geboren: 22.04.1884,
Augsburg
gestorben: 09.07.1933,
Mainz
Wirkungsort:
Heidelberg | Wiesbaden | Mainz
Berta Erlanger wurde 1885 als Tochter des Kaufmanns Jakob Erlanger in Augsburg geboren. Sie besuchte zunächst die Höhere Mädchenschule in Augsburg und legte 1903 am Maximiliansgymnasium in München ihr Abitur ab. Im Wintersemester 1903/04 begann sie ihr Medizinstudium an der Universität Heidelberg, was für Frauen zu dieser Zeit noch ungewöhnlich war. Sie schloss 1908 ihr Staatsexamen ab und absolvierte ihr Praktisches Jahr an der Poliklinik in Heidelberg und der Heil- und Pflegeanstalt in Wiesloch. 1910 promovierte sie mit einer Arbeit über Magencarcinome und erhielt im Januar desselben Jahres ihre Approbation. Ihre berufliche Laufbahn führte sie unter anderem nach Wiesloch, Augsburg und Berlin, bevor sie sich auf Kinderheilkunde spezialisierte. Während des Ersten Weltkriegs arbeitete sie am Städtischen Krankenhaus in Wiesbaden und ließ sich 1917 in Mainz als Kinderärztin nieder – vermutlich die erste der Stadt. In Anbetracht der drohenden Berufsverbote und des Verlustes ihrer Existenz unternahm Berta nach der NS-Machtübernahme 1933 einen Suizidversuch und verstarb am 9. Juli im Krankenhaus in Mainz. 2001 wurde in der Stadt der Dr.-Berta-Erlanger-Platz nach ihr benannt.
Bertas Vater, der Kaufmann Jakob Erlanger (1852-), stammte aus der bedeutenden jüdischen Gemeinde in Buchau, Königreich Württemberg. Er war über seine Mutter Pauline Einstein entfernt verwandt mit Albert Einstein, dessen Eltern ebenfalls aus Buchau stammten. Familie Erlanger wohnte in der Augsburger Maximilianstraße. Berta hatte drei Geschwister: einen Bruder, Hugo (* 1881), eine ältere Schwester, Ida (* 1883) und eine jüngere Schwester, Adele (* 1891).
Berta Erlanger besuchte zunächst die Höhere Mädchenschule in Augsburg und wechselte 1900 an das Münchener Privat-Mädchen-Gymnasium, um im Juli 1903 am dortigen Maximiliansgymnasium das Abitur abzulegen. Zum Wintersemester 1903/04 wurde sie an der Universität Heidelberg als "Studiosus med." – also Medizinstudentin – immatrikuliert. Für Frauen war es damals noch nicht selbstverständlich, ein Hochschulstudium anzustreben, und sie war eine von sehr wenigen weiblichen Studierenden unter vielen männlichen Kommilitonen. 1905/06 absolvierte sie das Physikum in Heidelberg, legte im Dezember 1908 das Staatsexamen ab und leistete vom 1. Januar bis 1. Mai 1909 an der medizinischen Poliklinik in Heidelberg sowie anschließend bis 31. Dezember 1909 an der Großherzoglich Badischen Heil- und Pflegeanstalt in Wiesloch/Baden das Praktische Jahr ab. Am 5. September 1910 wurde sie bei Professor Fleiner an der Universität Heidelberg promoviert; das Thema ihrer Dissertation lautete: "Beiträge zur Diagnose des Magencarcinoms mit besonderem Hinweis auf das Schmerzsymptom".
Berta Erlangers Approbation folgte am 18. Januar 1910. Ab Oktober arbeitete sie als Hilfsärztin an der Heil- und Pflegeanstalt in Wiesloch, 1912 wurde sie Assistenzärztin am städtischen Krankenhaus in Augsburg und nahm 1914 eine Stelle am Friedrichs-Waisenhaus der Stadt Berlin in Rummelsburg an. Sie hatte sich entschlossen, sich in Kinderheilkunde zu spezialisieren. So arbeitete sie auch einige Monate an einem Hamburger Säuglingsheim und veröffentlichte verschiedene Beiträge in Fachzeitschriften. Während des Ersten Weltkriegs war sie zeitweise am Städtischen Krankenhaus in Wiesbaden tätig. 1917 ließ sie sich in Mainz als "praktische Ärztin und Spezialärztin für Kinderkrankheiten" nieder. Vermutlich war sie die erste Kinderärztin in der Stadt. Warum sich Dr. Erlanger letztlich für Mainz entschied, ob es familiäre Gründe waren – ihre Schwester lebte bereits dort, ebenso entfernte Verwandte – lässt sich heute nicht mehr beantworten. Die NS-Machtübernahme 1933 bedeutete für die gesamte jüdische Bevölkerung in Deutschland unmittelbar einen starken Einschnitt. In Mainz fand bereits im März und dann nochmals reichsweit am 1. April 1933 ein Boykott statt, der nicht nur jüdische Geschäfte, sondern auch Anwaltskanzleien und Arztpraxen traf. Zunehmend wurde ihnen die Ausübung ihres Berufs erschwert und 1938 schließlich ganz verboten.
Am 19. April 1933 meldete sich Berta Erlanger als Mitglied aus der Deutschen Gesellschaft für Kinderheilkunde ab. Vermutlich war der Austritt den jüdischen Mitgliedern nahegelegt worden, wie dies im Zuge der sogenannten Gleichschaltung in allen Organisationen und Vereinen geschah. Als Berta Erlanger kommen sah, dass sie ihren geliebten Beruf im nationalsozialistischen Staat nicht mehr lange würde ausüben dürfen, wollte sie nicht mehr weiterleben. Sie starb am 9. Juli 1933 im Mainzer Städtischen Krankenhaus an den Folgen eines Selbstmordversuchs. Ihr Grab befindet sich auf dem Neuen Jüdischen Friedhof (Feld 11, Reihe 5, Nr. 4). Im Jahr 2001 wurde ihr in Mainz der Dr.-Berta-Erlanger-Platz gewidmet.
(nach Hedwig Brüchert, Stolpersteine in Mainz)
Literatur
- Hedwig Brüchert: Dr. Berta Erlanger (1884–1933). Kinderärztin in Mainz. In: Susanne Kern & Petra Plättner (Hg.): Frauen in Rheinhessen 1816 bis heute. Mainz 2015, S. 95–98.
- Frauenbüro Landeshauptstadt Mainz: Frauenleben in Magenza. Die Porträts jüdischer Frauen und Mädchen aus dem Mainzer Frauenkalender und Texte zur Frauengeschichte im jüdischen Mainz. Mainz 2015.
Weiterführende Links
Quellen
GND: 143576739