Passions-spiele
in Bayern

Donaueschingen Passionsspiele

Passionsspielfragmente Donaueschingen, Fürstlich Fürstenbergische Hofbibliothek, A III 22

Donaueschinger Passionsspiel

Zwischen 1470 und 1500 ist eine Handschrift im Heberegisterformat (d.h. in einem schmalen Hochformat) entstanden, die in einer deutlichen gotischen Kursive in sehr klarem Layout (in abgesetzten Versen, mit rot hervorgehobenen Regieanweisungen), aber mit einigen offensichtlichen Abschreibefehlern ein fast rein deutschsprachiges Passionsspiel festhält, dessen wenige lateinische Verse mit Noten versehen sind: das Donaueschinger Passionsspiel. Es war ehemals im Besitz der Fürstlich-Fürstenbergischen Hofbibliothek und liegt heute in der Badischen Landesbibliothek in Karlsruhe (Cod. Donaueschingen 137). Die Provenienz des Spiels und der Handschrift lassen sich nicht nur anhand des alemannischen Dialekts von Schreiber und Autor bestimmen, sondern v. a. auch aufgrund von drei in den Codex eingehefteten bzw. eingelegten Blättern, auf denen sich Dialogteile und der Bühnenplan des Villinger Passionsspiels befinden. Offensichtlich war die Handschrift im Besitz der Franziskanischen Klosterbibliothek in Villingen, von wo aus sie wohl 1794 an die Fürstenberger verkauft wurde.

Einige sprachliche Eigenheiten des Spiels (Latinismen im Deutschen) lassen auf einen geistlichen Verfasser schließen. Andererseits ist es für einen geistlichen Kontext erstaunlich, dass die Regieanweisungen auf Deutsch verfasst sind. Von einer breiten Beteiligung von Laien am Spiel ist daher auszugehen. Das 4177 Verse lange Passionsspiel wurde wohl in einer zweitägigen Aufführung auf einer weitläufigen Simultanbühne mit insgesamt 22 Bühnenständen aufgeführt; es umfasst insgesamt 142 Rollen; die Aufführung dürfte in der Hauptsache ein städtisches Ereignis gewesen sein.

Der Spieltext beginnt mit einer vom Gesang der Engel und der Synagoge umrahmten doppelten Vorrede: Der Knecht des Proclamators führt diesen ein, der wiederum den Sinn des Spiels erklärt: Man sehe hier in menschlicher natur / gar menig schön andächtig figur (V. 44f.). Die figuren (Szenen und Bilder), von menschlichen Darstellern präsentiert, sollen zur Andacht reizen; in figuren und ernstlicher geschicht (V. 62) soll das Leid Christi dargestellt werden. Die Betrachtung der Darstellung solle dazu helfen, dass wir vil der sunde miden (V. 56). Gerade auch die zu meidenden Sünden werden im Spiel dargestellt und scharf mit dem Heiligen kontrastiert.

Schon in der Anfangsszene werden die ersten Sünden vorgeführt: Maria Magdalena tanzt mit den Teufeln und mit den späteren Peinigern Christi einen deutlich sexuell konnotierten Tanz. Durch die Bergpredigt aber wird sie bekehrt. Es folgen nun die Versuchung Christi in der Wüste, Jesu Lehren im Tempel, verschiedene Wunderheilungen und die Tempelreinigung. Die Taten und Lehren Christi werden stetig kritisch kommentiert von den Juden, positiv von Joseph von Arimathea und Nikodemus. Damit ist das Gegenüber von Sündern und Gerechten konstant präsent. Die Fronten zwischen den Anhängern und den Feinden Christi verschärfen sich nach der Auferweckung des Lazarus, der Salbung in Bethanien und dem Einzug in Jerusalem: Während die Zuschauer zur Christus-Nachfolge aufgerufen werden, verschwören sich die Juden gegen ihn. Damit endet der erste Tag.

Der zweite Tag beginnt mit dem Abendmahl; es folgen das Gebet am Ölberg und die Gefangennahme, dann die Verhöre, die Geißelung, die Verurteilung, der Kreuzweg, die Kreuzigung und die letzten Worte Jesu am Kreuz, die Bekehrung des Hauptmanns und die Longinus-Szene. Maria und Maria Magdalena beklagen den Tod Christi und rufen die Zuschauer auf, sich ihnen anzuschließen. Nun tauchen auch die Personifikationen Christiana und Judäa unter dem Kreuz auf. Judäa spottet über Christus und führt damit ein mögliches falsches Publikumsverhalten vor. Christiana reagiert mit einer Aufforderung an das Publikum: Es solle sich zusammen mit ihr den Tod und die Leiden Christi, des Schöpfers aller Dinge, zu Herzen nehmen (nemend mit mir hie ze herzten / dissenn bittern tod vnd schmertzen / den hüt hat er gelitten Ihesus crist / der des himels vnd der erd ein schöpffer ist, V. 3618–21). Aber nicht nur das; Christiana fährt fort: O ir schwestern vnd brüder min / helffent mir rechen diese tat / an dem falschenn iudischen rat / die inn so schantlich getöttet hand (V. 3625–28). Mit diesen Worten ruft sie unmittelbar zum Progrom auf; an den falschen Juden soll die Ermordung Christi gerächt werden.

Nur kurz treten die beiden Personifikationen in den Hintergrund. Nach der Kreuzabnahme und Grablegung Christi setzt ein neuer Disput zwischen den beiden ein, unter dem Kreuz. Christiana erzählt die Heilsgeschichte von der Schöpfung bis zur Kreuzigung Jesu und verbindet schließlich Judaea, als Zeichen ihrer Verblendung, die Augen; sie bricht ihr Banner und droht: daz ir iudenn so mengerley / vber ihesum hatten erdacht / des werden ir in kümer vnd liden bracht (V. 3807–9): Die Juden sollen bald Kummer und Leid erfahren für ihre Behandlung Christi.

