Biografien
Menschen aus Bayern

Jakob Feibelmann Textilkaufmann und Unternehmer

geboren: 03.10.1880, Memmingen
gestorben: 1972, Tel Aviv

Wirkungsort: Memmingen

Der gebürtige Memminger Jakob Feibelmann machte sich nach seiner Ausbildung zum Textilkaufmann und einer mehrjährigen Berufserfahrung in seiner Heimatstadt selbstständig. Von 1915 bis 1919 leitete ehrenamtlich das Ernährungsamt der Stadt, welche die gerechte und ausreichende Versorgung der Zivilbevölkerung sicherstellen sollte. Kurzzeitig engagierte sich Feibelmann aktiv in der Bayerischen Räterevolution, zog sich jedoch schnell wieder aus der Politik zurück und wurde zum Zweiten Vorsitzenden der Israelitischen Kultusgemeinde Memmingens gewählt. Ab 1923 produzierte Jakob Feibelmann in Memmingen Aluminiumfolien für die Lebensmittelindustrie und kam nach der NS-Machtübernahme am 31. April 1933 für mehrere Tage in Schutzhaft. Auf einzigartige Weise wird die antisemitische Hetze jener Zeit durch eine anonyme Drohbrief-Kampagne dokumentiert, die bereits am Tage nach Feibelmanns Haftentlassung gegen ihn gestartet wurde. 1934 gab er auf und floh mit seiner Familie nach Palästina, wo er 1972 verstarb. Die Briefe und Postkarten führte er mit sich und nutzte sie nach 1945 erfolgreich in seinen Verfahren um Wiedergutmachung. Sie liegen in der Gedenkstätte Yad Vashem und wurden 2022/23 das Thema einer Sonderausstellung.

Jakob Feibelmann kam 1880 in der jüdischen Kultusgemeinden von Memmingen zur Welt; sein Vater Emanuel Feibelmann war erst im Jahr zuvor in die Stadt gezogen, nachdem er Rosa Bacharach (1852-1932) aus dem benachbarten Fellheim geheiratet hatte. Emanuel ernährte seine Familie als Viehhändler, ab 1887 betrieb er zusätzlich ein Immobiliengeschäft. Im Gegensatz zu seinem jüngeren Bruder, dem 1883 geborenen Moritz, der das Gymnasium besuchte und später Medizin studierte, erlangte Jakob Feibelmann 1896 an der Kgl. Realschule in Memmingen die Mittlere Reife und machte dann eine zweijährige Lehre bei der ortsansässigen Tuch- und Baumwollgroßhandlung Heilbronner & Guggenheimer (heute Westererstraße 4). Ab Oktober 1898 arbeitete er in München. Als Handlungsreisender einer Seidenwarenhandlung bereiste er auch Belgien und die französische Schweiz. 1901 kehrte er nach Memmingen zurück, um im April als Einjährig-Freiwilliger in die Kgl.-Bayerische Armee einzutreten (3. Infanterieregiment "Prinz Karl von Bayern"). Anschließend arbeitete er zwei Jahre lang im väterlichen Immobiliengeschäft.

Im Dezember 1909 heiratete Jakob Feibelmann die ebenfalls aus Memmingen stammende Meta Guggenheimer (1884-1913). Drei Jahre später kam ihr Sohn Heinz Leopold zur Welt. Der jungen Familie in der Maximilianstraße 11 blieb nur eine kurze gemeinsame Zeit; vier Wochen nach der Geburt starb Meta im Kindbett. Bald darauf zog Jakob Feibelmann mit seinem Sohn in das Haus seiner Eltern in der Herrenstraße 14.

