Atlas zum Wiederaufbau

Lindenberg im Allgäu

In den letzten Kriegsmonaten kam es zu Tieffliegerangriffen auf die Umgebung Lindenbergs. Zunächst wurde die Verteidigung vorbereitet, doch am 28./29.04.1945 flohen die letzten deutschen Truppenteile aus dem Ort. Am 30.04.1945 erfolgte der Einmarsch  französisch-marokkanischer Truppen.  Bei Kriegsende waren in Lindenberg zunächst 2.000 Marokkaner einquartiert. Die Einwohnerzahl stieg bis 1968 auf über 10.000 (1939: 5.362).

Angriffe

• Frühjahr 1945: Zunahme der Tieffliegerangriffe in der Umgebung Lindenbergs in den letzten Kriegswochen
• 29. April 1945:
 - französisches Artilleriefeuer von Geiselharz aus auf einen im Raum Lindenberg stehen gebliebenen, auf der Flucht befindlichen Munitions- und Verpflegungstransport, mit ca. 25 Pferdegespannen und einigen Kraftfahrzeugen
 - dabei auch Beschuss des Lindenberger Stadtgebiets

Tote und Verletzte

• durch französischen Artilleriebeschuss vom 29. April 1945: 1 verletzte Frau
• während des französischen Einmarsches am 30. April 1945: 1 SS-Soldat wird von französischen Truppen erschossen
• während des Zweiten Weltkriegs verzeichnet Lindenberg insg. 265 Gefallene und 115 Vermisste

Schäden

• insgesamt: keine größeren Schäden an der Bausubstanz in der Stadt
• durch französischen Artilleriebeschuss vom 29. April 1945:
 - 68 Artillerietreffer im Stadtgebiet
 - teilweise schwere Schäden an einzelnen Gebäuden
 - direkter Granattreffer am damaligen Krankenhaus (heute Altenheim St. Martin) hinter dem Turmbau im mittleren Querbau
 - Schäden am Rathaus, der Berufsschule, der Stadtpfarrkirche, am evangelischen Bethaus, der Blumenfabrik Achberger sowie am Schützenhaus, dem E-Werk und der Stadtapotheke
 - Brände in der Schulstraße
 - Treffer in der Sedanstraße, der Hauptstraße und südlich des Friedhofs

Kriegsende

• März 1945: Torfaktion zur notdürftigen Aufrechterhaltung der Deckung des Brennstoffbedarfs der 1.162 Lindenberger Familien
• April 1945: kurz vor Kriegsende Einzug kriegswichtiger Betriebe in die Lindenberger Hutfabriken, beispielsweise die Augsburger Michelwerke
• 22. - 29. April 1945:
 - Versuch mehrerer deutscher Truppenteile, v.a. versprengter SS-Einheiten, Lindenberg auf die Verteidigung der Stadt vorzubereiten
 - Abwendung der SS-Verteidigungsvorbereitungen durch den kommissarischen Bürgermeister Walter Kaiser mit Verweis auf die über 2.000 in der Stadt verweilenden Kriegsverletzten
• 28./29. April 1945: Flucht der letzten deutschen Truppenteile aus bzw. durch Lindenberg
• 30. April 1945:
 - Einmarsch der französischen Armee am Nachmittag
 - Um Kampfhandlungen zu vermeiden, geht Bgm. Walter Kaiser in Begleitung von Dr. Matthias Hofmann, Max Landthaler, Stephan Hopp (Polizeimeister) und Edwin Kenworthy-Kohlhaas dem Vortrupp entgegen
 - 16:30 kampflose Übergabe der Stadt im Rathaus an die frz. Armee
• 01. Mai 1945: Abzug der frz. Truppen und Übergabe der Stadt an US-amerikanische Truppen
• 07. Mai 1945: erneuter Einzug der frz. Armee, darunter 1.200 marokkanische Soldaten

Ausgangslage

Einwohnerzahlen:
1939: 5.362
1946: 5.748
1955: 7.513
1961: 8.134
1968: 10.530
Flüchtlinge und Heimatvertriebene:

• ab Mitte April 1945: Zustrom von Flüchtlingen und Kriegsverletzten
• nach Kriegsende 1945: Einquartierung von bis zu 2.000 Marokkanern in Lindenberg
• 13. September 1950: 802 Heimatvertriebene (6.668 Einwohner insgesamt)
• 1952: 849 dauerhaft in Lindenberg lebende Heimatvertriebene (im Kreis Lindau insgesamt: 8.515 Personen)

Wiederaufbau

Umsetzung:

• Juli 1945:
- Bei der Festlegung der endgültigen Besatzungszonen durch die Alliierten, wird Lindau als einziger bayerischer Landkreis nicht der US-amerikanischen, sondern der frz. Besatzungszone zugeteilt.
- Der Kreis Lindau wird einem eigenen Militärgouverneur unterstellt und genießt so eine gewisse Eigenständigkeit.
• nach Kriegsende 1945:
 - Wiedereröffnung der Schulen und Kindergärten
 - Rückfunktionierung des Reserve-Lazaretts Reichsbahn-Waisenhort in dessen ursprüngliche Einrichtung als Kinderheim
 - Wiederinbetriebnahme der Hutfabriken
• 1946:
 - Mietgärten werden von der Stadt zur Verfügung gestellt, um die Ernährungsprobleme zu lösen.
 - erste Hutmesse mit Firmenpräsentationen in Lindenberg
 - Beginn der Haarstumpenfertigung durch die Firma Mayser, Milz & Cie.
 - Beginn der Haarstumpenfertigung durch die Firma Aurel Huber mit Hilfe von sachkundigen Vertriebenen aus den deutschen Ostgebieten
• 1947: Herausgabe des „Lindenberger Notgeldes“ (5, 10 und 50 Pfennig) ab November; ab Dezember auf Weisung der Besatzungsbehörden wieder eingezogen
• 1948:
- nach der Währungsreform am 20. Juni: rascher Aufstieg der Lindenberger Industrie, u.a. durch den Käseerzeuger Kraft (Hauptprodukt „Velveta“)
- Zunächst auch gute Lage für die Lindenberger Hutfabriken; im Laufe der 1950er Jahre aber nach und nach Schwierigkeiten, der der Hut aus der Mode kommt.
- November: neue Glocken für Lindenbergs Stadtpfarrkirche (die alten mussten im Zweiten Weltkrieg abgeliefert werden) (die 7 neuen Glocken sind mit ihrem Gewicht von zusammen 17,9 Tonnen bis heute das größte Geläut des Bistums Augsburg und eines der größten in Deutschland)
• 1950er Jahre: Bau zahlreicher neuer Wohnungen, u.a. an der Heinrich-Brauns-, der Otto-Keck-Str. und an der Lindenhöhe
• 1950: erste Hutgroßisten-Einkaufsmesse in Lindenberg
• 1951: Lindenberg wird Sitz der Gemeinschaftswerbung Herrenhut (Slogan: „Übrigens, man geht nicht mehr ohne Hut“)
• 1952: erstes Eishockeyspiel (Lindenberg-Bregenz) am neuen Sportplatz an der Austr.
• 1953:
 - Einführung von Automaten zur Filzoberflächenbearbeitung
 - Fertigstellung des Erweiterungsbaus der Landesversicherungsanstalt in Ried
 - Eröffnung des zweiten Lindenbeger Kinos, des „Bergtheaters“ in der Bahnhofstr.
• 1954:
 - erste Exportmesse für Hüte nach dem Zweiten Weltkrieg in Izmir, an der auch die Lindenberger Hutfabriken teilnehmen; die Lindenberger Hutfabriken werden allerdings noch nicht mit „Made in Germany“ sondern mit „Made in USA-Zone“, obwohl der Lkr. Lindau ja, als einziger bayerischer Landkreis, noch bis 1955 zur französischen Besatzungszone gehörte.
 - Beginn der Bauarbeiten an der Abwasserkanalisation
 - Fertigstellung der ersten von der Kreiswohnungsbaugesellschaft errichteten Wohneinheiten im Siedlungsviertel auf der Lindenhöhe
 - Grundsteinlegung für die neue evang. Pfarrkirche (Gelände des ehem. Tannenhofs)
• 1955:
 - Wiedereingliederung des Lkr. Lindau in den Freistaat Bayern am 01.09.1955 (offizielle Übergabe am 01.04.1956); Beendigung der rechtlichen Sonderstellung des „Bayerischen Kreises Lindau“ als „Landkreisstaat“
 - Einweihung der evang. Johanneskirche
 - Bau eines neuen Lager- und Kühlhauses durch die Kraft GmbH
• 1956:
 - Verlagerung der Hauptverwaltung der Kraft-GmbH ins zentrale Frankfurt; Lindenberg bekommt seine Randlage zu spüren.
 - Fertigstellung der neuen Shedhallen der Hutfabrik Aurel Huber mit einem neuen 45m hohen Kamin
 - Fertigstellung der neuen Volksschule sowie von Turnhalle und Lehrschwimmbecken
 - Bezug der Spätheimkehrer-Siedlungen an der Hansenweiherstr. und auf der Lindenhöhe
