Im Nachlass des Germanisten und Volkskundlers August Hartmann (1846-1917) findet sich eine Handschrift der „Saalfeldner Passion“ von 1720 mit dem Titel Einföltige Vorstöllung etwelcher geheimbnussen des Leidenten Heylandts Jesu Christi. Als „Producens“, womit im Sprachgebrauch der Zeit der Verfasser, Bearbeiter oder Spielleiter bezeichnet werden kann, ist auf der Titelseite der Magister Sebastian Ferdinand Schroll (1693-1732), seit 1719 Kooperator in Saalfelden, genannt. Als Quellen dienten dem „Autor“ die zeitgenössische Erbauungsliteratur, etwa Das große Leben Jesu (1681) des Kapuzinerpaters Martin von Cochem, aber auch ältere Spiele, wie z.B. das Halleiner Judas- oder Fasten-Spiel. Die Saalfeldner Passion kam am Gründonnerstag, dem 28. März 1720, zur Aufführung. Dass die Spieltradition weiter zurückreichen dürfte, ist einem Ansuchen der Gemeinde aus dem Jahr 1702 zu entnehmen, „in der Spittal Kirch die Passions Comoedj spihlen zu därffen“.
Das überlieferte Spiel umfasst 14 „Aufführungen“, umrahmt von einem (gesungenen) Prolog und Epilog des „Pastor bonus“, des guten Hirten, der auch in der 8. Szene – als einer Art Zwischenspiel – auftritt. Den Beginn der Handlung bildet die Verabredung der jüdischen Schergen zur Gefangennahme Jesu (I). Auf eindringliche Weise entfaltet sich sodann das Geschehen auf Gethsemane. Auf das flehentliche Gebet Jesu hin erscheint ein tröstender Engel, der ihn an die Erlösungsbedürftigkeit der Menschen erinnert: „Wollan so wollest förderlich | der Martter dich ergeben | das menschlich gschlecht khan selber sich | nicht schwingen zu dem Leben.“ (II) In bewusstem Kontrast zu dieser tröstenden Szene steht der lärmende Ansturm der Häscher, der Judaskuss, die Verletzung und Heilung des Malchus und die Flucht der Jünger (III). Der Auftritt des Hausvaters mit dem Namen Joannes Marcus, der Legende nach der Vater des Evangelisten Markus, bietet einen Rückblick auf das Abendmahl und die Einsetzung der Eucharistie (IV). Es folgen das Verhör vor Annas (V) und die Verspottung Jesu (VI). Wiederum als Rückschau gestaltet ist das Gespräch zwischen Petrus, Jakobus und Johannes (VII), die ihre feige Flucht am Ölberg beklagen, trotz ihrer Furcht aber beschließen, Jesus zu folgen: „die grosse Lieb hat mich bewegt, | das ich nicht mechte fliechen, | hab alle forcht auf d’seiten glegt, | mein Maister nach zu ziechen.“ Nach dem Zwischenspiel (VIII) berichten die drei Jünger der Gottesmutter von den grausamen Szenen, die sich bei der Gefangennahme und – in Anlehnung an die „Geheimen Leiden Jesu“ – bei den Verhören abspielten. Auch gesteht ihr Petrus seine Verleugnung Jesu, die er bitterlich bereut, woraufhin ihn Maria ihres fürbittenden Gebets versichert: „drauß Lehrn, das auf der welt so groß | khein Sünd, noch Sünder sey | dem ich verschließ mein gnadenschos, | wan er hat Layd und Rey“. Dem katholischen Charakter des Spiels gemäß, erscheint Maria hier als wichtige Mittlerin zwischen Gott und den Menschen. Den Verhandlungen vor Kaiphas (X) folgt der Auftritt der Judas (XI), der seinen Verrat ungeschehen machen möchte. Als seine Bitte kein Gehör findet, fällt er in Verzweiflung: „Nunmehr kann ich bey gott khein Gnad | so Lang ich leb, erlangen“, und beschließt, seinem Leben ein Ende zu setzen. Bestärkt wird er in dieser Absicht von drei Teufeln, die ihm einen Strick reichen, während er den Worten eines Schutzengels, der ihm die Gnade Gottes verspricht, sofern er sich reumütig zum guten Hirten bekennt, keinen Glauben schenkt. In spätmittelalterlicher Tradition schließen sich Klagen der Gottesmutter und der „Heil: 3 Frauen“ an (XII). Nach einem kurzen Verhör fällt Pilatus das Todesurteil, und Jesus wird unter „dem geschray der Juden“ und derben Sprüchen nach Golgatha geführt, wo die Schergen auf grausame Weise die (angedeutete) Kreuzigung vollziehen (XIII). Mit einer Klagerede des Judas, die eindringlich die höllischen Qualen vor Augen führt, endet die eigentliche Spielhandlung (XIV). Eine kommentierende Funktion kommt den Arien des „Pastor bonus“ zu. Sie betonen – in direkter Anrede an das Publikum – die unbeschränkte Liebe Jesu zu den Menschen. Der Gottessohn habe das große Erlösungs- und Versöhnungsopfer auf sich genommen, „damit mein Vatter dir verschon, | und nit in d’Höll verstoss“. Jedoch müsse der Sünder zu Buße und Umkehr bereit sein und Jesus „von herzen bstendig lieben“, wolle er nicht das Schicksal des in Ewigkeit verdammten Judas teilen. In dieser Schlussrede gewinnt das Spiel an konfessionspolemischer Schärfe. Ausdrücklich fordert der „Pastor bonus“ von den Zuschauern ein „guet Katholisch leben“, das sich z.B. in guten Werken erweise. Dagegen könnten Andersgläubige keine Erlösung erlangen: „Wan du willst Evangelisch seyn, | dem Lutherthumb anhangen, | so muest du gwis in d’Höll hinein, | zu gott wirst nit gelangen.“
Manfred Knedlik
Basisdaten
Ort: A-5760 Saalfelden
Land: Salzburg
Diozöse: Salzburg
Überlieferungen
Titel: Einföltige Vorstöllung etwelcher geheimbnussen des Leidenten Heylandts Jesu Christi
Jahr: 1720
Typ: Textzeugnis
Informationen
Redaktor: Kooperator Sebastian Ferdinand Schroll
Aufbewahrungsort: Bayerische Staatsbibliothek München (Hartmanniana XVII,1)
Edition: Eder/Schwaiger 1997