Passions-spiele
in Bayern

Neumarkt in der Oberpfalz Passionsspiele

Die Anfänge der „Passionsspiele“ reichen mit einiger Wahrscheinlichkeit in die Zeit der Rekatholisierung zurück. Entscheidende Impulse gingen von der 1627 gegründeten Niederlassung der Kapuziner aus, welche die Bevölkerung – gerade auch mit sinnlichen Mitteln – zum katholischen Glauben zurückzuführen suchten. Sie förderten nicht nur die Errichtung Heiliger Gräber, sondern auch die Karfreitagsprozessionen, als deren Träger die Corporis-Christi-Bruderschaft auftrat. Mit hölzernen Figuren, Gemälden und „lebenden Bildern“ (z. B. 1675 der Fall Christi) wurde die Leidensgeschichte Jesu vergegenwärtigt. Spätestens seit Beginn des 18. Jahrhunderts errichtete man vor dem Rathaus ein „Theatrum zu exhibirung einer Trauer comedi“. Erhalten hat sich die Perioche (Programmheft) zur Aufführung eines allegorischen Spiels mit dem Titel Clarind, das ist die zur Gnade gefundene, bekehrte und erweckte Menschenseele in Neumarkt belegt, das die Geschichte des Findelkindes Clarind mit Szenen der Passion Christi verknüpft. Wie der Verfasser betonte, sollte die parallel geführte Spielhandlung das Glaubensgeheimnis für den Zuschauer in einprägsamer Form nachvollziehbar machen: „Also hat der ewige Vater … die Welt, das ist Clarinda, den Menschen geliebt, dass er seinen eingebornen Sohn in den Tod gegeben, damit der durch die Sünde gestorbene und verdorbene Mensch wieder genese und zu dem Leben der Gnade erweckt, ja in den vorigen Gnadenstand mittels des kostbarsten Blutes Christi Jesu … gesetzt und also der Vater mit dem Menschen, der Erschaffer mit dem Geschöpf, der Beleidigte mit dem Beleidiger wiederum vereiniget und versöhnet werde.“ Zwei Handschriften aus dem Jahr 1772, die einen weitgehend identischen Text überliefern, belegen, dass im 18. Jahrhundert auch Passionsspiele im eigentlichen Sinn aufgeführt wurden.  Die Szenenfolge reichte vom volkstümlichen „Abschied“ Jesu von seiner Mutter über die Versammlung der Hohepriester, Schriftgelehrten und Pharisäer und die Verabredung zum Verrat, das Ölberggebet Jesu, die Gefangennahme, die Verhandlungen vor Annas, Kaiphas und Pilatus bis zum Todesurteil. Eingeschaltet waren alttestamentliche (Sündenfall, Joseph und seine Brüder) und allegorische (Verführung des Judas durch Diabolus) Szenen. Die wiederholten Aufführungsverbote der kurfürstlichen Regierung und des Ordinariats Eichstätt in der Zeit der Aufklärung fanden zunächst wenig Gehör. Zumindest an den figurierten Prozessionen am Karfreitag wollte man festhalten, und zwar zu mehrerer Auferbaulichkeit“ der Stadt- und Landbevölkerung, wie die Bruderschaft in einem Bittschreiben an den Kurfürsten argumentierte. Erst ein Jahrzehnt später scheint das zähe Ringen ein Ende gefunden zu haben: 1793 trug man nur noch das Grab Christi durch die Stadt. Spätere Nachrichten sind nicht überliefert. Im Jahr 1901 rief man die Erinnerung an die seit mehr als 100 Jahren erloschene Passionsspieltradition wieder wach. Mitglieder des Katholischen Gesellenvereins brachten mehrfach Szenen der Leidensgeschichte Jesu in Art eines Singspiels zur Aufführung. 1922 wurde dann eine neue Tradition begründet. Als Spielträger trat die Kolpingfamilie auf, deren Präses Roman Mayr einen neuen, in Blankversen verfassten Text für die dramatische Inszenierung des Leidens Christi schuf; Aufführungspraxis und Stil des Spiels orientierten sich an Oberammergau. Aufgrund der schwierigen Zeitläufte gelangte die Passion erst 1959 und 1964 wieder auf die Bühne. Bedingt durch die theologische Diskussion während des Vatikanischen Konzils, vergingen dann wiederum 20 Jahre, bis sie – sprachlich und inhaltlich grundlegend überarbeitet – 1984 erneut aufgeführt wurde. Der große Erfolg festigte den Entschluss zur Fortführung des geistlichen Spiels: 1989 und 1999 konnten jeweils mehr als 20000 Zuschauer die Darstellung der Neumarkter Passion, welche die christliche Botschaft vom Geheimnis des Kreuzes in eindringlicher Form vermittelt, zutiefst beeindruckt miterleben. Manfred Knedlik

 

Basisdaten

Ort: D-92318 Neumarkt in der Oberpfalz
Bezirk: Oberpfalz
Diozöse: Eichstätt

Informationen

Überlieferung: Original-Hs. (1772)
Aufbewahrungsort: München, Bayerische Staatsbibliothek (Nachlaß A. Hartmann d.J., XVII 2) (1772)
Edition: Hartmann 1880 (Teiledition)
Datierung: 17. und 18. Jh. / 20. Jh.
Wird noch gespielt: Ja

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