• 1958/1959: Bau der Kleiderfakrik Silesia durch den Architekten Fritz Bauersachs (L-förmiger 2-geschossiger Baukörper für Verwaltung, Lager und Versand, dahinter angegliedert ein dreifach gestaffelter Shedsaal für die Näherei, sowie ein Wohnhaus für Betriebsangehörige mit Kantine und kleinem Schwimmbecken; über dem zurückgesetzten Eingangsportal ragt die in einer S-Linie - einem Rocksaum gleich - geschwungene repräsentative Front aus grünem Industrieglas auf, hinter der sich das elegante Rund der Treppe abzeichnet)
• 1959:
 - Bau eines Werks für Flugzeugteile durch die Firma Liebherr (Beschäftigungsmöglichkeit für viele ehem. Hutarbeiter; Liebherr bald größten Arbeitgeber in Lindenberg)
 - Bau der Sammelkläranlage
 - Eröffnung des Sparkassenneubaus an der Hauptstr.
• 1960:
 - am 15.05.1960: Eröffnung des Familienferiendorfes „Nadenberg“ durch den damaligen Regierenden Bürgermeister von West-Berlin, Willy Brandt (Hilfe für Familien im geteilten Berlin)
 - Beginn mit der Fabrikation von Hüten aus den verschiedenen Werkstoffen wie Leder, Dralon, Pelz, neben der traditionellen Stroh - und Filzhuterzeugung, durch die Lindenberger Hutindustrie
• 1963: Fertigstellung des neuen Kreiskrankenhauses, des Dr.-Otto-Geßler-Krankenhauses (heute Rotkreuzklinik)
• 1965: Anbau bei der Kleiderfabrik Silesia durch den Architekten Siegfried Brangs (Verlängerung des südlichen Trakts um 3 Fensterachsen und Erweiterung des Nähsaals um ein Sheddach)
• 1967:
 - starke Ausdehnung der Wohngebiete (Verdopplung der Bevölkerung innerhalb von nur 20 Jahren und steigender Wohlstand)
 - Lindenberg ist kein Straßendorf mehr
 - Wachstum v.a. in die Breite
 - nahezu vollständige Bebauung der Hänge der Talmulde
• 1969: Richtfest für das Hochhaus in der Parksiedlung mit Wohnungen und Ladenzeile
• 1970er Jahre:
 - Die hutlose Mode der Nachkriegsjahrzehnte macht der Lindenberger Industrie schwer zu schaffen.
 - Weitere alteingesessene Hutfirmen stellen ihre Fabrikation ein.
 - Die Hutindustrie verliert ihre vorrangige Stellung im Lindenberger Wirtschaftsleben.
• 1976:
 - Abbruch des in der Stadtmitte gelegenen Fabrikgebäudes des ehemaligen Hutunternehmens Aurel Huber
 - Bau eines Supermarkts an gleicher Stelle
• 1977: Sprengung des höchsten Kamins in Lindenbergs: die drittgrößte Hutfabrik Aurel Huber (gegründet 1835) schließt
• 1981: Eröffnung des städtischen Hutmuseums nach zweijähriger Vorarbeit in der ehemaligen Hutfabrik „Mercedes“ (2014 Wiedereröffnung nach Neukonzeption als Deutsches Hutmuseum Lindenberg, im Gebäude der ehem. Hutfabrik Ottmar Reich)
• 1993:
 - Stilllegung der noch verbliebenen Eisenbahnstrecke Röthenbach-Lindenberg und Einstellung des Güterverkehrs
 - in der Folge Umbau des ehem. Schienenstrangs in einen Radweg
• 1997: Konkurs des Hutunternehmens Reich (früher das größte in Lindenberg)
• 2010: Einstellung der Hutproduktion durch die letzte Lindenberger Hutfabrik Mayser, nur noch Atelier und Endkontrolle bleiben in Lindenberg; Mayser konzentriert sich auf ihre technologischen Schwerpunkte: Schaumstofftechnik, Verformungstechnik und Sicherheitstechnik

Literatur

FICHTER, Günter: Lindenberger Chronik. Chronik der freiwilligen Feuerwehr Lindenberg von Manfred Röhrl, Lindenberg/Allgäu 1989.
NERDINGER, Winfried (Hrsg.): Architektur der Wunderkinder. Aufbruch und Verdrängung in Bayern 1945-1960, Salzburg / München 2005, S. 187.
STATISTISCHES JAHRBUCH FÜR BAYERN 1952. Hrsg. vom Bayerischen Statistischen Landesamt, München 1952, S. 500.
STATISTISCHES JAHRBUCH FÜR BAYERN 1955. Hrsg. vom Bayerischen Statistischen Landesamt, München 1955, S. 19.
STATISTISCHES JAHRBUCH FÜR BAYERN 1969. Hrsg. vom Bayerischen Statistischen Landesamt, München 1969, S. 19.

INTERNET:
http://www.lindenberg.de/index.shtml?tourismus-stadtgeschichte (24.09.2015).

DANK
Für weitere Auskünfte danken wir dem STADTARCHIV Lindenberg im Allgäu sowie dem DEUTSCHEN HUTMUSEUM LINDENBERG.

Weitere Bilder