Die Aufführung eines Passionsspieles ist nur durch einen bei Johann Peter Steiner in Mindelheim gedruckten Programmzettel bezeugt, wonach am 15. und 19. März 1761 in der Kirche Mariä Himmelfahrt Die in dem sterblichen Fleisch, für den Sünder Leydente Liebe Gottes auf offentlicher Schaubühne in etlichen Geheimnussen zu mitleydiger Betrachtung vorgestellt wurde. Der eigentlichen Passion ist ein musikalisches Vorspiel vorgeschaltet, das in abgewandelter Form die litigatio sororum, den Streit von Barmherzigkeit und Gerechtigkeit (nach Ps 84,11–12), in Szene setzt: Vor dem Thron der göttlichen Gerechtigkeit führt Luzifer Klage über die dauernde Sündhaftigkeit des menschlichen Geschlechts. Seiner Forderung, die Menschen zu verstoßen, tritt die Barmherzigkeit mit dem Angebot eines Versöhnungsopfers entgegen. Dieser Möglichkeit der Erlösung begegnet Luzifer wiederum mit einer Verschwörung „wider den Menschen“, verbündet er sich doch nun in seinem Ringen um die menschliche Seele mit den sieben Hauptsünden.
Danach gelangt die Leidensgeschichte Jesu in zwei Abhandlungen auf die Bühne. Beide Akte werden jeweils durch einen Chorus eingeleitet, eine lyrische Betrachtung von Abrahams Opffer, das präfigurative Bedeutung für Christi Opfertod hat. Der erste Akt, der 13 Szenen umfasst, beginnt mit der Versammlung der Hohenpriester und dem Verrat des Judas (I). Das Motiv, dass Maria ihren Sohn gerade dem Verräter Judas anvertraut (II), findet sich z.B. in den älteren Augsburger, Egerer, Haller und Brixener Spielen, aber auch in dem Erbauungsbuch Das grosse Leben Christi (1681) des Kapuzinerpaters Martin von Cochem. Den Klagen der Maria, Magdalena und Martha (III und IV) und der Leidensvorhersage (V) schließt sich der Abschied Jesu von seiner Mutter an (VI), dessen Gestaltung wohl von der zeitgenössischen Erbauungsliteratur beeinflusst war. In zügiger Folge führte das Spiel daraufhin das Ölberggeschehen (VII), die Gefangennahme Jesu (VIII), das Verhör vor Annas (IX), die Verleugnung des Petrus (X), das Verhör vor Kaiphas (XI), Jesu Verspottung durch die Juden (XII) und die tiefe Reue des Petrus (XIII) vor. Der zweite Akt setzt wiederum mit einer jüdischen Ratsversammlung ein, die Jesu zum Tod verdammt (I). Die folgende Szene „[Jesus] in Kercker geführt“ (II) verweist auf die starke und wachsende Verehrung der geheimen Leiden Christi in der Barockzeit, wie sie in Andachten (u.a. gefördert von der Franziskanerin M. Crescentia Höß von Kaufbeuren), Erbauungsschriften und Gebetszetteln zum Ausdruck kam. Mit der Verzweiflung des Judas (III) enden schließlich die überlieferten Szenenangaben.
Manfred Knedlik
Basisdaten
Ort: Wald bei Mindelheim
Bezirk: Schwaben
Diozöse: Augsburg
Überlieferungen
Titel: Die in dem sterblichen Fleisch, für den Sünder Leydente Liebe Gottes
Jahr: 1761
Typ: Textzeugnis
Informationen
Überlieferung: Perioche
Wird noch gespielt: Nein