Passions-spiele
in Bayern

Wasserburg am Inn Passionsspiele

Die ersten Ansätze zur theatralen Umsetzung der Leidensgeschichte Jesu Christi boten seit spätestens 1495 die Palmsonntagsprozessionen mit einer Holzfigur auf dem Palmesel. Auf eine szenisch-dramatische Aufführung verweist ein Ratsbefehl für die „Marterwoche“ 1515, wonach „der passion“ schon um drei Uhr nachmittags „abgehalten“ werden solle. 1551 berichten die Kammerrechnungen von einigen Spielleuten aus Gars, die am Osterfeiertag ein Auferstehungsspiel („die urstend“) auf dem Rathaus darboten. Im Auftrag des Rates verfasste Matthäus Leutner aus München 1576 ein Passionsspiel in deutschen Versen, das der städtische Kantor musikalisch ausgestaltete und 1577 auch inszenierte.

Eine regelmäßige Aufführungstradition entwickelte sich in Wasserburg freilich erst im ausgehenden 17. Jahrhundert. Unter der Leitung des Schulmeisters Thomas Rüedl wurde seit 1680 am Gründonnerstag und Karfreitag „ain tragedi des leidens Christi vorgestellt“. Offensichtlich handelte es sich dabei um einzelne Spielszenen, die im Rahmen der Ölbergandacht in der Pfarrkirche bzw. der Karfreitagsprozession „auff offentlichem theatro“ auf dem Stadtplatz „exhibirt“ wurden.

1624 hatten die Kapuziner diese nächtlichen Umzüge eingeführt, und in rasch wachsender Zahl beteiligten sich Geißler und Kreuzschlepper, um ihren blutigen Bußernst zum Ausdruck zu bringen. Als „lebende Bilder“ wirkten zunächst die Darsteller von Christus und den zwölf Aposteln mit, bald aber gewann die theatralische Entfaltung des Passionsgeschehens immer größeren Raum. Umgangsordnungen verzeichnen die „Sprüche“ der Teilnehmer, und 1680 spielte man während der Bußprozession „3 sachen vom leiden Christi“.Aus dem Jahr 1737 bewahrt das Stadtarchiv die Handschrift einer vollständigen, in sich geschlossenen Passio Domini nostri Jesu Christi aus der Feder des Benefiziaten Georg Hofmann (gest. 1757), der zwischen 1722 und 1737 nachweislich als Spielleiter wirkte. Wie die meisten Passionsdramen des 17. und 18. Jahrhunderts ist seine Passio für 58 Sprech- und 17 stumme Rollen nicht als originäre Schöpfung zu betrachten, doch lässt sich die Frage nach den Textgrundlagen aufgrund der Quellenlage vorerst nur hypothetisch beantworten. Vermutlich auf der Basis spätmittelalterlicher oder frühneuzeitlicher Texte, z. B. den lokalen Passionsbearbeitungen des 16. Jahrhunderts, konzipierte Hofmann ein geistliches Spiel im Sinne der Frühaufklärung, d. h. mit einer klar formulierten didaktischen Intention. Darüber hinaus steht die Wasserburger Passion deutlich am Konvergenzpunkt verschiedener Einflussbereiche. Den üblichen Stationen der Leidensgeschichte – von der Beratung der Schriftgelehrten, dem Verrat des Judas und einer breit ausgeführten Ölbergszene über die Verhandlungen vor dem Hohen Rat und vor Pilatus, über Geißelung, Dornenkrönung und Kreuzweg bis zum Kreuzigungsgeschehen, das allerdings nur durch einen interpretierenden Bericht des Johannes und ein Kreuzigungsbild im Epilog repräsentiert wird – sind allegorische Szenen (Zwiegespräche der göttlichen Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und Liebe mit der Seele, Teufelsauftritte) und Chöre (Chor der Propheten) vor- und zwischengeschaltet, wie sie für das zeitgenössische Jesuitendrama typisch waren. Auch die musikalische Ausgestaltung mit Arien und Duetten zeigt den Einfluss des jesuitischen Musiktheaters, etwa der Ludi Caesarei.

Im Zeitalter der Aufklärung wuchs die obrigkeitliche Kritik an den Passionsaufführungen,und wie vielerorts dürfte das kurfürstliche Generalverbot vom 31. März 1770 auch in Wasserburg das Ende der theatralen Inszenierungen bedeutet haben. Selbst ein Gesuch um die Bewilligung einer Vorstellung „nach Art einer Meditation“, das Bürgermeister und Rat 1795 an die kurfürstliche Regierung richteten, wurde abschlägig beschieden.

Eine Edition der Passio Domini nostri Jesu Christi im Jahr 2005 hat das abwechslungsreiche Spiel einer größeren Öffentlichkeit wieder zugänglich gemacht. Und auch die angekündigte Neuinszenierung könnte das geistig-kulturelle Leben der Stadt Wasserburg zweifellos bereichern.  

Manfred Knedlik     

Basisdaten

Ort: D-83512 Wasserburg am Inn
Bezirk: Oberbayern
Diozöse: München-Freising

Überlieferungen

Titel: Passio Domini nostri Jesu Christi
Jahr: 1737
Typ: Textzeugnis

Informationen

Überlieferung: Original-Hs.
Verfasser: Benefiziat Georg Hofmann
Aufbewahrungsort: Stadtarchiv Wasserburg (Altes Archiv, Kasten A, Fach 9, Nr. 19a)
Edition: Haupt/Heimerl 2005
Wird noch gespielt: Nein