Das Geschäft seines Bruders Ludwig Rosenthal (1840-1928) war der Ausgangspunkt für das 1895 gegründete "Antiquariat Jacques Rosenthal". Im Jahr 1911 ließ er sich in der Briennerstraße einen Stadtpalais erbauen. Durch das Angebot hochwertiger Handschriften und Inkunabeln hatte sich Jacques Rosenthal rasch ein weltweites Renommee erworben. Er trug den Titel eines kaiserlichen, kgl.-preußischen und kgl.-bayerischen Hoflieferanten. Für sein Wirken erhielt er den Preußischen Kronenorden IV. Klasse, den Französischen Palmenorden und den päpstlichen Benemerenti-Orden. Er war mit der Münchnerin Emma Guggenheimer (1857-1941) verheiratet, sie bekamen die Kinder Theodora (1884-1909?) und Erwin (1889-1981).
Jakob Rosenthal kam als jüngster Sohn des Kunsthändlers und Antiquars Vaters Joseph Rosenthal (1805-1885) in Fellheim zur Welt. Seine Mutter Dorlene geb. Bacharach (1813-1858) entstammte einer örtlichen jüdischen Metzgerfamilie. Aus der Ehe waren insgesamt neun Kinder hervorgegangen. Jakob Rosenthal wuchs im Milieu einer großen, aber im 19. Jahrhundert verarmten jüdischen Landgemeinde auf. Er besuchte die jüdische Elementarschule im Ort. Im Mai 1867 zog die Familie nach München, wo der ältere Ludwig Rosenthal für sein aufstrebendes Antiquariat die entsprechend große Nachfrage erhoffte. Jakob erhielt währenddessen eine großbürgerliche Erziehung, die ihn auf das anspruchsvolle Familiengeschäft vorbereiten sollte: Von einem Privatlehrer erlernte er fließendes Englisch und Französisch, außerdem beherrschte er später auch Latein. Später absolvierte eine Ausbildung zum Buchhändler und nahm zunächst eine Stelle in Heidelberg an, dann wechselte er zur renommierten Bielefeld`schen Antiquariatsbuchhandlung in Karlsruhe. Am 20. Januar 1874 trat er neben seinem Bruder Nathan (1848-1921) als Juniorteilhaber in das Antiquariat von Ludwig Rosenthal ein.
Im Auftrag seiner Familie ging Jacques Rosenthal nach Paris und knüpfte dort Kontakte im Buchhandelsgewerbe. Außerdem änderte er zu diesem Zeitpunkt seinen Vornamen in "Jacques", was weltläufiger klang und sich bei den späteren internationalen Geschäftsbeziehungen als vorteilhaft erwies. Für die Berliner Nationalbibliothek erwarb er die illuminierte Handschrift Evangelium Prumense. Jacques und Ludwig Rosenthal pflegten auch enge Kontakte zum bayerischen Hof und belieferten unter anderem König Ludwig II. (1845-1886). Am 21. Dezember 1882 heiratete Jacques Rosenthal Emma Guggenheimer (1857-1941), Tochter des Münchner Großhändlers Simon Guggenheimer (nicht zu verwechseln mit dem US-amerikanischen industriellen gleichen Namens). Aus der Ehe gingen die Kinde Theodora (1884-1909?) und Erwin (1889-1981) hervor.
Im Jahr 1888 erhielt Jacques Rosenthal das Münchner Bürgerrecht. Am 1. Mai 1895 eröffnete Jacques Rosenthal ein "Buch- und Kunstantiquariat" in der Karlstraße 10. Sein anhaltender wirtschaftlicher Erfolg äußerte sich in einem repräsentativen Stadtpalais mit Geschäftsräumen, den Rosenthal 1911 an der Briennerstraße 47 (heute 26) errichten ließ. Damit verlegte er sein Antiquariat gezielt in das neue Zentrum des elitären Münchner Kunsthandels, nahe der Residenz und dem Wittelsbacher Palais.
