Im ausgehenden 19. Jahrhundert suchte sich die katholische Laienspielbewegung, die zuvor v. a. Krippenspiele zu Weihnachten dargeboten hatte, neue Ausdrucksformen in der Aufführung von Passionsspieltexten. Auf Initiative des Pfarrers Franz Riedling und des Oberlehrers Rudolf Wedra wurde 1897 mit dem Bau einer Festspielhalle, die 800 Besuchern Platz bot, und mit den Proben begonnen. Am 29. Mai 1898 erlebte die „Eibesthaler Passion“ ihre Premiere, bis Ende September folgten elf weitere Aufführungen. Der Text stammte aus der Feder von Franz Riedling. Für die aufwendige Inszenierung lieferte die Kostümfabrik Kahn in Düsseldorf die historisierenden Gewänder, die Dekorationen gestaltete der Theatermaler Hermann Burghart aus Wien.
In den folgenden Jahren erlangten die Passionsspiele durchaus überregionale Bedeutung. 1899 unterstützte der Wiener Hofschauspieler Jakob Schreiner die Probenarbeit der 120 Eibesthaler Darsteller. Bei 10000 Besuchern, darunter Mitgliedern des Kaiserhauses sowie Bürgermeister Karl Lueger mit einigen Wiener Gemeinderäten, hinterließ das religiöse Schauspiel einen tiefen Eindruck.
Kein dauernder Theatererfolg war hingegen den „Geistlichen Szenen“ aus der Kindheit Jesu beschieden, die der Wiener Schriftsteller Richard von Kralik (1852-1934) eigens für die Aufführungen des Jahres 1900 schrieb. Bereits 1901 kehrte man zum ursprünglichen Spieltext zurück. Auf dieser Grundlage wurde das ganz von den Einwohnern des kleinen Ortes getragene Spiel auch 1904, 1905, 1907, 1908 – anlässlich des 60-jährigen Regierungsjubiläums Kaiser Franz Josefs – und 1911 aufgeführt. Insbesondere im nahen Wien herrschte großes Interesse. Im Verkehrsbüro am Stephansplatz wurden allabendlich Lichtbilder der Spiele gezeigt, zu den Generalproben kamen Redakteure aller Tagesblätter, und die Staatsbahnen stellten Sonderzüge zur Verfügung. Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges fand dieses Kapitel der Eibesthaler Theatergeschichte ein vorläufiges Ende.
Erst 1999 wurde die Spieltradition auf einer Bühne im Hochaltarraum der Pfarrkirche St. Markus in Eibesthal wieder aufgenommen – in einer völlig veränderten, einzigartigen Spielform. Die Inszenierung erfolgt mit 90 cm hohen Holzfiguren (gefertigt von dem slowakischen Künstlerpaar Jana Pogorielova und Anton Dusa), die von 20 Laienschauspielern und -spielerinnen geführt werden. Als Textgrundlage wählte man das Markus-Evangelium. Kernbotschaft ist der Umkehrruf Jesu: „Die Zeit ist erfüllt und das Reich Gottes ist nahe. Ändert euren Sinn und vertraut der frohen Botschaft.“ In einer Folge von 27 Szenen, anfangs begleitet von Einführungen einer Erzählerin, später in reinem Figurenspiel, vergegenwärtigt das Stück die Lebens- und Leidensgeschichte Jesu Christi. Besonderes Augenmerk liegt auf der Charakterisierung der Apostel, die zunächst in all ihrer Verzagtheit und Feigheit – die in deutlichem Kontrast zum Mut der Frauen stehen – gezeigt werden. Jedoch thematisiert eine eingeschobene Szene auch ihre spätere Wandlung (nach dem Pfingstereignis), ihr mutiges Auftreten als Glaubensverkünder, das zum Märtyrertod führt. Kreuzigung und Tod Jesu erfahren keine spielerische Darstellung, vielmehr lenken dramatische Lichteffekte den Blick des Publikums auf den überlebensgroßen Kruzifixus der Kirche. In der Auferstehungsszene agieren nur mehr die Spieler und Spielerinnen ohne Figuren. Der Engel verkündet die frohe Botschaft, das fragende Erschrecken der Frauen findet im Umkehrruf Jesu eine Antwort, die auch das Publikum zu beherzigen hat. Dank einer überzeugenden szenischen Präsentation gelang die Erneuerung der „Eibesthaler Passion“, die 1999, 2000 und 2005 erfolgreiche Aufführungen erlebte und auch künftig in einem Fünf-Jahres-Rhythmus präsentiert werden soll.
Manfred Knedlik
Basisdaten
Ort: A-2130 Eibesthal (Mistelbach)
Land: Niederösterreich
Diozöse: Wien
Informationen
Datierung: 1898-1911; Wiederaufnahme 1999, seit 2000 im Fünf-Jahres-Rhythmus
Wird noch gespielt: Ja