Jüdisches Leben
in Bayern

Augsburg-Kriegshaber Synagoge

Einen eigenen Betsaal besaß die jüdische Gemeinde von Kriegshaber sicher spätestens ab Mitte des 17. Jh.. Man darf davon ausgehen, dass er im Obergeschoss des Hauses von Baruch Günzburger (heute: Ulmer Straße Nr. 228) lag, da die jüdische Gemeinde damals schon ein Vorkaufsrecht für dieses Anwesen hatte. 1675 ist von "Exzessen" gegen die Synagoge in Kriegshaber durch Schüler von St. Salvator in Augsburg die Rede. 1730 wird berichtet, dass die „Schul“ gleichzeitig als Wohnhaus genützt wird, u.a. von der Familie Güntzburger. 1738 erwarb die jüdische Gemeinde das Obergeschoss von Herzl Günzburger, renovierte den Betsaal, stattete ihn neu aus und vollzog 1739 die feierliche Neuweihe. Zu diesem Ereignis wurde ein besonders wertvoller Toravorhang aus der Werkstatt des berühmten Fürther Goldstickers Elkone Naumburg gestiftet. 1791 fiel das gesamte Anwesen in den Besitz der Kultusgemeinde.

Der barocke Sakralbau war 1843 so baufällig geworden, dass er geschlossen werden musste. Da man ihn durch einen größeren, repräsentativen Neubau ersetzen wollte, wurde ein Grundstück gegenüber der bisherigen Synagoge erworben und der bekannte Münchner Architekt Friedrich von Gärtner (1791‒1847) mit den Entwürfen beauftragt. Zur Ausführung der Pläne, die Gärtners Schüler Johann Moninger (1817‒1893) vorlegte und die von König Ludwig I. persönlich genehmigt worden waren, kam es jedoch nicht mehr. Aufgrund des dramatischen Mitgliederschwunds fehlten nun die finanziellen Mittel für dieses anspruchsvolle Bauvorhaben. Daraufhin beschloss die jüdische Kultusgemeinde 1862, die alte Synagoge gründlich zu renovieren und umzugestalten. Die Einweihung erfolgte im darauffolgenden Jahr. Ein rituelles Tauchbad befand sich damals in dem im Westen angrenzenden Gebäude. Den zuvor für die neue Synagoge bestimmten Bauplatz erwarb die katholische Pfarrei und errichtete hier bis 1868 die monumentale neugotischen Kirche „Zur Heiligsten Dreifaltigkeit“.

1913 hat man die Synagoge noch einmal kostspielig erneuert. Dabei wurden die beim Umbau 1862/63 eingebauten gotisierenden Glasfenster durch eine einfache Verglasung ersetzt. Der Männerbetsaal erhielt u.a. neue Sitzbänke. Nach dem Anschluss der Kriegshaberer Jüdinnen und Juden an die Kultusgemeinde Augsburg wurde diese 1917 auch Eigentümerin der Synagoge in Kriegshaber. Während der Novemberpogrome 1938 blieb die Synagoge nahezu unversehrt. Vermutlich lag das an den unübersichtlichen Besitzverhältnissen, denn die Wohnbereiche des Hauses waren schon zuvor an christliche Bürger verkauft worden. Deshalb konnte dieser Sakralbau, nachdem die Synagoge in der Augsburger Halderstraße seit der Pogromnacht von den Israeliten nicht mehr unbenutzt werden durfte, ab Dezember 1938 für Gottesdienste der Augsburger jüdischen Gemeinde verwendet werden. 1939 quartierten die Nationalsozialisten in der Wohnung unter dem Betsaal die noch in Kriegshaber verbliebenen Israelitinnen und Israeliten zwangsweise ein.

1945 hat man im Synagogengebäude eine "Fachumbildungswerkstätte" für jüdische Auswanderer nach Palästina eingerichtet. Der Betsaal diente jüdischen US-Soldaten für Gottesdienste. 1955 kam das Gebäude nach Abwicklung des Restitutionsverfahrens in den Besitz der Stadt Augsburg. Das Gebäude wurde in den folgenden Jahrzehnten für die Messen griechisch-orthodoxer Christen, später als Lagerhalle genutzt. Seit Ende der 1980er-Jahre gab es Bemühungen, die ehemalige Synagoge, die im Gegensatz zu den meisten anderen jüdischen Gotteshäusern noch über einen Innenraum mit originaler Ausschmückung und Ausstattung, mit Toraschrein und dreiseitiger Frauenempore verfügte, zu restaurieren und einer würdigen Nutzung zuzuführen. Nach der vollzogenen Sanierung zwischen 2011 und 2014 dient die einstige Synagoge von Kriegshaber heute als Zweigstelle des Jüdischen Museums Augsburg Schwaben. Das Museum bietet auch einen virtuellen Rundgang durch die Synagoge an. 

Literatur

  • Berger- Dittscheid. Kriegshaber, in: Wolfgang Kraus, Berndt Hamm, Meier Schwarz (Hrsg.):
    Mehr als Steine... Synagogen-Gedenkband Bayern, Band 1: Oberfranken, Oberpfalz, Niederbayern, Oberbayern, Schwaben. Erarbeitet von Barbara Eberhardt und Angela Hager unter Mitarbeit von Cornelia Berger-Dittscheid, Hans-Christof Haas und Frank Purrmann. Lindenberg i. Allgäu 2007, S. 494-503
  • Harburger, Theodor: Die Inventarisation jüdischer Kunst- und Kulturdenkmäler in Bayern, hg. von den Central Archives for the History of the Jewish People, Jerusalem, und dem Jüdischen Museum Franken – Fürth & Schnaittach., 3 Bde., Fürth 1998, Bd. 2, S. 333-355
  • Schönhagen, Benigna Hg.): "Ma tovu ... Wie schön sind deine Zelte, Jakob ..." Synagogen in Schwaben mit Beiträgen von Henry G. Brandt, Rolf Kießling, Ulrich Knufinke und Otto Lohr, München 2014, S. 23-29.