Biografien
Menschen aus Bayern

Joseph Schwarz Rabbiner und Forschungsreisender

geboren: 22.10.1804, Floß
gestorben: 05.02.1865, Jerusalem

Wirkungsort: Schwabach | Würzburg | Zell | Jerusalem

Joseph Schwarz entstammte einer kinderreichen Oberpfälzer Rabbinerfamilie aus Floß. Sein Bruder war der langjährige Hürbener Rabbiner Hayum Schwarz (1800-1875). Auch Joseph sollte den Lehrberuf ergreifen. Er studierte nach einer orthodoxen jüdischen Schulbildung an der Israelitischen Präparandenschule in Schwabach, an der Jeschiwa in Preßburg und anschließend in Würzburg. Hier schrieb er sich zusätzlich an der Universität ein, um sein Wissen um naturwissenschaftliche Aspekte zu erweitern. Bekannt wurde Joseph Schwarz jedoch vor allem als Forschungsreisender in Nahen Osten. Er erfüllte sich einen lang gehegten Wunsch und wanderte 1833 nach Jerusalem aus, wo er in die sephardische Rabbinerfamilie Luria einheiratete. Sein Hauptwerk ist das "Tebu'ot ha-Areẓ" (Dt. "Das heilige Land: Nach seiner ehemaligen und jetzigen geographischen Beschaffenheit" 1852), das zu einem Standartwerk für die Geschichte, Geographie und Geologie der biblischen Stätten wurde.

Joseph Schwarz wurde als drittes von zwölf Kindern in die angesehene Rabbinerfamilie Schwarz geboren. Seine Eltern waren Bella bar Moses geb. Adler (gest. 1832) und Mendel ben Isaak Schwarz (1767-1828). Die Familie zerstreute sich wohl spätestens nach dem Tod der Mutter in alle Winde: Zwei seiner Brüder wanderten von Floß nach Nordamerika aus, einer ließ sich in Baden, ein weiterer in Schwaben nieder. Drei seiner Schwestern verheirateten sich ebenfalls nach Schwaben, zwei weitere in Hessen-Darmstadt. Früh am Rabbinerberuf interessiert und für den Lehrerberuf bestimmt, besuchte er die Israelitische Präparandenschule, vermutlich in Schwabach, da er auch seine rabbinischen Studien in Schwabach beim dortigen Rabbiner Abraham Wechsler begann. Schwarz setzte seine Studien in Preßburg fort, einer Hochburg der jüdischen Orthodoxie, und studierte anschließend an der Universität und Jeschiwa in Würzburg. An letzterer lernte bereits sein älterer Bruder Samuel Schwarz unter Leitung des Distriktsrabbiners Abraham Bing (1752-1841), der ebenfalls der Orthodoxie nahe stand.

1823 arbeitete Joseph Schwarz als Rechnungsführer beim Gutsbesitzer und Rabbiner Mendel Rosenbaum, der in Zell am Main im säkularisierten Prämonstratenser-Nonnenkloster Unterzell einen "Judenhof" errichtete und eine neue Gemeinde mit angesehener Jeschiwa, Nagelschmiede und Kolonialwarenhandlung gründete. Rosenbaum beschäftigte in Unterzell Rabbiner Elieser Bergmann als Privatlehrer für seine Kinder. Rabbiner Bergmann wanderte 1834 ebenfalls nach Palästina aus und traf dort wieder mit Joseph Schwarz zusammen.

In Würzburg studierte Schwarz auch die Geographie Palästinas und verfasste eine Karte des Landes, die in drei Auflagen - Würzburg 1829, Wien 1831, Triest 1832 - erschien. Seit seiner frühesten Jugend hatte Schwarz den Wunsch, Geschichte, Geographie, Geologie, Pflanzen- und Tierwelt des Heiligen Landes selbst vor Ort zu erforschen. Zu dieser Zeit gab es dazu nur eine wesentliche jüdische Arbeit, "Knauf und Blume" (hebr. "kaftor wa-ferach") von Estori ha-Parchi (1282-1357), einem mittelalterlichen jüdischen Erforscher der Topographie, der sieben Jahre lang Palästina bereist hatte. Die wenigen christlichen Arbeiten über Palästina widmeten sich vornehmlich spezifisch christlichen Gesichtspunkten: Die große Zeit der Orientreisenden war noch nicht angebrochen. 

1831 brach Joseph Schwarz nach Palästina auf. Er reiste über Wien nach Ungarn. Die Cholera und Quarantäne-Bestimmungen verzögerten seine Weiterreise um ein Jahr. In Fiume am Mittelmeer musste er ein weiteres halbes Jahr seine Weiterreise aufschieben, weil sich der ägyptische Statthalter Muhammad Ali Pascha gegen die Hohe Pforte in Istanbul erhoben und Palästina besetzt hatte. Erst mit dem Vertrag von Kütahya wurde im April 1833 ein einstweiliger Friede geschlossen, und Joseph Schwarz gelangte über den Seeweg nach Jaffa. Am 19. April 1833 erreichte er Jerusalem, wo er von der berühmten weißrussischen Rabbiner-Familie Luria aufgenommen wurde. Schwarz, der sich nun Yehosef Shṿarts nannte, übernahm den Lebensstil des sephardischen Judentums. Er heiratete Chaya Rivke Luria (gest. 1879), sie bekamen die Töchter Tzvia Rabalg (gest. 1912) und Sarah Tziril Yaffe (Daten unbekannt). Schwarz trat außerdem einer frommen jüdischen Sekte bei, den Watikin. Vom Ölberg Gethsemane aus erfasste er die exakten Zeiten von Sonnenaufgang und -untergang für jeden Tag des Jahres, weil diese die Zeit für das Gebet "Höre Israel" (hebr. "Schma Jisrael") festlegen. In Jerusalem erschien 1843 sein Ergebnis unter dem Titel "Die Zyklen der Sonne" (hebr. "Tvu'ot HaSchemesch).

