Biografien
Menschen aus Bayern

Ernst Ehrentreu Rabbiner

geboren: 12.03.1896, München
gestorben: 11.11.1981, London

Wirkungsort: München | Robów | Melbourne | London

Nach abgeschlossenem Studium, Promotion und mehreren Umzügen übernahm Dr. Ernst Ehrentreu schließlich 1927 die Position des Rabbiners an der orthodoxen Synagoge Ohel-Jacob in München. In Folge der Reichspogromnacht und dem Brand dieser Synagoge kam er 1938 wie viele andere Juden in das Konzentrationslager in Dachau. Nach seiner Freilassung und der anschließenden Emigration nach Großbritannien wurde er dort interniert. Auf dem Schiff Dunera wurde er schließlich wie viele anderen Flüchtlinge und Gefangene nach Australien gebracht, wo er in Melbourne ebenfalls als Rabbiner wirkte. Ein weiterer Umzug brachte ihn zurück ins Vereinigte Königreich, nach London, wo er für den Rest seines Lebens blieb und die Adath Yeshurun Synagogue im Stadtteil Golders Green gründete.

Ernst Jonah Ehrentreu wurde am 12. März 1896 in München als Sohn des Rabbiners Heinrich Ehrentreu (1854-1927) und seiner Frau Ida (1873-1920, geb. Feuchtwanger) geboren. Er nahm für Deutschland nach seinem Schulabschluss zwischen 1916 und 1918 am ersten Weltkrieg teil und begann danach ein Studium in München, welches er im Jahr 1920 am Rabbinerseminar in Berlin und an der dortigen Universität und im folgenden Jahr in Königsberg fortsetzte. Ebenfalls noch im Jahr 1921 wurde er stellvertretender Rabbiner und Leiter der streng jüdischen Talmud-Thora-Schule in München. Im Jahr 1922 zog er nach Baden bei Wien und arbeitete dort an der Religionsschule. 1924 promovierte er in Bratislava, wohin er noch im Jahr 1922 gewechselt war. Ab 1925 war er für zwei Jahre als Dozent für Psychologie und Pädagogik im polnischen Robów tätig und leitete dort ein Lehrerausbildungsprogramm. Außerdem war er in diesen Jahren als Mitgründer der Beth Jacob-Bewegung im ebengenannten Ort beteiligt. 1926 heiratete er Jenny "Fanny" Heckscher, mit der er insgesamt sechs Kinder bekam. Nach einem weiteren Umzug war er ab 1927 Rabbiner in der Ohel Jakob-Synagoge in München, wo er seinen Vater beerbte sowie Vorsteher des Rabbinergerichts in der israelitischen Kultusgemeinde der bayerischen Landeshauptstadt wurde. 

Auch nach 1933 und der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten betätigte er sich, soweit dies noch möglich war, weiterhin als Rabbiner. Bei den Novemberpogromen 1938 war er beim Brand der Ohel Jakob-Synagoge nach Hinweis durch einen Mitarbeiter hinzugeilt und entging bei dem gescheiterten Versuch, die Thora-Rollen zu retten, selbst nur knapp dem Tod. Ein einzelnes SA-Mitglied hatte verhindert, dass er von anderen Mitgliedern dieser Vereinigung ins Feuer gestoßen wurde. Am folgenden Tag, dem 10. November, wurde er schließlich ins Konzentrationslager Dachau deportiert, wo er unter anderem Misshandlungen dadurch erfuhr, dass ihm jedes Barthaar einzeln ausgerissen wurde. 15 Tage später durfte er aber bereits wieder gehen. Nach seiner Freilassung, die aber gleichzeitig mit der Verpflichtung einherging, Deutschland zu verlassen, emigrierte er 1939 nach Großbritannien.

In England konnte Ehrentreu allerdings nicht lange bleiben, stattdessen wurde er in ein Internierungslager auf der Isle of Man gebracht. Ihm wurde beispielsweise unterstellt, ein deutscher Spion zu sein, was auch vielen anderen Migranten aus Deutschland und Österreich vorgeworfen wurde, selbst wenn diese jüdischen Glaubens waren. Wegen zunehmender Überfüllung dieser Lager entschied das Vereinigte Königreich im Juli 1940, die Internierten nach Kanada und Australien zu bringen. Letzteres war auch das Reiseziel, was für Ehrentreu bestimmt worden war. Die zweimonatige Fahrt dorthin auf dem überfüllten Schiff Dunera blieb allerdings nicht konfliktfrei, einerseits erfuhren die Passagiere schlechte Behandlung durch die Besatzung, andererseits waren unter den Gefangenen auch viele, die mit dem NS-Regime in Deutschland sympathisierten. Gemeinsam mit anderen Rabbinern machte Ernst Ehrentreu es sich zur Aufgabe, sich um die Mitmenschen an Bord zu kümmern, die oft auch die Ungewissheit plagte, was nun mit ihnen geschehen sollte. Zuerst wurden die Passagiere des Schiffs bei Ankunft in Australien von Sydney aus in verschiedene Internierungslager gebracht. Ähnlich wie es bereits in Großbritannien gewesen war, wurde es den Einrichtungen erlaubt, sich selbst zu verwalten. Die Rabbiner unter Führung Ernst Ehrentreus organisierten sich im "Internees’ Rabbinical Committee" und kümmerten sich hierbei vor allem um die religiösen Angelegenheiten in den Lagern. 

Während einige Rabbiner nach der Auflösung des Internierungslagers wieder nach Großbritannien zurückkehrten, blieb Ehrentreu auch nach seiner Freilassung in Australien und arbeitete in der Beth David-Gemeinde in Melbourne. Außerdem war er dort als Dozent für Psychologie und Religion aktiv. 1942 wechselte er in die Machzikai Hadath-Gemeinde im Melbourner Stadtviertel St. Kilda, wo er Mitglied des rabbinischen Gerichts wurde. 1946 zog Ehrentreu schließlich wieder zurück zu seiner Familie nach Großbritannien, wo er im Londoner Stadtteil Golders Green Rabbiner der jüdischen Gemeinden Adath Yeshurun Synagogue (1947-1970) und Kehal Adath Yeshurun (1970-1981) wurde. Außerdem ging er wieder seiner Tätigkeit als Dozent für Psychologie und Pädagogik nachging. Ehrentreu blieb den Rest seines Lebens in London, wo er dann schließlich am 11. November 1981 im Alter von 85 Jahren verstarb.


(Moritz Fischer)

Literatur

  • Dominik Zgierski: Baden bei Wien unter dem Hakenkreuz. "Deutschlands größtes Schwefelbad". Wien 2023, S. 300.
  • Astrid Zajdband: German Rabbis in British exile. From "Heimat" into the unknown. Boston 2016, S. 184ff.
  • Ben Barkow: Novemberpogrom 1938. Die Augenzeugenberichte der Wiener Library. Frankfurt am Main 2008, S. 533.
  • Elisabeth Angermair: Beth ha-Knesseth - Ort der Zusammenkunft. Zur Geschichte der Münchner Synagogen, ihrer Rabbiner und Kantoren. München 1999, S. 160.
  • Joseph Walk: Kurzbiographien zur Geschichte der Juden 1918 - 1945. München 1988, S. 75.
  • Institut für Zeitgeschichte/Werner Röder (Hg.): Biographisches Handbuch der deutschsprachigen Emigration nach 1933. Bd. 1: Wirtschaft, Politik, Öffentliches Leben. München 1980, S. 146.

GND: 1106356063