Mit 33 Jahren wagte er den Schritt in die Selbstständigkeit und übernahm im Frühjahr 1914 die auf Kurz- und Spielwaren spezialisierte Großhandlung Gebr. Hugel in Memmingen, deren Namen er beibehielt. Im November 1919 schloss er eine zweite Ehe mit Irma Gutmann aus Groß-Rohrheim, knapp ein Jahr später kam ihre Tochter Marie zur Welt. Die Familie wohnte nun in der Westererstraße 4, Feibelmanns alten Lehrbetrieb. Er hatte es erworben und auch seine Wohnstätte dorthin verlegt. In den 1920er Jahren erweiterte er sein Sortiment zunächst um Tabakwaren und stieg im Sommer 1922 auf den Handel mit Web und Strumpfwaren um. Ab Dezember 1923 vertrieb er nur noch Strümpfe, bis er die Großhandlung ganz aufgab. Mit Übernahme der "Bayerischen Aluminium-Industrie GmbH" in Memmingen stellte sich Feibelmann im Sommer 1926 einer ganz neuen Herausforderung. Das junge Unternehmen in der Steinbogenstraße 30, ab 1930 Eisenburgerweg 3 veredelte Aluminiumfolien zur Verpackung von Käse und Schokolade. Neben dem Hauptsitz in Memmingen unterhielt Feibelmann eine ständige Vertretung in Augsburg und wechselnde in München sowie Ostpreußen (Elbing und Königsberg). Jakob Feibelmann musste im November 1932 auch dieses Unternehmen aufgeben, verkaufte die Produktion an seinen christlichen Geschäftspartner Emil Tscheulin und übernahm lediglich den Vertrieb der Produkte.

Während des Ersten Weltkriegs und unmittelbar danach fungierte Jakob Feibelmann als Vorstand des Memminger Lebensmittelamts, das die Versorgung der Bevölkerung in Zeiten der Rationierung gewährleisten sollte. Nach eigenen Angaben übte er dieses verantwortungsvolle Ehrenamt von 1915 bis 1919 aus. Bereits jetzt wurde er das Ziel persönlicher Anfeindungen. 1917 honorierte jedoch die bayerische Regierung Feibelmanns Einsatz mit dem König-Ludwig-Kreuz III. Klasse für Heimatverdienste.

Im Zuge der Novemberrevolution betrat der Kaufmann plötzlich die politische Bühne, als er sich dem örtlichen Arbeiter-, Soldaten- und Bauernrat anschloss. Am 18. November 1918 unterzeichnete er einen "Volksaufruf" und gab sich dadurch auch in der breiten Öffentlichkeit als Unterstützer der Revolution zu erkennen. Wenig später verabschiedete sich Feibelmann wieder aus der Politik und übernahm Anfang 1919 für drei Jahre das Amt des zweiten Vorsitzenden und des Kassiers (Kassenwarts) der IKG Memmingen. Auch seine Eltern waren in der Kultusgemeinde aktiv, Emanuel saß über die Jahre in mehreren Ausschüssen und Rosa engagierte sich im Israelitischen Frauenverein.

Bereits unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg kam es in Memmingen zu einer ganzen Reihe von antisemitischen Straftaten. In einem offenen Brief an den Stadtrat äußerten die beiden Kultusvorstände ihre Fassungslosigkeit und mahnten auch die Kommune, politisch wie rechtlich gegen den grassierenden Antisemitismus vorzugehen: Wenn "jahrelang die Aufhetzung betrieben wird, ohne dass die Autorität der Behörde einschreitet, dann erfolgen solche Ausbrüche einer irregeleiteten Menge".

Mit der NS-Machtübernahme verschärfte sich die Situation zunehmend. Jakob Feibelmann war direkt vom Boykottaufruf der Nationalsozialisten betroffen und gehörte zu jenen 6 sechs jüdischen Memmingern, die im Zuge des reichsweiten Boykottaufrufs am 31. April 1933 in "Schutzhaft" kam. Sein Geschäftspartner Tscheulin, selbst NSDAP-Mitglied, sorgte zwar für seine Freilassung, beendete aber dann die Zusammenarbeit: Ein "arisches Unternehmen" könne keinen Juden beliefern.

