geboren: 24.01.1900,
Lohr am Main
gestorben: 24.12.1932,
Nürnberg
Wirkungsort:
Würzburg | Lichtenfels | Eichstätt | Arberg
Bruno Rothschild entstammte einer strenggläubigen jüdischen Familie und machte nach seinem Fronteinsatz im Ersten Weltkrieg ein Studium zum Pharmazeuten. Als er bei einer völkischen Veranstaltung in seiner Heimatstadt Lohr für einen Eklat sorgte und anschließend von der IKG keine Unterstützung erfuhr, wandte sich Rothschild mehr und mehr dem Katholizismus zu. Durch den engen Kontakt zur heilig gesprochenen Edith Stein und der umstrittenen Mystikerin Therese Neumann aus Konnersreuth nahm er 1928 die Taufe an. Er begann ein Theologiestudium in Eichstätt und wurde 1932 zum Priester geweiht, was in der Presse großes Aufsehen erregte. Kurz nach der Beerdigung seines Vaters starb der herzkranke Rothschild an einem Infarkt.
Bruno Rotschild wurde in eine orthodox-fromme jüdische Familie geboren. Sein Vater Hermann Rothschild (1868-1932) ernährte als Kaufmann die Familie: Seine aus Scheßlitz stammende Frau Helena geb. Herrmann (1876-1951) sowie die drei Kinder Bruno, Irma (*1901) und Alwin (*1908). Bruno Rothschild erhielt eine entsprechend traditionelle Schulbildung im Lohrer Cheder und besuchte anschließend das Gymnasium. Kurz bevor er die Schule beenden konnte, wurde er mit Erreichen der Volljährigkeit in den Wehrdienst eingezogen und nach einer kurzen Ausbildung in den Fronteinsatz geschickt. Nach Kriegsende machte Rothschild wie viele seiner Generation ein Notabitur und begann 1919 ein Medizinstudium in Würzburg. Ein Semester später wechselte er zum Fach Chemie und beschloss Pharmazeut zu werden. Rothschild unterbrach das Studium für zwei Praktika in Frankfurt a. M. und Würzburg, anschließend nahm er ein Pharmaziestudium in Würzburg und Jena auf.
Bruno Rothschild war zwar nicht in einer politischen Partei aktiv, sorgte sich jedoch um die Entwicklung der jungen Republik. Am 23. März 1924 besuchte der Student eine völkische Versammlung in Lohr und ergriff das Wort, als von einigen Rednern gegen die jüdische Bevölkerung gehetzt wurde. Im Eifer der Diskussion ließ sich Rothschild dazu hinreißen, Jesus von Nazareth als unehelichen Sohn einer Jüdin mit einem römischen Soldaten zu bezeichnen. Daraufhin brach Tumult auf und Bruno Rothschild wurde verprügelt. Die beiden Stadtpfarrer Joseph Abel (katholisch) und Friedrich Fuchs (evangelisch) wiesen Rothschilds Äußerungen mit einer gemeinsamen Erklärung in der Lohrer Zeitung als "uralte und durch nichts bewiesene antichristliche Schmähung" zurück. Auch die IKG Lohr distanzierte sich von ihm und betonte öffentlich, dass sie auch weiterhin auf ein friedliches Miteinander hoffe. Rothschild fühlte sich im Stich gelassen und erklärte empört seinen Austritt aus der Kultusgemeinde.
Der Skandal hatte auch eine juristische Konsequenz, denn auf eine anonyme Anzeige hin wurde Rothschild am Amtsgericht Aschaffenburg wegen § 166 (Blasphemie) zu einer Geldstrafe verurteilt. Der Prozess ging nicht von den Stadtpfarrern bzw. den zuständigen Kirchenbehörden aus. Der katholische Pfarrer Abel zeigte vielmehr Verständnis, als Rothschild das Gespräch mit ihm suchte und sein Interesse am christlichen Glauben zu erkennen gab. Dieser Kontakt mit Abel setzte vielleicht schon den Keim für die Bruno Rotschilds spätere Konversion.
