Passions-spiele
in Bayern

Kemnath Passionsspiele

„… euch zum Nuzen ists bereith“ 

Die Anfänge der „Kemnather Passion“ dürften in die zweite Hälfte des 17. Jahrhunderts zurückreichen. Als Initiatoren traten wohl Patres des 1658 errichteten Franziskanerklosters St. Antonius auf, die eine wirkungsvolle Tätigkeit im Dienst der katholischen Erneuerung entfalteten. Unter ihrem Einfluss erfuhr auch die Ölbergandacht eine lyrisch-szenische Ausgestaltung. Umrahmt von Wechselgesängen brachte man die Todesangst Christi im Garten Gethsemane, seine Leidensvision und das Erscheinen des Trostengels auf die Bühne.

Aus dem Jahr 1731 ist das erste Textzeugnis überliefert, die Abschrift einer Passion Comedi aus der Feder des Stadtpfarrers Johann Christoph Arckhauer, die einem Spielgesuch an das bischöfliche Ordinariat in Regensburg beigelegt war. Danach war die „passions action“ schon vor Jahrzehnten zu religiöser Unterweisung und Erbauung, zum „Trost“ der Stadt- und Landbevölkerung eingeführt und seitdem regelmäßig inszeniert worden. Wie die Mehrzahl der religiösen Volksschauspiele in der Barockzeit bildet die Passion Comedi keine originäre Schöpfung. Vielmehr zeigen sich mehr oder weniger umfangreiche Textanleihen bei älteren Spielen sowie der zeitgenössischen Frömmigkeits- und Erbauungsliteratur. Als wichtige Quelle erweist sich Der gantz Passion (Amberg 1560) des Nürnberger Protestanten Hans Sachs, ein Drama, das bekanntlich über zwei Jahrhunderte hinweg eine große Ausstrahlungskraft für katholische Spielgemeinschaften besaß. Weitere Textübernahmen erfolgten aus dem Passional (1570) und der Vita Christi et Mariae (1574) des Ingolstädter Theologen Adam Walasser, vor allem aber aus dem Leben Jesu (1681) des Kapuzinerpaters Martin von Cochem.

Gleichwohl verstand es der Redaktor der Passion Comedi meisterhaft, die unterschiedlichen Quellen und Traditionslinien nach einem einheitlichen Plan zu verschmelzen. Eingebettet in den Wissens- und Erlebnishorizont der Mitspieler und Zuschauer entstand ein lebendiges Spiel, das biblische, apokryphe und legendarische Episoden, derb-drastische Szenen in volksnaher Sprache (Wächter- und Schergenauftritte) und pathetisch-rührselige Auftritte (Marienklagen), gesprochene Prosa- und gesungene Verspartien in reizvollem Wechsel bot. Der Handlungsbogen reicht von der Versammlung der Hohenpriester und Schriftgelehrten, dem Verrat des Judas und der Gefangennahme auf dem Ölberg, über die Verhandlungen vor dem Hohen Rat, die Reue und Verzweiflung des Judas – umrahmt von einem Teufelsauftritt – und das Verhör vor Pilatus, über Kreuzweg, Kreuzigung und Tod bis zur Grablegung Christi. Mit dem bewegenden Auftritt der Veronika und den Klagegesängen der Mariengruppe, welche die „Sieben Fälle Christi“ auf dem Weg nach Golgatha begleiten, verbindet sich die Aufforderung zum gläubigen Mitleiden, zur „compassio“, die Mitwirkenden und Anwesenden gleichermaßen den Weg zu Buße, Reue und Umkehr weisen sollte. Leitmotivisch durchzieht der Erlösungsgedanke die Spielhandlung. Wiederholt wird das Publikum direkt angesprochen, um ihm die heilsgeschichtliche Notwendigkeit von Christi Leiden und Tod zur Entsühnung der Menschheit zu vergegenwärtigen: „Secht allsamb, unnd wohl betrachtet, | was doch Jesus gelitten hat, | für euch all, das nit Verachtet, | abgebüest euer Missethat.“

Mit leidenschaftlicher Anteilnahme beteiligten sich Schauspieler „von beederlay geschlechts“ an den Aufführungen der Passion Comedi, die gewöhnlich am Karfreitag auf dem Marktplatz stattfanden. Da die Mitwirkung an der „action“ nicht nur eine Frömmigkeitsübung darstellte, sondern auch soziale Reputation versprach, vermag es kaum zu verwundern, dass „auch Rhatts personas comicas versahen“. Im Zeitalter der Aufklärung rückte der hohe Klerus von der szenischen Vermittlung von Glaubenswahrheiten ab. In der Überzeugung, dass „das größte Geheimnis unserer Religion nicht auf die Schaubühne gehöre“, sprachen die kirchlichen Oberbehörden nun Spielverbote aus, und auf Drängen des Episkopats untersagten in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts zunehmend auch weltliche Behörden die Aufführung geistlicher Spiele. Diese Eingriffe in die liebgewordene Spieltradition rief verständlicherweise Gegenreaktionen der betroffenen Gemeinden hervor, und mit zäher Beharrlichkeit kämpfte man sich auch in Kemnath, unterstützt vom Ortspfarrer, um die Fortführung der „Passions Exhibition“. Wiederholt versuchte man das Verbot zu umgehen, indem man sich auf kleinere Darbietungen („Ölberg“) oder Spielprozessionen beschränkte. Mit dem kurbayerischen Generaledikt vom 31. März 1770 nahm das jahrelange Ringen um die Erhaltung der „Charfreytag Comedie“ in der oberpfälzischen Stadt ein Ende.

Anlässlich der 975-Jahr-Feier rief man 1983 wieder die Erinnerung an die barocke Spieltradition wach. Dabei erwiesen sich Eingriffe in Sprachgestalt, Umfang und Ausdruckshaltung als notwendig, um eine Darstellungsform zu finden, die dem religiösen Empfinden des Menschen im 20. Jahrhundert entsprach. Das Spiel von der Gefangennahme und Verurteilung Jesu wurde ein großer Erfolg, der den Entschluss zur Fortführung in Abständen von fünf Jahren festigte. 1988 erfolgte in Anlehnung an die Urfassung die Erweiterung des Spiels um Kreuzweg und Kreuzigung. In ihrer inhaltlichen und szenischen Präsentation erweist sich die „Kemnather Passion“, deren religiöse Eindringlichkeit auch aus ihrer musikalischen Gestaltung mit Kirchenliedern und Chorälen erwächst, als eine überzeugende Verknüpfung von Tradition und Erneuerung, die auch für die Zukunft Dauer erwarten lässt. 

Manfred Knedlik 

Basisdaten

Ort: D-95478 Kemnath
Bezirk: Oberpfalz
Diozöse: Regensburg

Überlieferungen

Titel: Passion Comedi
Jahr: 1731
Typ: Textzeugnis

Informationen

Überlieferung: Original-Hs.
Umfang: 44 Bl.
Redaktor: Pfarrer Christoph Arckhauer
Aufbewahrungsort: Bischöfliches Zentralarchiv Regensburg (OA Gen. 2013)
Edition: Knedlik 1993
Datierung: 1725-1770; Wiederaufnahme 1983
Wird noch gespielt: Ja