Ruth Karola war das einzige Kind einer orthodoxen jüdischen Familie und wuchs in Frankfurt a.Main auf. Im Jahr 1935 wurde Ruth mit einem Kindertransport in die Schweiz geschickt, ihre Eltern starben in der Shoah. Nach Kriegsende wanderte sie nach Palästina aus, schloss sich der Hagana an und wurde im Unabhängigkeitskrieg schwer verletzt. Nach der Gründung Israels machte sie eine Ausbildung zur Kindergärtnerin und studierte Psychologie an der Sorbonne in Paris. Im Jahr 1956 wanderte in die USA aus, wo sie erfolgreich promovierte. 1980 gelangte sie als "Dr. Ruth" zu landesweiter Berühmtheit, weil sie in der Radiosendung "Sexually Speaking" öffentlich Fragen zu Sex und Beziehungen beantwortete. Ihre Sendung wurde sehr erfolgreich, und sie schrieb über 30 vielfach übersetzte Sexualratgeber. 2019 erhielt sie das Bundesverdienstkreuz, im gleichen Jahr erschien der biografische Dokumentarfilm "Ask Dr. Ruth" (dt. Fragen Sie Dr. Ruth). Aus drei Ehen gingen zwei Kinder hervor, die in den USA leben.
Ruth Karola war das einzige Kind von Julius Siegel (1900-1941) und Irma geb. Hanauer (1903-1941). Ihr Vater betrieb eine Kurzwarenhandlung, während Irma ursprünglich als Haushälterin für die Siegels gearbeitet hatte. Die jüdische Familie lebte orthodox und zog bereits kurz nach Ruths Geburt nach Frankfurt a.Main (Brahmsstraße 8). Im Alter von zehn Jahren wurde Ruth Siegel nach dem Erlass der Nürnberger Rassengesetze 1935 mit einem Kindertransport von Frankfurt-Nordend in die sichere Schweiz geschickt. Sie sah ihre Eltern nie wieder: Julius Siegel wurde in Auschwitz ermordet, Irma Siegel gilt offiziell als verschollen. Siegel verbrachte die Zeit des Zweiten Weltkriegs in dem vom Israelitischen Frauenverein Zürich geführten Kinderheim Wartheim in Heiden.
Nach Kriegsende verließ sie Zürich und wanderte in das britische Mandatsgebiet Palästina aus. Unter dem Eindruck der zunehmenden Spannungen zwischen Arabern und jüdischen Siedlern schloss sich Siegel der illegalen Siedlermiliz Hagana an und ließ sich zur Scharfschützin ausbilden. Im Untergrund kämpfte sie für den freien Judenstaat Israel und wurde im Unabhängigkeitskrieg durch eine Granate schwer verletzt. Als im Mai 1948 der Staat Israel ausgerufen wurde, war die Zeit des Kampfes für Siegel vorbei. Sie machte eine Ausbildung zur Kindergärtnerin und heiratete 1950 den israelischen Soldaten David Bar-Haim, mit dem sie nach Paris ging. Die Ehe wurde 1955 geschieden und begann ein Studium der Psychologie an die Sorbonne in Paris.
Ein Scheck der Bundesregierung über 5.000 Mark zur Entschädigung für erlittenes Leid ermöglichte Ruth Westheimer 1956, mit ihrem zweiten Mann Dan Bommerin in die USA zu ziehen. Auch diese Ehe, aus der die Tochter Miriam (1957) stammt, endete in Scheidung. Ruth schloss erfolgreich ihr Studium mit Promotion ab und heiratete 1961 Manfred Westheimer, der Miriam adoptierte. Bis zu seinem Tod 1997 waren sie verheiratet, und ihr gemeinsamer Sohn Joel (* 1963) ist Lehrstuhlinhaber für Erziehungswissenschaft an der Universität Ottawa. 1965 erhielt Ruth die US-amerikanische Staatsbürgerschaft.
Westheimer trat in verschiedenen Radio- und Fernsehformaten auf. Bei ihrem ersten Radioauftritt 1980 beim New Yorker Kanal WYNY-FM beantwortete sie in der Sendung "Sexually Speaking" Fragen zu Sex und Beziehungen. Die nur 15 Minuten lange Sendung, die erst nach Mitternacht ausgestrahlt wurde, sorgte für Aufsehen und verhalf ihr schnell zu landesweiter Bekanntheit. Nur drei Jahre später gehörte ihre Sendung zu den erfolgreichsten in den USA.
Ruth Westheimer veröffentlichte über dreißig Sexualratgeber, darunter "First Love. Ein Aufklärungsbuch für junge Leute" (1988) und "Sex für Dummies" (1996). Im französischen Film "Eine Frau zum Verlieben" (1985) spielte sie sich selbst.
Jährlich kehrte "Dr. Ruth" zur Buchmesse nach Frankfurt zurück, während sie zu ihrem Geburtsort Wiesenfeld keine Verbindung mehr hatte. 2019 wurde sie mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt; im selben Jahr erschien der Dokumentarfilm "Fragen Sie Dr. Ruth" (Originaltitel: Ask Dr. Ruth) von Ryan White.
(Patrick Charell)
Literatur
- Gero von Boehm: Ruth Westheimer. 2. September 1986. Interview in: Ders. Begegnungen. Menschenbilder aus drei Jahrzehnten. München 2012, S. 134–140.
- Margaret M. Scariano: Dr. Ruth Westheimer. Hillside (New Jersey) 1992.
- Ruth Westheimer: "...und alles in einem Leben" (Autobiografie). Salenstein 1988.
Weiterführende Links
- Renommierte Sexualtherapeutin "Dr. Ruth" Westheimer ist gestorben (Zeit Online, 13.07.2024)
- Andrea Munkert / dpa (14.07.2024): Dr. Ruth: Gebürtige Fränkin und bekannteste Sex-Therapeutin der USA ist tot (Nordbaye
- Christiane Heil (14.07.2024): Sextherapeuthin "Dr. Ruth" Westheimer gestorben (Frankfurter Allgemeine Zeitung)
- Dr. Ruth Westheimer (Radio Hall of Fame)
Quellen
GND: 11863190X