Würzburg, Franziskanerkloster


 

GESCHICHTE

Franziskanische Tradition seit 800 Jahren

Nach einem ersten gescheiterten Missionsversuch im Jahr 1219 unternahmen die Brüder des hl. Franziskus zwei Jahre später einen erneuten Versuch, in Würzburg Fuß zu fassen. Ausgehend von dem in Anwesenheit des hl. Franz (gest. 1226) zu Pfingsten 1221 in Assisi abgehaltenen Kapitel des Franziskanerordens, erreichten im November des gleichen Jahres mehrere Brüder unter der Führung des deutschen Minderbruders Cäsar von Speyer die Frankenmetropole. Als Bleibe erhielten sie von Bischof Otto I. von Lobdeburg (reg. 1207?1223) ein kleines Haus nahe der Bartolomäusklause am Rennweg; ihre Gottesdienste durften die Minderbrüder in der benachbarten Kapelle zur hl. Agnes feiern. Neben Augsburg, Regensburg (und wohl auch München) zählte Würzburg damit zu den ersten Niederlassungen des Franziskanerordens in Deutschland und erfreute sich bald großen Zulaufs: Noch im Jahr 1221 wurden drei junge Männer als Novizen aufgenommen.

Die wachsende Bedeutung des Würzburger Klosters kann daran abgelesen werden, dass dort bereits 1224 das dritte Kapitel der deutschen Ordensprovinz abgehalten wurde. Besondere Förderung erfuhren die Franziskaner durch Bischof Hermann I. von Lobdeburg (reg. 1224?1254). Als einer von drei im Jahr 1231 von Papst Gregor IX. in dessen Bulle „Nimis iniqua“ zum Protektor des Ordens in Deutschland ernannten Bischöfen, gab er diesem 1235 für sein Bistum Vollmachten, die sogar in die Rechte des Weltklerus eingriffen.

Unterstützt durch den Bischof und durch Schenkungen aus Kreisen der Gläubigen, konnten die Franziskaner im Jahr 1249 an die Stelle des heutigen Klosters, damals am südlichen Rand der mittelalterlichen Stadt, umziehen. Gegen den anfänglichen Widerstand des Kathedral- und Pfarrklerus wurde bei einer bereits bestehenden Valentinskapelle mit dem Bau von Kirche und Kloster begonnen. Im Jahr 1250 bestätigte Papst Innozenz IV. diese Translation und gestattete den Kirchenbau. 1257 förderte der gleiche Papst den Bau der Kirche durch einen Ablass, so dass sie um das Jahr 1280 vollendet und zu Ehren der Kreuzauffindung geweiht werden konnte. Die Franziskanerkirche ist damit nicht nur eines der ältesten gotischen Bauwerke in Würzburg, sie musste auch wegen ihrer Größe beeindrucken. Bei einer geschätzten Zahl von 6000 Einwohnern zu dieser Zeit konnte sie 1000 Gläubige aufnehmen.

Papst Innozenz IV. beauftragte die Würzburger Franziskaner im Jahr 1245 mit der Seelsorge in den Leprosenhäusern des Bistums. Die Brüder können tatsächlich bis in das 14. Jahrhundert im Leprosenhaus vor dem Sandertor oder im Sondersiechenhaus Wöllried nachgewiesen werden. Darüber hinaus widmete sich das Kloster theologischen Studien und verfügte über eine bedeutende Bibliothek. Diese wurde alleine durch den zeitweise als Guardian wirkenden Pater Johannes Sintram (gest. 1450) ? er hatte in Oxford studiert ? um 61 Handschriften vermehrt. Zu den Schätzen der Bibliothek zählten schließlich etwa 150 Handschriften des 13. bis 15. Jahrhunderts. Dazu kamen 364 Bände mit Wiegendrucken vor 1500. Für diese Bibliothek wurden 1714/15 neue Räume erbaut.