Durch den verlorenen Ersten Weltkrieg befand sich das Antiquariat in einer schwierigen Lage: Es herrschte Not und Inflation. Erst gegen Ende der 1920er Jahre blühte die Branche als Ganzes wieder auf, weil viele Klöster und Adelshäuser in Geldnot gerieten und sich veranlasst sahen, ihre wertvollen Buchbestände auf den Markt zu bringen. Auch weiterhin besaß das Antiquariat Rosenthal ein sehr großes internationales Renommee. 1927 erhielt Jacques Rosenthal von Papst Pius XI. den Verdienstorden "Benemerenti" verliehen. Wegen der anhaltenden Finanzprobleme musste Rosenthal jedoch eine sog. Stille Partnerstadt mit seinem früheren Konkurrenten Georg Karl eingehen und erlitt Ende 1932 sogar einen Schlaganfall.
Kurz nach der NS-Machtübernahme 1933 wurde das prominente Antiquariat das Ziel von Boykotten und Anfeindungen. Kaum zwei Jahre später, im März 1935, musste Rosenthal seinen Stadtpalais verkaufen. In unmittelbarer Nähe zum Parteizentrum der NSDAP am Königsplatz war diese Immobilie besonders bei den NS-Institutionen sehr begehrt. Der von ihm geplante Verkauf an die Witwen- und Waisenkasse wurde daher von der "Deutschen Arbeitsfront" (DAF) verhindert. Sie beanspruchte das Anwesen für sich und setzte sich im Juli 1935 als Käufer durch. Das Antiquariat Rosenthal zog in die Konradstraße 16 um. Fast zeitgleich wurde Jacques Sohn, dem inzwischen promovierten Kunsthistoriker Dr. Erwin Rosenthal, im August 1935 die Mitgliedschaft in der Reichskulturkammer verwehrt. Im Dezember 1935 zog Rosenthal Senior die Konsequenz und verkaufte das Antiquariat an den Mitarbeiter Hans Koch, womit die "Arisierung" vollzogen war. Bereits im März 1936 emigrierte Dr. Erwin Rosenthal mit seiner Frau und den Kindern nach Florenz. Jacques und Emma Rosenthal zogen in das Hotel Regina am Maximiliansplatz, wo der Antiquar am 5. Oktober 1937 verstarb. Er wurde in kleinem Kreis auf dem Alten jüdischen Friedhof in Sendling bestattet. Seiner Frau Emma Rosenthal gelang im Dezember 1939 die Flucht in die Schweiz, wo sie am 24. Juni 1941 in Küssnacht bei Zürich starb.
Das große Geschäftshaus an der Brienner Straße wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört und durch einen schmucklosen Neubau ersetzt. Die Tradition des Antiquariats lebte jedoch weiter: Die Söhne Albrecht (1914-2004), Felix (1917-2009) und Bernhard (1920-2017) Rosenthal führten die Familientradition in London, Zürich und Berkeley fort.
(Patrick Charell)
Bilder
Literatur
- Werner Ebnet: Sie haben in München gelebt. Biografien aus acht Jahrhunderten. München 2016, S. 498.
- Stadtarchiv München / Anton Löffelmeier u.a. (Hg.): Die Rosenthals. Der Aufstieg einer jüdischen Antiquarsfamilie zu Weltruhm. Wien u. a. 2002.
- Cornelia Berger-Dittscheid: Fellheim. In: Wolfgang Kraus, Berndt Hamm, Meier Schwarz (Hg.): Mehr als Steine... Synagogen-Gedenkband Bayern, Band 1: Oberfranken, Oberpfalz, Niederbayern, Oberbayern, Schwaben. Erarbeitet von Barbara Eberhardt und Angela Hager unter Mitarbeit von Cornelia Berger-Dittscheid, Hans-Christof Haas und Frank Purrmann. Lindenberg im Allgäu 2007, S. 431-439.
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Quellen
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