An diese erneute Aufforderung zur Rache an den Juden schließen sich die üblichen Szenen des Osterspiels an: die Bestellung der Grabwache, die Auferstehung, die Höllenfahrt Christi und ein ausführliches Lob Gottes durch die befreiten Seelen. Noch vor der Visitatio Sepulchri tröstet ein Erzengel Maria und erscheint auch Jesus seiner Mutter, um sie zu trösten. Dadurch ist eine besondere Innigkeit zwischen Maria und Gott zum Ausdruck gebracht, was mit einer besonderen Ausprägung der Marienfrömmigkeit im Umkreis der Franziskaner in Zusammenhang gebracht werden könnte. – Nach der Marienszene wird das Ostergeschehen fortgesetzt: Die Wächter erwachen, beschuldigen sich gegenseitig und verlassen das Grab. Es folgen die Salbenkrämerszene und die Visitatio Sepulchri. Mit der Nachricht an Petrus bricht die Handschrift ab; bis zu 12 Seiten Text dürften verloren sein.

Das Donaueschinger Passionsspiel ist außerordentlich dramatisch und bildreich gestaltet. Von Anfang an baut der Verfasser die Spannung zwischen den Juden und Christus auf; die Verschwörung gegen Jesus ist nicht ein spontaner Entschluss, sondern das Ergebnis eines langsam heranwachsenden Hasses. Umso negativer werden die Juden charakterisiert, im Gegensatz zum recht positiv gezeichneten Pilatus. Die Negativität der Juden erhält ihren deutlichsten Ausdruck in der Grausamkeit der Folterknechte Israel, Malchus, Moses, Jesse, Jechonias und Manasse. Um sie gebührend darzustellen, hat der Verfasser alle Möglichkeiten ausgeschöpft, die Psalmen und das Alte Testament auf die Passion hin zu lesen. So setzt er beispielsweise das Psalmenwort Et numerabo ossa mea (Ps 22,18) dahingehend um, dass Christi Gliedmaßen, weil die Löcher für die Kreuznägel zu weit auseinander gebohrt sind, gestreckt werden, bis sie die Bohrlöcher erreichen, wodurch in dem gespannten Körper jeder Knochen einzeln zu sehen ist. Schritt für Schritt beschreiben die Folterknechte ihre grausame Arbeit, bei der sie stets darauf bedacht sind, Christus mit unpassendem Werkzeug und unverschämten Bemerkungen möglichst große Schmerzen und Schmach zu bereiten, um ihn anschließend ander sunnen bratten (V. 3376) zu können. Grundsätzlich wird viel mit der Imagination der Zuhörer und Zuschauer gearbeitet; dennoch lassen sich Spuren einer ausgefeilten Bühnentechnik und Requisite nachweisen, die die Drastik des Geschehens der Passion auch optisch umsetzen sollten. Manche Anregungen sind dabei aus der bildenden Kunst entlehnt. Besonders deutlich wird dies am Beispiel des Selbstmords des Judas. Der Teufel oder eine dem Teufel verfallene Seele wird in der bildenden Kunst häufig durch einen Raben dargestellt. So heißt es hier in der Regieanweisung der Selbstmordszene, der Judasdarsteller solle einen schwarzen Vogel und einige Gedärme vor seine Brust halten, so als reiße ihm die Brust auf und entweiche ihm die dem Teufel verfallene Seele.

Drastik, Grausamkeit, Bildlichkeit fallen auf im Zeichnen von Freunden und Feinden Christi. Zu bedenken ist dabei, dass der Proclamator nicht die Rache an den Juden als den eigentlichen Zweck der Donaueschinger Passion bezeichnet, sondern die Betrachtung der Leiden Christi, um seine große Liebe zu erkennen und die Sünde zu meiden. Der ausgegrenzte, angefeindete und negativ überzeichnete Jude steht damit letztlich generell für die Sünde, die es zu meiden gilt. Je eindeutiger sie dargestellt ist, desto leichter soll es möglich sein, sie zu umgehen.

Die Wendung gegen jede Form der religiösen Verirrung, für die das Judentum nur exemplarisch steht, ist typisch für die so genannte alemannische Spielgruppe, der das Donaueschinger Passionsspiel zugesellt wird. Zu ihr gehört auch das Luzerner Osterspiel (1545–1616), dessen zweiter Spieltag sich in der Fassung von 1545 weitgehend mit dem Donaueschinger Passionsspiel deckt; beide Spiele gehen vermutlich auf eine gemeinsame Vorlage zurück, die in Luzern zu lokalisieren und um 1470 zu datieren ist. Man vermutet, dass dieses (zweitägige) Spiel wie das Donaueschinger Passionsspiel ein rein neutestamentliches Spiel war und erst später in Luzern noch alttestamentliche Szenen hinzugefügt wurden, in der Argumentation gegen den Protestantismus. In die alemannische Gruppe gehört auch das Züricher Passionsspiel von Jakob Rueff (1545) sowie das dem Donaueschinger Spiel räumlich und in der Überlieferung so nahe stehende oben bereits erwähnte Villinger Passionsspiel (1599), das rund 80 % des Textes von Rueff übernommen und sein Spiel „rekatholisiert“ hat.

Cora Dietl

Basisdaten

Ort: 78166 Donaueschingen
Bezirk: Südbaden
Land: Baden-Würtemberg

Informationen

Datierung: ? bis ?