In der Folge bereiste Rabbiner Schwarz 15 Jahre lang auf eigene Kosten Palästina und erforschte dessen Geographie. Die Kenntnis der Landessprachen half ihm bei der mühevollen und oft gefährlichen Unternehmung. Seine Erkenntnisse veröffentlichte er in seinem Buch "Tvu'ot Ha'aretz", das erstmals 1845 in Jerusalem auf Hebräisch erschien und später auch auf Englisch und Deutsch unter dem Titel "Das heilige Land: Nach seiner ehemaligen und jetzigen geographischen Beschaffenheit" (1852) übersetzt wurde. Im Jahr 1849 reiste Rabbiner Schwarz in die USA, um einerseits die Übersetzung seines Buches zu betreuen (die bis dato wohl bedeutendste in Nordamerika publizierte jüdische Schrift), aber auch um Spenden für die von Rabbiner Elieser Bergmann und Joseph Schwarz im Jahre 1837 begründete Wohlfahrtseinrichtung "Kolel Holland und Deutschland" in Jerusalem zu sammeln.

Von den USA aus reiste Schwarz über London nach Deutschland, um auch hier die Herausgabe seines Buches zu betreuen. Die deutsche Übersetzung übernahm sein Neffe Isaak Schwarz, der 1865 Rabbiner in Köln wurde. Er war der Sohn seines ältesten Bruders Haium (geboren am 20. Juli 1800 in Floß), der als Rabbiner in Hürben (Baden-Württemberg) wirkte. Die deutsche Übersetzung von 1852, "in nüchterner, modern anmutender Sprache geschrieben", enthält geographische Untersuchungen, die den in Bibel, Talmud und Midrasch vorkommenden Namen von Ortschaften, Bergen, Ländern, Gewässern nicht nur in Palästina, sondern auch in benachbarten Ländern wie dem Libanon, die im 19. Jahrhundert gebräuchlichen Namen zuordnen. Es enthält Erklärungen der Völkernamen, Erläuterungen zum Klima, Tier- und Pflanzenreich, zu Geologie und Klima, sowie Beschreibungen der liturgischen, religiösen und sozialen Gebräuche der Juden in Jerusalem, verschiedene Sagen und Skizzen zur Geschichte der Juden in Palästina, aber auch Beschreibungen der arabischen Bevölkerung Jerusalems. Zwei Ortsregister listen alle Ortsnamen in deutscher und in hebräischer Schrift auf. Das Buch schließt mit einem Bild von Jerusalem und einer Karte von Palästina.

Nach 1852 kehrte Schwarz nach Jerusalem zurück. Er widmete sich weiterhin dem Studium der rabbinischen Schriften sowie der Kabbala und trat der kabbalistischen Vereinigung "Haus Gottes" (hebr. "Beth-El") bei. Ein weiteres großes Forschungsfeld seiner späten Jahre war die Suche nach den verschollenen Zehn Stämmen Israels, der in Afrika (Abessinien, Zentral- und Südafrika), Jemen, Tibet und China vermutete. Andere Forschungsmeinungen, die eine Ansiedelung in Ostasien oder Amerika vermuteten, lehnte er in seinen Publikationen rundweg ab. Die Marktgemeinde Floß benannte 2009 den Platz vor der Synagoge in Rabbiner-Joseph-Schwarz-Platz um.


Aus der Serie "Gesichter unseres Landes" von der Hanns-Seidl-Stiftung

(Renate Höpfinger)

Schriften von Joseph Schwarz


  • "Tebu'ot ha-Areẓ" (Jerusalem 1845): Geographie, Geologie und Geschichte von Palästina


  • "A Descriptive and Historical Sketch of Palestine" (Philadelphia 1850): Englische Übersetzung von "Tebu'ot ha-Areẓ"


  • "Das heilige Land: Nach seiner ehemaligen und jetzigen geographischen Beschaffenheit" (Frankfurt a.M. 1852): Deutsche Übersetzung von "Tebu'ot ha-Areẓ"


  • "Luaḥ", hebräischer Kalender für das Jahr 5604 (Jerusalem 1843)


  • "Tebu'ot ha-Shemesh" (Jerusalem 1843, Bd. 1-4): Berechnung von Sonnenaufgang und Sonnenuntergang im Heiligen Land


  • "Peri Tebu'ah" (Jerusalem 1861): Biblische und talmudische Bemerkungen über Palästina


  • "Pardes" (Herusalem 1861): Über die vier Methoden des Kommentierens


  • "Teshubot" (o.J.): Responsen


  • "Shoshannat ha-'Emeḳ" (Jerusalem 1862): Zusätze und Korrekturen zu den vorangegangenen Werken


  • "Luaḥ" (Jerusalem 1862): Tafeln über Sonnenaufgang und Sonnenuntergang in Jerusalem, herausgegeben von Azriel Aaron, dem Schwiegersohn von Joseph Schwarz

Literatur

  • Adolf Brüll: Schwarz, Josef. In: Allgemeine Deutsche Biographie, Bd. 33 (1891), S. 242.
  • Joseph Schwarz / Israel Schwarz (Bearb): Das heilige Land. Nach seiner ehemaligen und jetzigen geographischen Beschaffenheit. Frankfurt a.M. 1852 (BSB Exeg. 995 p).

GND: 1012246337