Der gebürtige Fellheimer folgte dem Beispiel seines Vaters und eröffnete 1859 ein Kunst- und Antiquariatshandel. Im Jahr 1867 verlegte er das "Antiquariat Rosenthal" nach München, wohin auch die ganze Familie übersiedelte. Rasch bekam die Firma ein internationales Renommee und zählte Universitäten, Bibliotheken und bedeutende Sammler zu seinen Kunden. Sein jüngerer Bruder und Teilhaber Jacques Rosenthal eröffnete 1895 ein eigenes, ebenfalls sehr erfolgreiches Geschäft. Um die Jahrhundertwende war Ludwig Rosenthals Antiquariat mit mehr als einer Million Bücher umfangreicher als die Bayerische Staatsbibliothek. Nach der NS-Zeit wird in Leidschendam bei Den Haag das Antiquariat Rosenthal bis heute weitergeführt.
Im schwäbischen Fellheim wurde Ludwig Rosenthal als ältester Sohn von Joseph Rosenthal (1805-1885) geboren, einem ehemaligen Markthändler und autodidaktischen Antiquar. Seine Mutter Dorlene geb. Bacharach (1813-1858) entstammte einer örtlichen jüdischen Metzgerfamilie. Ludwig wuchs im Milieu einer großen, aber im Lauf des 19. Jahrhunderts verarmten und überwiegend orthodoxen Landgemeinde auf. Er besuchte die Elementarschule im Ort und erhielt vom Melamed Religionsunterricht, aber gleichzeitig ging er bereits als Knabe von dreizehn Jahren zu Fuß nach Buxheim, um dort in der ehemaligen Reichsabtei die englische und französische Sprache zu erlernen. Nach einer Ausbildung zum Buchhändler bei Isaak Hess in Ellwangen eröffnete er 1859 in Fellheim einen eigenen Kunst- und Antiquitätenhandel.
Die räumliche und geistige Enge in der orthodoxen Landgemeinde, dazu noch die eingeschränkten wirtschaftlichen Möglichkeiten bewogen Joseph Rosenthal, seinem Sohn Ludwig den Weg für eine Geschäftsgründung in München zu ebnen. 1861 fielen endlich die Beschränkungen des Bayerischen Judenedikts von 1813, mit dem Recht auf eine freie Berufs- und Wohnortswahl begann vor allem in den jüdischen Gemeinden eine Landflucht. Nach seiner Zulassung für München siedelte 1867 die gesamte Familie Rosenthal in die Haupt- und Residenzstadt um. In den kommenden Jahrzehnten brachte es das Antiquariat Rosenthal zu Weltruhm. Universitäten und Museen, Bibliotheken, aber auch wohlhabende Privatsammler aus dem In- und Ausland zählten zu den Kunden. Aus der um 1870 geschlossenen Ehe mit Minna geb. Müller (1947-1933) aus Buttenwiesen gingen vier Kinder hervor: Lina (1870-1944, ermordet in Theresienstadt), Abraham Adolf (1872-1943, dito), Nathan Norbert (1874-1944, dito) und Heinrich (1879-1960).
Am 20. Januar 1874 traten Ludwigs jüngere Brüder Nathan (1848-1921) und Jacques Rosenthal (1854-1937) als Juniorteilhaber in die Firma ein. Jacques knüpfte Kontakte in Frankreich und entwickelte sich rasch zu einem gleichwertigen Partner. 1895 trennte er sich jedoch im Guten von seinem Bruder, um ein eigenes, ebenfalls sehr erfolgreiches Geschäft zu eröffnen. Das Geschäft blühte, weil die Firma Rosenthal komplette Bibliotheken aus Klöstern, bankrotten Adelssitzen oder gleichgültigen Kommunen aufkaufen konnten. Ludwig Rosenthal stellte für den bayerischen König Ludwig II. (1845-1886) eine Sammlung von Büchern und Manuskripten zum Sonnenkönig Louis XIV. von Frankreich zusammen, die jener zur Planung seiner Traumschlösser Linderhof und Herrenchiemsee benötigte. Für diesen Auftrag erhielt er den Titel eines „Hoflieferanten“. Ludwig Rosenthal hatte einen ausgesprochenen Scharfblick für wertvolle Inkunabeln (frühe Buchdrucke) und Raritäten. Er erwarb unter anderem die Partitur einer unvollendeten Symphonie des jungen Richard Wagner und entdeckte eine Globuskarte mit der Route der Weltumseglung von Magellan aus dem Jahr 1523. Ein Stammkunde war der Heraldiker und Grafiker Otto Hupp (1859-1949), dem Rosenthal im Jahre 1900 das Gutenberg'sche Missale speciale (früher Constantiense) für 300.000 Goldmark abkaufte. Um die Jahrhundertwende war Rosenthals Antiquariat mit mehr als einer Million Bücher umfangreicher als die Bayerische Staatsbibliothek.
Ludwig Rosenthal hatte seine drei Söhne Adolf, Norbert und Heinrich als Mitarbeiter in das Geschäft aufgenommen, sollte sich aber erst mit 82 Jahren aus dem aktiven Geschäftsleben zurückziehen. 1922 trennten sich zwei Söhne von der väterlichen Firma: Heinrich Rosenthal eröffnete ein eigenes Geschäft unter seinem Namen, Adolf zog sich aus dem aktiven Geschäftsleben zurück. Norbert Rosenthal und wiederum dessen drei Söhne Ernst (1906-1984), Paul (1906-1944, ermordet in Theresienstadt) und Fritz (1908-1955) blieben weiterhin Mitarbeiter des Antiquariats.
Ludwig Rosenthal verstarb 1928 und wurde auf dem Alten Israelitischen Friedhof bei Sendling bestattet. Nach der NS-Machtübernahme 1933 konnte das Antiquariat Rosenthal mit einer Sondererlaubnis noch bis 1937 von Norbert, Fritz und dessen Frau Hilde geb. Wolf weitergeführt werden, weil Hermann Göring ihr Kunde war. Fritz, Hilde und Paul Rosenthal emigrierten nach Holland und eröffneten in Den Haag ein Antiquariat. Norbert und Adolf blieben mit dem größten Buchbestand in München und starben schließlich im Konzentrationslager Theresienstadt, ebenso wie Paul, den man in Holland denunziert hatte. Kurz vor Kriegsausbruch hatte Norberts Sohn Ernst nach England fliehen können, sein Bruder Heinrich nach Paris. Das Antiquariat in Den Haag wurde bald geschlossen und konnte erst 1945 wieder öffnen. Zwischendurch nach Hilversum verlegt, wird es heute von Hildes Tochter Edith Petten-Rosenthal (*1948) in Leidschendam bei Den Haag weitergeführt.
2002 zeigte das Jüdische Museum in München eine Sonderausstellung über die Familie Rosenthal, die im Jahr 2004 nach Fellheim und 2008 nach Mindelheim wanderte.
(Patrick Charell)
Literatur
- Werner Ebnet: Sie haben in München gelebt. Biografien aus acht Jahrhunderten. München 2016, S. 498.
- Stadtarchiv München / Anton Löffelmeier u.a. (Hg.): Die Rosenthals. Der Aufstieg einer jüdischen Antiquarsfamilie zu Weltruhm. Wien u. a. 2002.
- Fritz Homeyer: Deutsche Juden als Bibliophilen und Antiquare. 2. Aufl. Tübingen 1966, S. 31–34.
Weiterführende Links
Quellen
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