultur und bürgerlichem Leben", wie es in der Laudatio heißt, erhielt sie 1955 den Ehrendoktortitel des Hebrew Union College.
In ihrer wissenschaftlichen Arbeit geriet Selma Stern in eine Sinnkrise: Während sie in den 1920ern den Anspruch hatte, durch ihre historischen Forschungen einen Beitrag für die jüdische Kultur der Gegenwart zu leisten, gab es nach der Shoah kein originär deutsches Judentum mehr. In dieser Phase entdeckte sie die Biographie des Josel von Rosheim. Einem Freund vertraute sie an: "Ich habe mit ihm [Josel von Rosheim] zusammengelebt, er hat mich getröstet & aufgerichtet".
Für die weiteren Studien zum letzten Band ihrer "Preußen"-Reihe war ein Umzug fast zwingend notwendig. Eine Rückkehr nach Deutschland kam für Selma Stern jedoch nicht in Frage. Daher ließ sie sich 1960 in der Schweiz nieder, zunächst in Basel, später im nahegelegene Riehen. Bis 1975 vollendete sie dort ihr Hauptwerk. Die bereits körperlich stark geschwächte Historikerin sah darin ihren letzten wissenschaftlichen und persönlichen Auftrag, ein bleibendes Zeugnis deutsch-jüdischer Existenz zu überliefern und damit, wie sie in der Einleitung schreibt, eine "Grundlage zu späterer deutsch-jüdischer Geschichtsforschung". Das 2012 gegründete Selma Stern Zentrum für Jüdische Studien Berlin-Brandenburg trägt ihren Namen und hat sich binnen kurzer Zeit einen internationalen Ruf errungen.
(nach Marina Sassenberg)
Literatur
- Marina Sassenberg: Selma Stern. Erste Frau in der Wissenschaft des Judentums. Leipzig 2005 (= Jüdische Miniaturen 30).
- Selma Stern: Der Hofjude im Zeitalter des Absolutismus. Ein Beitrag zur europäischen Geschichte im 17. und 18. Jahrhundert. Aus dem Englischen übertragen, kommentiert und herausgegeben von Marina Sassenberg. Tübingen 2001.
- Selma Stern: Josel von Rosheim. Befehlshaber der Judenschaft im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation. Stuttgart 1959.
- Selma Stern: Jud Süß. Ein Beitrag zur deutschen und zur jüdischen Geschichte. Berlin 1929.
Weiterführende Links
Quellen
GND: 119368161