Schwandorf, Haus des Guten Hirten


 

GESCHICHTE

Schwandorf, Schwestern vom Guten Hirten Förderung benachteiligter Mädchen und Frauen

 

Die Kongregation der Schwestern vom Guten Hirten, die 1840 eine erste deutsche Niederlassung in München eröffnete (siehe München, Kloster St. Gabriel), siedelte 1861 in der 30 Kilometer nördlich von Schwandorf gelegenen Burg Wernberg einen Konvent an. Die Schwestern führten dort in gemieteten Räumen eine „Beschäftigungsanstalt für gefallene weibliche Personen“ und eine „Rettungs- und Erziehungsanstalt für schulpflichtige verwahrloste Mädchen“. Der Standort hatte aber große Nachteile, da die Wasserversorgung für das Heim nicht gewährleistet war und die abgeschiedene Lage dazu führte, dass die Schwestern den betreuten Mädchen keine Arbeit vermitteln konnten. Daher beschloss der Konvent, in die Nähe der Stadt Schwandorf zu übersiedeln. Ende September 1866 erwarben die in Burg Wernberg ansässigen Ordensschwestern mit Zustimmung ihrer Provinzialoberin das Barockschloss in Ettmannsdorf (seit 1972 ein Ortsteil von Schwandorf) um 23.500 Gulden (heutige Adresse: Ettmansdorfer Str. 131). Zu diesem Anwesen gehörten noch ein Stadel, ein Holzhaus, ein Gärtnerhaus und ein großer Park. Die gesamte Anlage war jedoch in einem sehr heruntergekommenen Zustand. Noch im September 1866 zogen vier Schwestern und 35 Kinder aus Wernberg in das Ettmannsdorfer Schloss ein. Dazu kamen noch drei Schwestern aus München. Mit großem Aufwand führten sie die Renovierungen durch und richteten ein Kloster und ein Mädchenheim ein. Zuschüsse der Regierung und einzelner Wohltäter halfen dem Konvent bei der Finanzierung ihres Vorhabens. 1869 war die Einrichtung soweit fertiggestellt, das 60 bis 70 Mädchen aufgenommen werden konnten. Die Kinder wurden von staatlich geprüften Lehrerinnen unterrichtet und erhielten daneben auch eine Ausbildung in haus- und landwirtschaftlichen Arbeiten, im Nähen und Schneidern.

1888 hatten sich die wirtschaftlichen Verhältnisse des Klosters so weit stabilisiert, dass die Grundsteine für eine Hauskapelle und einen Anbau gelegt werden konnten. Am 9. Mai 1890 erfolgte die Einweihung der Klosterkirche zum Allerheiligsten Herzen Jesu in Ettmannsdorf. Die Finanzierung des Kirchenbaus war vor allem durch eine großzügige Schenkung der Ehegatten Max und Barbara Heigl ermöglicht worden. Sie fanden in einer Gruft unter dem Fußboden der Kirche ihre letzte Ruhestätte. In der Folgezeit wurde die Erziehungsanstalt mehrmals erweitert. Es entstanden neue Schul- und Schlafräume, ein Küchenbau und eine neue Ökonomie. 1904 gehörten dem Konvent in Schwandorf 62 Schwestern, 23 Chor-, 19 Laienschwestern und zehn Anwärterinnen an. Sie hatten 200 Schülerinnen zu betreuen.

Die bislang sehr positiv verlaufende Entwicklung des Bildungsinstituts erhielt durch den Ersten Weltkrieg, die Wirtschaftskrise der 1920er Jahre und unter den Repressalien des NS-Regimes einen drastischen Rückschlag. 1939 mussten die Schwestern die Klassenzimmer räumen und ein Lazarett einrichten. Die Krankenstation in ihrem Kloster wurde im Zweiten Weltkrieg mit bis zu 400 verwundeten Soldaten belegt. Im Dezember 1945 konnten die Schwestern wieder ihre Räume beziehen. In der Nachkriegszeit standen viele Renovierungen an. Auch erforderten die Änderungen der staatlichen Richtlinien für die Heimerziehung und Ausbildung immer wieder neue Anpassungen an die Bestimmungen. Im Jahre 1962 lebten im Kloster Ettmannsdorf 45 Ordensschwestern, eine freie Schwester, 35 weltliche Kräfte und ein Hausgeistlicher.

Seit 1981 konzentrierten sich die Schwestern mit Unterstützung der Katholischen Jugendfürsorge der Diözese Regensburg (KJF) auf die Förderung und Ausbildung von Jugendlichen, die schlechte Chancen auf dem Arbeitsmarkt hatten. Die KJF errichtete eine Berufsschule zur individuellen Lernförderung. In Laufe der 1980er Jahren zeichnete sich dann jedoch ein permanenten Rückgang der Ordensschwestern ab. Nachdem 1991 auch ein neues Kinder- und Jugendhilfegesetz in Kraft trat, das die Bildungsstätte in Ettmansdorf vor große Herausforderungen stellte, übernahm die KJF im Folgejahr die Trägerschaft der gesamten Einrichtung. Zu diesem Zeitpunkt gehörten dem Konvent noch 17 Schwestern an.

Die Diözese Regensburg und die KJF investierten über 12 Millionen Euro in die zeitgemäße Sanierung der Internats- und Ausbildungsbereiche, sowie die konzeptionelle und strukturelle Umwandlung des Hauses. In den folgenden Jahren wurden Werkstätten für Holz, Metall und Farbe, sowie eine Gärtnerei mit Baumschule und Gewächshäusern, eine Wäscherei, Wohngruppen für Jugendliche und Freizeiträume mit Cafeteria, Töpferei, Grillplatz und eine neue Turnhalle errichtet. Die Sanierung der Berufsschule St. Marien bildete den Abschluss. Damit hat man am Standort des Klosters in Ettmannsdorf für die Region Schwandorf und für die gesamte Oberpfalz ein modernes Zentrum der Jugendfürsorge- und Jugendsozialarbeit geschaffen. Es dient der Berufsvorbereitung und berufliche Ausbildung junger Menschen, die besondere Hilfen zur beruflichen und gesellschaftlichen Integration brauchen. 2016 besuchten rund 300 Jugendlichen aus der gesamten Oberpfalz die Berufsschule und diverse Fördermaßnahmen der Einrichtung; 126 von ihnen lebten im angeschlossenen Internat. Auch jugendlichen Flüchtlingen erhalten hier eine besondere Förderung.

Der Konvent der Schwestern vom Guten Hirten, der sich unter der Ägide der KJF weiterhin in der Einrichtung engagierte, wurde ab 1995 von Oberin Sr. Maria Christiana Halbinger geleitet (1931?2017). 1997 bestand er noch aus zwölf Schwestern; neun von ihnen waren damals bereits im Ruhestand. 2016 betreuten noch zwei Schwestern die Jugendlichen in ihrer Freizeit, getreu dem Motto ihres Ordens: „Immer auf der Seite der jungen Menschen“.

 

Christine Riedl-Valder



 

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