Passions-spiele
in Bayern

Benediktbeuern Passionsspiele

(Großes) Benediktbeurer Passionsspiel

Am Ende des Codex Buranus (StB München, clm 4660), der vermutlich um 1225/30 am Hof des Bischofs von Seckau entstandenen Sammelhandschrift von lateinischen und deutschen Dichtungen, die nach dem langjährigen Aufbewahrungsort der Handschrift (Benediktbeuren) Carmina Burana heißen, sind insgesamt sechs geistliche Lieder aufgezeichnet: Das Benediktbeurer Weihnachtsspiel und der Ludus de Rege Aegypti bilden die vierte Abteilung der Handschrift, während unter den nachträglich in den Codex eingebundenen Nachträgen aus dem 13. Jahrhundert u. a. das (Große) Benediktbeurer Passionsspiel zu finden ist, verteilt auf die Seiten 107r–110r, 111r und (von anderer Hand geschrieben) 112v; dazwischen sind deutsche Verse Freidanks sowie einige lateinische Lieder eingeschoben.

Die Regieanweisungen sind im Benediktbeurer Passionsspiel rot hervorgehoben; ansonsten aber handelt es sich um eine keineswegs sorgfältige Abschrift eines älteren Textes. Der Dialekt der deutschen Passagen ist bairisch; geringe Einschlüsse des Mitteldeutschen könnten darauf hinweisen, dass dem Spiel mittelbar eine rheinische Quelle zugrunde lag. Der größere Teil des Textes aber ist in lateinischen Strophen verfasst. Fast der ganze Text ist neumiert, wurde also gesungen. Dadurch besitzt das Spiel einen liturgisch-feierlichen Charakter; seine Aufführung dürfte in monastischer Hand gelegen haben. Ob sie innerhalb einer Kirche stattfand oder vor ihr, ist schwer zu entscheiden. Möglich wäre eine Kirchenraumaufführung durchaus; die Forschung neigt aber bei umfangreicheren Spielen dazu, eine Aufführung im Freien anzunehmen. Aufgrund seiner Szenenvielfalt darf das Benediktbeurer Passionsspiel zu den umfangreicheren Spielen gezählt werden, auch wenn der überlieferte Text (der allerdings von vielen Liedern allein die Incipits verzeichnet) nur 289 Verse umfasst.

Nach einer ersten, nur kurz angedeuteten und sicherlich in der Überlieferung versehentlich verschobenen, Szene, in der Christus vor Pilatus verhört wird, setzt die Handlung mit dem öffentlichen Leben Christi ein: Wir sehen die Apostelberufung, die Heilung eines Blinden, das Mahl Christi beim Zöllner, den Einzug nach Jerusalem. Hier nun beginnt ein großer Szenenkomplex um Maria Magdalena: Jesus wird vom Pharisäer zum Mahl eingeladen. Dann wird das Weltleben der Maria gezeigt: Sie kauft Salben als Kosmetika. Ein Engel versucht, Maria zu bekehren, und weist sie auf Jesu Besuch bei Simon hin – vergeblich. Die Szenen wiederholen sich: Weltleben, Salbenkauf. Noch einmal spricht der Engel zu Maria, und weiter führt sie ihr Weltleben. Auf den dritten Versuch hin ist der Engel endlich erfolgreich: Maria Magdalena ist bekehrt. Nun geht sie wieder zum Salbenhändler, aber nicht mehr, um für sich, sondern um für Jesus eine Salbe zu kaufen. Sie geht und salbt ihn im Haus des Pharisäers. Jesus entgegnet nun bibelgetreu den entsetzten Einwürfen des Pharisäers (dass er so eine Frau zu sich lasse) und des Judas (dass er diese Verschwendung erlaube) und vergibt der Sünderin, die sogleich ein Klagelied auf Jesus anstimmt. Zur gleichen Zeit hegt Judas Rachepläne, da er sich um seinen Anteil am Verkaufswert der Salbe geprellt fühlt. Der sich hier zusammenbrauende Hass der Juden gegen Christus wird in der nächsten Szene gesteigert, bei der Auferweckung des Lazarus.

Nach dem nur pantomimisch dargestellten Abendmahl folgen das Ölberggebet Jesu und die Gefangennahme. Hier findet sich eine Variante des Ostertropus: Jesus fragt die Soldaten: Quem quaeritis? („Wen sucht ihr?“) und erhält die Antwort: Jesum Nazarenum. Auf seine Antwort hin (Ego sum) stürzen die Soldaten zu Boden. Das Geschehen wiederholt sich. Erst beim dritten Mal sind die Soldaten in der Lage, Hand an Jesus anzulegen. Das restliche Passionsgeschehen, die Verhöre und Peinigungen bis hin zur Verurteilung laufen schnell ab. Die Geißelung und Dornenkrönung ist nur in den Regieanweisungen erwähnt, ebenso wie der Kreuzweg, mit Ausnahme der Station der klagenden Frauen. Parallel zum Kreuzweg finden die Reue und der Selbstmord des Judas statt. Auch die Kreuzigung ist nur pantomimisch dargestellt.

