Passions-spiele
in Bayern

Waldsassen Prozessionen

Zu einem Kristallisationspunkt volkstümlicher Frömmigkeitsübung entwickelten sich im 18. Jahrhundert, wohl maßgeblich gefördert von den Zisterziensern, die umfangreichen Buß- und Bilderprozessionen am Karfreitag. Aus der Zeit zwischen 1725 und 1768 haben sich 15 Prozessionsordnungen erhalten, die von der Spielfreude im Klosterort künden. In ihrer medialen Ausgestaltung gewannen die Umzüge schlechthin schauspielartigen Charakter. Mit hölzernen Figuren und Gemälden wie auch „Lebenden Bildern“ wurde das biblische Heilsgeschehen dargestellt. Neben der Passion bestimmen vor allem alttestamentliche Präfigurationen - in der Auslegungstradition von Verheißung und Erfüllung - das Bildprogramm. So thematisieren Figurengruppen wie „Lucifer mit einem Apfel in der Hand spielend“, „Adam und Eva mit dem Baum“, „Sünde, die Welt gefangen führend“ und „Engel mit Flammenschwert“ die enge Verknüpfung von Sündenfall und Leidensgeschichte; die Gefangennahme Jesu wird durch Joseph in der Gewalt seiner Brüder (Gen 37,12-36) vorweggenommen, die Ölbergszene durch „David und Jonathas“ (2 Sam 15), der Opfertod Christi schließlich durch „Isaac und Abraham“ (Gen 22). Das Leiden, Sterben und Auferstehen Jesu Christi gelangt in einer Reihe von Bildern zur Vorführung; mit dem Schlussbild „Christus mit Tod und Teufel in der Glory“ verkündet die Prozession die frohe Botschaft von der Erlösung durch den Sohn Gottes. Die Einführung rührender Szenen („Beurlaubung Christi“) trägt dem Publikumsgeschmack  Rechnung, ebenso das Bild des „Pastor bonus“, das - vermittelt durch das weit verbreitete Erbauungsbuch Das Grosse Leben Jesu des Kapuzinerpaters Martin von Cochem - im 18. Jahrhundert zu den beliebtesten Motiven volksfrommer Christusverehrung zählte.

Auf die leidenschaftliche Anteilnahme der ländlichen Bevölkerung, auf ihren blutigen Bußernst deuten die zahlreichen Gruppen von Geißlern („Disciplinanten“) und Kreuzträgern. In der unmittelbaren Beteiligung an der Prozession, die gleichsam den Gang nach Golgotha nachbildet, vermochten die Mitziehenden ihre „compassio“, ihr gläubiges Mitleiden, symbolisch zum Ausdruck zu bringen.

In der Kritik eines geistlichen Würdenträgers an den „niveaulosen Scherzen“, die er 1768 bei dem Passionsumzug beobachtet zu haben glaubte, klingt das allgemeine Unbehagen der Aufklärer an religiösen Kultformen an, die auf einer sinnlich erlebbaren Glaubensvermittlung gründeten. Mit dem kurfürstlichen Generaledikt vom 31. März 1770 dürfte dann auch in Waldsassen die Tradition der Karfreitagsprozession zum Erliegen gekommen sein. 

Manfred Knedlik

Basisdaten

Ort: D-95652 Waldsassen
Bezirk: Oberpfalz
Diozöse: Regensburg

Informationen

Überlieferung: Original-Hs.
Aufbewahrungsort: Bischöfliches Zentralarchiv Regensburg (BDK 9472)
Edition: Knedlik 1994
Wird noch gespielt: Nein