Bereits am Tag nach seiner Haftentlassung begann eine andauernde Kampagne gegen die Familie Feibelmann: Anonyme Postkarten und Briefe mit wüsten Schmähungen, Drohungen, Hakenkreuzen (meistens Spiegelverkehrt), bösartigen Karikaturen, Zeitungsausschnitten usw. In verschiedenen Handschriften erreichten ihn diese bedrohlichen Aufforderung zur Emigration nach eigenen Aussagen bis zu dreimal täglich (!). Im März 1934 drangen Unbekannte in das Treppenhaus der Familie Feibelmann ein und feuerten Schüsse ab. Nach einem gewalttätigen Angriff floh Jakobs Sohn Heinz Feibelmann am 17. April 1934 in das britische Mandatsgebiet Palästina.

Am 24. November 1934 emigrierte die restliche Familie Feibelmann nach Palästina. Dort scheiterte Jakob Feibelmann mit einem Molkereibetrieb und war nun von der Unterstützung seiner Kinder und des Bruders Dr. Moritz Feibelmann abhängig, der in den USA lebte. Tochter Marie Feibelmann nannte sich nun Miriam, machte eine Ausbildung zur Säuglingskrankenschwester und heiratete 1941 den Hafenarbeiter Yair Shohat. Heinz Feibelmann, der eine abgeschlossene Ausbildung zum Ingenieur vorweisen konnte, vertrug das levantinische Klima nicht und zog bereits 1936 nach Südafrika.

Die gesammelten Droh- und Hassbriefe dienten Jakob Feibelmann nach 1945 als Grundlage seines mühseligen Prozesses um Wiedergutmachung. Fünf der sechs Verfahren wurden zugunsten Jakob Feibelmanns entschieden. Derr Käufer seines Hauses willigte in eine Nachzahlung ein. Für den beruflichen Schaden und seine finanziellen Verluste wurden ihm Kapitalentschädigungen zugesprochen. Im Falle seines Unternehmens jedoch lehnte das Bayerische Landesentschädigungsamt eine Ausgleichszahlung ab, weil nach Auffassung der Behörde bereits im November 1932 "ein wirtschaftlicher verwertbarer Mehrwert der Firma nicht mehr vorhanden war". Jakob Feibelmann starb 1972 in Israel. Nach Memmingen kehrte er nie wieder zurück, ebenso wenig seine Frau Irma.

Die Sammlung antisemitischer Drohbriefe kamen nach Feibelmanns Ableben zum größten Teil in das Archiv der Internationalen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem (0.8 - Germany Collection, File No. 719) in Jerusalem. Die Historiker Vincent Hoyer und Michael Ilg stießen 2021 anlässlich eines Seminars auf diesen bislang unveröffentlichten, aber bereits digitalisierten Nachlass. Dank einer Förderung durch Paideia (Europäisches Institut für Jüdische Kultur in Stockholm) konnten sie erste Recherchen finanzieren und anschließend dem Jüdischen Museum Augsburg Schwaben mit der Idee vorlegen, den Fund im Rahmen einer Ausstellung einer breiten Öffentlichkeit zu vermitteln. Aus dem Zufallsfund entstand eine Sonderausstellung über diesen auf einzigartige Weise dokumentierten Vorfall. Unter dem Titel "Feibelmann muss weg. Ein antisemitischer Vorfall aus der schwäbischen Provinz" war sie vom Juli 2022 bis Januar 2023 im Stadtmuseum Memmingen und anschließend im Zweigmuseum ehem. Synagoge Augsburg-Kriegshaber zu sehen. Nachdem die Geschichte Feibelmanns und seiner Familie jahrzehntelang fast vergessen war, gelangte sie so zurück an die Öffentlichkeit.


(Patrick Charell)

Literatur

  • Monika Müller: "Ich erhielt dauernd weiter Drohbriefe". Jakob Feibelmann - Aus Memmingen ins Exil getrieben. In: Jüdisches Museum Augsburg Schwaben / Stadt Memmingen / Stadtmuseum Memmingen (Hg.): AK Feibelmann muss weg. Ein antisemitischer Vorfall aus der schwäbischen Provinz. Leipzig 2022, S. 30-59.

GND: nicht verfügbar