geboren: 18.10.1896,
London
gestorben: 18.01.1976,
München
Wirkungsort:
Berlin | Paris | Los Angeles | München
Nach einem Musikstudium bei Engelbert Humperdinck entwickelte sich Friedrich Hollaender zu einem der bedeutendsten Komponisten der Berliner Kabarettszene. Er arbeitete eng mit Größen wie Max Reinhardt und Marlene Dietrich zusammen, wobei sein Lied "Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt" im Ufa-Film "Der Blaue Engel" zu Weltruhm gelangte. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 emigrierte Hollaender in die USA, wo er in Hollywood eine zweite Karriere als Filmkomponist startete. Er arbeitete mit vielen Exilkünstlern zusammen und komponierte Musik für erfolgreiche Filme wie "Zeuge der Anklage" (1942) und "Wir sind keine Engel" (1955). 1956 kehrte Friedrich Hollaender nach Deutschland zurück und ließ sich in München nieder, verfasste Musikrevuen und komponierte Filmmusik für die Bavaria-Filmstudios (z.B. "Das Spukschloß im Spessart" 1960). Im Jahr 1965 veröffentlichte Hollaender seine Memoiren und erhielt in seinen späten Lebensjahren unter anderem das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse.
Friedrich Hollaenders Vater, der bekannte Operettenkomponist Victor Hollaender, arbeitete in London für das Barnum & Bailey Circus, weshalb die Familie in England lebte. Bereits drei Jahre nach seiner Geburt zog die Familie jedoch nach Berlin zurück, wo Friedrich in einem äußerst musikalischen Umfeld aufwuchs. Sein Onkel Gustav Hollaender war Direktor des Stern’schen Konservatoriums, an dem auch Friedrich später studierte, und sein anderer Onkel, Felix Hollaender, war ein angesehener Schriftsteller und Theaterkritiker. Auf eine Opernkarriere zielend, studiert Friedrich Hollaender an der Musikakademie Berlin bei Engelbert Humperdinck ("Hänsel und Gretel"), wandte sich aber dann der leichten Muse zu. Friedrich Hollaender avancierte in Berlin, damals Zentrum der deutschen Film- und Theaterszene, zu einem gefragten Multitalent. Einige seiner Kompositionen wurden beliebte Gassenhauer, etwa Blandine Ebingers "Groschenlied" und Curt Bois' "Guck doch nicht immer nach dem Tangogeiger hin". Zusammen mit dem einflussreichen Intendanten Max Reinhardt arbeitet er am Berliner Kabarett "Schall und Rauch". Er schrieb die Musik zu expressionistischen Stücken von Ernst Toller, Fritz von Unruh und Else Lasker-Schüler und inszenierte eigene humorvolle Mini-Revuen. 1919 heiratete er die Schauspielerin Blandine Ebinger (1899-1993), die Ehe wurde jedoch 1926 wieder geschieden. Trotzdem arbeiteten Friedrich und Blandine auch weiterhin eng zusammen.
Im gleichen Jahr komponierte Hollaender seine erste Filmmusik, zu dem sozialkritischen Film "Kreuzzug des Weibes" von Martin Berger (mit Conrad Veidt, Werner Krauß, Maly Delschaft und Harry Liedtke). Auf einer Probe für den Ufa-Film "Der blaue Engel" (1930) improvisierte Hollaender am Klavier das Lied "Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt / denn das ist meine Welt/ und sonst gar nichts..." - es sollte die Nummer werden, die Marlene Dietrich weltberühmt machte. Am 7. Januar 1931 eröffnete Hollaender in Berlin das Tingel-Tangel-Theater. Dort lernte er die Künstlerin Edi Schopp (1906-1995) kennen und heiratete sie am 10. November 1932.
