Passions-spiele
in Bayern

Kemnath Ölbergspiele

Unter dem Einfluss franziskanischer Frömmigkeit entstand im ausgehenden 17. Jahrhundert die lyrisch-szenische Ölbergandacht, die an den sieben Donnerstagen der Fastenzeit in der Pfarrkirche gefeiert wurde. Der Bußpredigt eines Franziskanerbruders folgte die Darstellung der Todesangst Jesu am Ölberg durch mechanisch bewegte Figuren, vielleicht auch durch lebende Akteure, umrahmt von Wechselgesängen zwischen „einer Gott libendten Seel, und dem gecreuzigten Jesum“. Die „schönen Geistreichen Lider“ verweisen zunächst auf den engen Zusammenhang von menschlicher Sündhaftigkeit und Leidensgeschichte („ybel zuegericht voller Wundten / durch die sündt so mihr veryebt“), um sodann die Gemeinde eindringlich aufzurufen, in bußbereiter Umkehr, in der Nachfolge des Kreuzes den Weg zur Erlösung einzuschlagen: „Leide du wie ich geliden, / streitte du wie ich gestritten / droben Volgt die Ehren Cron / Groß und Ewig ist der Lohn.“

Neben dieser Form der dramatisch-bildhaft ausgestalteten Ölbergandacht ist für Kemnath auch ein regelrechtes Ölbergspiel belegt. Zwar lässt sich der Szenenkomplex nur anhand der Passion Comedi von 1731 und der Prozessionsordnung von 1764 erschließen, doch zeigen archivalische Quellen, dass der „Oehlbergs-Exhibition“ eigenes Gewicht zukam. Auf einer am Marktplatz errichteten Bühne, „welche den öellberg vorstellet“, erfuhr das biblische Geschehen im Garten Gethsemane eine effektvolle Ausgestaltung. Mit einer Unterredung zwischen Judas und dem Anführer der jüdischen Soldaten, die der Gefangennahme Jesu gilt, setzt das Spiel ein. Danach ist Jesus mit den schlafenden Jüngern am Ölberg zu sehen. Immer inbrünstiger, „voller Angst und Schmerzen“, bittet er den himmlischen Vater, sich seines „bluetigen Schweißes“ zu erbarmen. Nach den drei „Fällen“ erscheint der Trostengel, der ihn an seinen göttlichen Erlösungsauftrag erinnert. Mit einem Dankgebet kehrt Jesus schließlich zu Petrus, Johannes und Jakobus zurück, während sich Judas mit den Schergen nähert. Bibelgetreu (Joh 18,4-5) fragt Jesus die Schar: „Wen suechet Ihr?“ und erhält die Antwort: „Jesum von Nazareth“. Als er sich zu erkennen gibt, werden die Soldaten von einer plötzlichen Ohnmacht ergriffen, die der Spielautor mit mächtigen Sprachbildern in Szene setzt. Das Geschehen wiederholt sich. Erst beim zweiten Mal sind die Soldaten in der Lage, Jesus zu ergreifen. Nach der Heilung des Knechtes Malchus, dem Petrus bei der Verteidigung des Herrn ein Ohr abgeschlagen hatte, führt man ihn schließlich unter derben Schmähreden vor den Hohen Rat.

Ob die Ölbergszenen regelmäßig in eigenständiger Form zur Aufführung kamen, ist schwer zu entscheiden. Zumindest nach dem Verbot der Passion Comedi hatte die spielfreudige Gemeinde in der dramatischen Darstellung des „Ölbergs“ offenbar eine willkommene Alternative gefunden, was freilich ebenfalls auf den Widerstand der geistlichen Obrigkeit stieß. 1766 untersagte das bischöfliche Ordinariat in Regensburg die „Comoediantische Vorstellung“ der Gefangennahme Jesu mit der Begründung, weil dies „mit der höchsten Verehrung, so gegen das bittere leyden Christi zu tragen ist“, nicht zu vereinbaren sei. 

Manfred Knedlik  

Basisdaten

Ort: D-95478 Kemnath
Bezirk: Oberpfalz
Diozöse: Regensburg

Überlieferungen

Titel: Ölberg. Daß ist schöne Geistreiche Lider
Jahr: 1695
Typ: Textzeugnis

Informationen

Überlieferung: Original-Hs.
Umfang: 24 S.
Aufbewahrungsort: Bischöfliches Zentralarchiv Regensburg (OA Gen. 2010)
Edition: Knedlik 1993
Datierung: 1695-1764
Wird noch gespielt: Nein