Nachdem die Tafel mit der Aufschrift INRI (Jesus Christus Rex Iudeorum) angebracht ist, gerät der Handlungsgang durcheinander: Auf eine Klage der Maria, in der das Publikum zum Mitleid aufgerufen wird, folgen drei der insgesamt sieben Kreuzesworte: Jesus empfiehlt seine Mutter der Obhut des Johannes (2.Wort), dann spricht er „Mich dürstet“ (5. Wort). Er erhält den Schwamm mit Essig, trinkt und spricht dann das letzte Wort: Consummatum est („Es ist vollbracht“). Noch ist er aber nicht tot. Deshalb kommt jetzt Longinus und erteilt ihm den Gnadenstoß. Darauf folgt ein weiteres der traditionellen Worte Jesu am Kreuz: Hely, hely lama sabahtani („Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“: 4. Wort). Jesus stirbt, Longinus bekennt sich (mit den Worten, die in der Bibel der Hauptmann spricht: Vere filius dei erat iste) zu ihm und wird dadurch geheilt; Longinus ist gemäß mittelalterlicher Tradition blind und erhält durch das aus der geöffneten Seite Christi auf ihn herab rinnende Blut sein Augenlicht zurück. Jetzt erst beginnt die Verspottung Christi am Kreuz. Das Spiel endet schließlich auf fol. 112v mit der Bitte des Joseph von Arimathea, Jesus vom Kreuz abnehmen und bestatten zu dürfen.

Die Reihenfolge dieser Schlussszenen ist heillos verdorben. Was aber aus dem wirren Text doch ersichtlich wird, ist die Handlungsfülle dieses frühen Passionsspiels. Ganz offensichtlich kann man hier keine allmähliche Entwicklung aus der Liturgie oder gar aus einem Tropus heraus annehmen. Ein besonderes Gewicht kommt hier den Szenen zu, die das eigentliche Passionsgeschehen einleiten: Die Auferwec¬kung des Lazarus wird typologisch als Präfiguration der Auferstehung Christi verstanden, die Salbung durch Magdalena als Typus der Salbung des Leichnams Christi; die Magdalenenklage präfiguriert die Marienklage unter dem Kreuz, und die Absolution der Magdalena weist auf die Erlösung der Mensch¬heit durch Christi Tod und Auferstehung hin. Rein handlungstechnisch sind die Magdalenen- und die Lazarusszene zudem notwendig, um den Hass der Juden und des Judas zu erklären.

Auffällig ist die Verteilung der deutschen und lateinischen Sprache im Benediktbeurer Passionsspiel: Je näher die Szenen an die Bibel angelehnt sind, desto weniger Deutsch findet sich in ihnen. Das Deutsche wird auch oft nur als Paraphrase an bereits gesprochene lateinischer Texte angehängt. Eigenständige deutsche Redeteile finden sich nur in der Magdalenenklage, der Marienklage, der Longinusszene und der Schlussszene um Joseph von Arimathea und Pilatus. Sie gehen auf Legendenma¬terial und apokryphe Quellen zurück und sind daher ohne allzu große Bedenken in die deutsche Sprache umzusetzen.

Auffällig ist weiterhin die Verteilung von Rede und pantomimischer Darstellung: Abendmahl, Geißelung und Dornenkrönung, Kreuzweg und Kreuzigung, die zentralen Handlungsteile der Passion, sind nicht dialogisch ausgestaltet. Im Fall des Abendmahls wäre es denkbar, dass hier die üblichen liturgischen Worte eingesetzt werden sollten, die bekannt genug sind, um nicht aufgeschrieben werden zu müssen. Geißelung, Dornenkrönung, Kreuzweg und Kreuzigung aber dürften rein pantomimisch dargestellt worden sein. Alle direkt auf diese Szenen bezogenen Handlungsteile, wie die Gefangennahme, die Verhöre oder die Ver¬spottung Jesu am Kreuz, sind sehr knapp gehalten. Die ausführlichsten Teile des Spiels dagegen sind das Magdalenenspiel, das 40% des Gesamttextes abdeckt, und die Marienklage, die weitere 20 % des Textes in Anspruch nimmt. Diese weniger heiligen Szenen erlaubten eine Ausmalung, zugleich konnte in ihnen das Menschliche leichter hervorgehoben und damit dem Zuschauer eine Identifikationsmöglichkeit geboten werden. Damit verzichtet das Benediktbeurer Passionsspiel auf die „besten“ Möglichkeiten, die Grausamkeit der Passion darzustellen. Während es einerseits über die mitleidenden Frauen das neue gotische Christusbild einführt, bleibt es in der Repräsentation Christi und der Passion selbst dem romanischen Bild vom Herrschergott verhaftet. Diese Haltung ist insgesamt charakteri¬stisch für das frühe Passionsspiel.

Cora Dietl

Basisdaten

Ort: 83671 Benediktbeuern
Bezirk: Oberbayern
Land: Bayern

Informationen

Datierung: 1.Häfte 13.Jh. bis ?
Wird noch gespielt: Nein