Bruno Rothschild trat nach seinem Studium 1926/27 eine Stelle als Stadtapotheker im oberfränkischen Lichtenfels an. Dort hörte er zum ersten Mal von der katholischen Mystikerin Therese Neumann (1898-1962), deren Wirken bis heute sehr kontrovers diskutiert wird. 1927 ging Bruno Rothschild beruflich in die damals bayerische Pfalz, nach Germersheim und Speyer. Neben seiner Arbeit war er beständig auf der Suche nach religiöser Bildung und Geborgenheit. Rothschild lernte die in Speyer ansässige und später heiliggesprochene Lehrerin Edith Stein (1891-1942 in Theresienstadt) kennen, die vom Judentum zum Katholizismus konvertiert war. Mit ihr blieb er von nun an zeitlebens in Verbindung. 1928 kehrte Rotschild in seinem Urlaub nach Konnersreuth zurück. In langen Gesprächen mit Pfarrer Joseph Naber und Therese Neumann vertiefte er seine Bindung zum christlichen Glauben und empfing am 10. August 1928 in der Konnersreuther Pfarrkirche die Taufe auf den Namen Bruno Paulus Franziscus Theresia a infante Jesu. Therese Neumann gehörte zu seinen Paten.
Rothschilds Familie und die Kultusgemeinde in Lohr reagierte erschüttert auf den Religionswechsel. Während Vater Hermann den Kontakt völlig abbrach, hielt Mutter Helene wenigstens lose den Kontakt aufrecht, als Bruno Rotschild in Eichstätt ein Theologiestudium begann. Am 29. Juni 1932 (Peter und Paul) erhielt Rothschild die Priesterweihe, ab dem 13. August 1932 trat er eine Stelle als Kaplan in Arberg bei Ansbach an. Wegen eines zunehmenden Herzleidens entschloss sich der Priester zu einer Kur in Bad Wörishofen. Nach deren Ende wollte er sich in Konnersreuth noch etwas erholen. Hier erreichte ihn am 22. Dezember 1932 die überraschende Nachricht, dass sein Vater tags zuvor verstorben sei, worauf er sofort nach Lohr fuhr. Die Beerdigung fand am 23. Dezember auf dem jüdischen Bezirksfriedhof in Laudenbach statt, vorher gab es eine Trauerfeier vor dem Haus des Verstorbenen. Am Heiligen Abend in aller Frühe feierte Bruno Rotschild in der dortigen Kapuzinerkirche die erste und letzte Heilige Messe in seiner Heimatstadt. Dann trat er die Rückreise nach Konnersreuth an und erlitt beim Umsteigen auf dem Nürnberger Hauptbahnhof einen schweren Herzanfall. Bruno Rothschild wurde unter großer Anteilnahme in Konnersreuth beigesetzt. Das NSDAP-Hetzblatt "Der Stürmer" hatte seine Konversion zum Christentum vorher abfällig kommentiert, behauptete aber jetzt, dass er von "den Juden" vergiftet worden sei. Seiner Mutter und den Geschwistern gelang es später, vor der Shoah zu fliehen. Sie entkamen über Russland und Japan in die USA, wo sich ihre Spuren verlieren. Einzig von Helene Rothschild ist bekannt, dass sie 1951 in Chicago verstarb.
Literatur
- Hans Schlumberger / Cornelia Berger-Dittscheid: Lohr mit Steinbach. In: Wolfgang Kraus, Gury Schneider-Ludorff, Hans-Christoph Dittscheid, Meier Schwarz (Hg.): Mehr als Steine... Synagogen-Gedenkband Bayern, Bd. III/1: Unterfranken, Teilband 1. Erarbeitet von Axel Töllner, Cornelia Berger-Dittscheid, Hans-Christof Haas und Hans Schlumberger unter Mitarbeit von Gerhard Gronauer, Jonas Leipziger und Liesa Weber, mit einem Beitrag von Roland Flade. Lindenberg im Allgäu 2015, S. 257-271.
- Frank Leimkugel: Vom Provisor zu Priester - Das kurze Leben des Bruno Paul Rothschild. In: Geschichte der Pharmazie 45 (1993). S. 28-30.
- Erika Becker: Durch Resl bekehrt. Neue Zeugnisse aus Konnersreuth. Würzburg 1985. S. 17-99.
Weiterführende Links
Quellen
GND: 12970816X