Seinen ersten und einzigen Film als Regisseur drehte Hollaender im Jahr 1932. Die musikalische Ufa-Komödie "Ich und die Kaiserin" wurde für den internationalen Markt dreifach besetzt und in drei Sprachfassungen produziert. Zusammen mit Franz Wachsmann (angl. Waxman) komponierte und arrangierte Hollaender auch die Filmmusik. Wenige Tage nach der Uraufführung des Films am 22. Februar 1933 im Gloria-Palast am Berliner Tiergarten musste Friedrich Hollaender mit seiner Familie nach Paris fliehen: Er stand auf der "Schwarzen Liste" kritischer Künstler, die von den Nationalsozialisten verfolgt wurden. Seine letzte in Berlin aufgeführte Revue hieß ahnungsvoll "Höchste Eisenbahn".
Hollaender emigrierte mit seiner Frau über Frankreich in die USA und zog nach Los Angeles. Sie versuchten, am Santa Monica Boulevard das Tingel-Tangel-Theater neu zu beleben, doch die anfänglichen Erfolge erwiesen sich als Strohfeuer. Daher startete Hollaender in Hollywood – neben vielen weiteren emigrierten jüdischen Kunstschaffenden – eine zweite Karriere als Filmkomponist (u.a. "Zeuge der Anklage", 1942 und "Wir sind keine Engel", 1955). Er arbeitete mit vielen befreundeten Exildeutschen zusammen, zum Beispiel Marlene Dietrich, Ernst Lubitsch, Joe May und Peter Lorre. Im Jahr 1938, nach sechs Jahren Ehe, ließ sich Edi Schopp von Hollaender scheiden und ging mit ihrer künstlerische Gebrauchskeramik ("California Pottery") einen eigenen Weg. Friedrich Hollaender war ab 1944 in dritter Ehe mit Leza Hay (Tochter: Melodie, * 1944) und ab 1946 in vierter Ehe mit Berthe Jeanne Kreder verheiratet.
1956 kehrte Friedrich Hollaender nach Deutschland zurück und ließ sich in München nieder. Das Theater "Die kleine Freiheit" in der Maximiliansstraße spielte seine satirischen Revuen "Hoppla auf Sofa" sowie "Rauf und Runter". Hollaender schrieb die Filmmusik für den Musikfilm "Das Spukschloß im Spessart" (1960), mit Liselotte Pulver in der Hauptrolle. In Billy Wilders Film "Eins, Zwei, Drei!" (1961), einer temporeichen Satire auf den frühen Kalten Krieg und die deutsche Gesellschaft der Nachkriegszeit, spielte Hollaender einen Dirigenten im ostdeutschen "Grand Hotel Potenkin".
Im Jahr 1965 veröffentlichte Hollaender seine humorvollen Memoiren "Von Kopf bis Fuß". Ein bewegendes Zeitdokument ist vor allem das Kapitel "Presto", in dem Hollaender akribisch genau die Umstände seiner Flucht aus Berlin und die Ängste beschreibt, die ihn auf der Zugfahrt nach Paris in die Emigration begleiteten. Über die letzten Lebensjahre nach Erscheinen seiner Biografie ist wenig bekannt. 1960 wurde er mit dem Verdienstkreuz 1. Klasse der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet, 1965 erhielt er das Filmband in Gold für langjähriges und hervorragendes Wirken im deutschen Film, 1972 den Schwabinger Kunstpreis.
Friedrich Hollaender starb in München und ruht in einem Grab mit seiner Frau Berthe auf dem Ostfriedhof (Grab Nr. 60-1-20). Am Haus Cicerostraße 14 in Berlin-Halensee, das er 1933 verlassen musste, wurde 2009 eine Berliner Gedenktafel enthüllt. Ihm wurde ein Stern auf dem Mainzer "Walk of Fame des Kabaretts". Im Berliner Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf wurde zum 18. Januar 2012 der damalige Rankeplatz in Friedrich-Hollaender-Platz umbenannt. Hollaenders künstlerischer Nachlass wird im Archiv der Akademie der Künste, Berlin aufbewahrt.
(Patrick Charell)
Literatur
- Karin Ploog: "... Als die Noten laufen lernten ...", Bd. 2: Kabarett-Operette-Revue-Film-Exil Unterhaltungsmusik bis 1945. Norderstedt 2015, S. 295–298.
- Volker Kühn: Spötterdämmerung. Vom langen Sterben des großen kleinen Friedrich Hollaender. Berlin 1997.
Weiterführende Links
Quellen
GND: 118706489