Als aufstrebende Reichs- und Handelsstadt, die in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts eine künstlerische Blütezeit erlebte, nahm Memmingen mit einiger Sicherheit Anteil an der Entwicklung des geistlichen Spiels des ausgehenden Mittelalters, doch sind nur spärliche Aufführungsnachrichten überliefert, die sich auf Passions- oder Osterspiele beziehen lassen. Nach der handschriftlichen Chronik des Erhart Wintergärst wurde 1460, unter starker Beteiligung der Zünfte, ein zweitägiges osterspül … mit vil schönen figuren und reimen in Szene gesetzt. Auf dem heutigen Weinmarkt hatte man eine großflächige Simultanbühne errichtet. Das Spiel, dessen Text nicht überliefert ist, bot eine sichtbare Vergegenwärtigung des christlichen Heilsgeschehens, von der Passionsgeschichte (waz das leiden Christi) bis zur Verkündigung der Auferstehungsbotschaft.
Auch nach Einführung der Reformation (1522) zeigten Bürgerschaft und Stadtobrigkeit Interesse an der theatralischen Darbietung des Stoffes. 1559 spielte der Pritschenmeister Heinrich Wirre (Wirri) aus Solothurn, der als geschickter Darsteller der Leidensgeschichte Jesu Christi bekannt war, während dreier Tage die Passion. Vermutlich handelte es sich bei dieser fahrenden Schauspieltruppe um Puppenspieler. Als großes Bürgerspiel mit 70 Laiendarstellern kam 1562 ein feines Spil vom grossen Abendtmal und von den 10 Jungfrawen zu Aufführung. Einen regen Spielbetrieb entfaltete seit 1600 die örtliche Gesellschaft der Meistersinger, die 1616 auch eine Tragedia von dem Bitteren leiden, Sterben und Sygreichen Aufferstehung Unsers Herren und heylands Jesu Christj auf die Bühne des Salzstadels brachte. Danach verstummen die Nachrichten über Passionsspiele in der Reichsstadt.
Manfred Knedlik
Basisdaten
Ort: D-87700 Memmingen
Bezirk: Schwaben
Diozöse: Augsburg
Überlieferungen
Titel: Osterspiel
Jahr: 1460
Typ: Spielzeugnis
Titel: Tragedia von dem Bitteren leiden, Sterben und Sygreichen Aufferstehung Unsers Herren und heylands Jesu Christj
Jahr: 1616
Typ: Spielzeugnis
Informationen
Datierung: 1460/1616
Wird noch gespielt: Nein