Der Würzburger Konvent war nie sehr groß und bestand im Jahr 1483 lediglich aus vier Priestern. 1517 verblieb Würzburg bei der Trennung der Franziskaner im Verband des älteren Ordenszweiges der so genannten Konventualen oder Minoriten und gehörte zur Oberdeutschen bzw. Straßburger Provinz des Ordens. Während des Aufstands des „gemeinen Mannes“ diente das Kloster im Frühjahr 1525 als eine Art Hauptquartier des Bauernheeres und erfuhr schwere materielle Verluste. Trotzdem überstand es die unruhigen Jahre von Bauernkrieg und Reformation relativ unbeschadet. 1559 zählte der Konvent jedoch lediglich drei, später gar nur noch zwei Mitglieder. Im Jahr 1566 predigte Petrus Canisius regelmäßig in der Franziskanerkirche und hielt für das Volk Katechesen.

Zu den großen Förderern der Franziskaner gehörte Fürstbischof Julius Echter (reg. 1573?1617). Er eröffnete am 2. Januar 1582 in der Klosterkirche feierlich die von ihm gegründete Würzburger Universität. Bei Antritt seiner Regierung war das Kloster in einem ruinösen Zustand. Unter Echter wurden deshalb zwischen 1611 und 1617 das Langhaus der Kirche und der Kreuzgang aus dem 13. Jahrhundert gewölbt. Damals wurde außerdem die Valentinskapelle südlich des Chores neu errichtet und durch Lazaro Agostino mit einem flachgesprengten Gewölbe versehen. Sein Scheitel weist ein Wappen des Julius Echter von 1612 auf, das Zacharias Juncker d. Ä. schuf. Der prächtige Valentinussaal oberhalb dieses Gewölbes diente für einige Zeit sogar als Hörsaal der Universität. Außerdem wurden die Konventsgebäude ausgebaut. An ihrem Portal findet sich ein Relief von Michael Kern d. J. mit der Darstellung der Stigmatisation des hl. Franz von Assisi aus dem Jahr 1613.

Während der Säkularisation wurde das Kloster 1803 zwar nicht aufgehoben, aber zum Aussterben verurteilt, da keine Novizen mehr aufgenommen werden durften. 287 ausgewählte seltene Bücher mussten an die Universitätsbibliothek und einige wertvolle Bilder nach München abgeliefert werden. 1839 erlaubte König Ludwig I. den zwei noch lebenden Patres die Aufnahme von Novizen, die aus Südtirol geholt werden mussten. Nach Instandsetzungsarbeiten konnte 1842 die Kirche wieder für den Gottesdienst geöffnet werden. Eine umfangreichere Renovierung fand 1880?1882 nach den Plänen des Regensburger Domvikars Dengler statt.

Im Zweiten Weltkrieg war das Kloster teilweise von Einheiten der Wehrmacht besetzt. Im Keller des zugehörigen Schönthaler Hofs hatte sich eine Luftwaffen-Spezialabteilung eingerichtet. Ein Bombenangriff vom 3. März 1945 richtete sich deshalb offenbar direkt gegen das Kloster und zerstörte es nahezu vollständig. Unter schwierigsten Bedingungen wurden Kloster und Kirche in vereinfachten Formen bis 1950/52 wieder hergestellt. 1954 konnte der Schönthaler Hof als Seminarhaus ebenfalls bezogen werden. 1986 wurde die Klosterkirche durch einen Brand erneut beschädigt, wurde aber bis 1988 renoviert. Die Bausubstanz betreffend, fielen in den folgenden Jahrzehnten weitere Renovierungsprojekte an, zuletzt die aufwändige Dachsanierung des Klosters in den Jahren 2002/2003. Im Jahr 2012 wurde die Außenfassade der Klosterkirche saniert. Die Innenrenovierung wurde im Herbst 2013 zum Abschluss gebracht.

Von der ursprünglichen Kirche des 13. Jahrhunderts hat sich nur der vierjochige, gerade geschlossene Chor mit Kreuzrippengewölbe erhalten. Das dreischiffige Langhaus war ehedem eine flachgedeckte Säulenbasilika mit Arkaden und Lichtgaden. Als Vorbild diente vermutlich die 1804 abgebrochene Franziskanerkirche St. Madeleine in Paris. Die Klosterkirche war als Grablege sehr beliebt. Davon zeugen noch immer 18 künstlerisch meist herausragende Grabsteine, darunter einige aus der Werkstatt von Tilman Riemenschneider.

Heute ist das Kloster Würzburg Sitz der Franziskaner-Minoriten Provinz St. Elisabeth mit dem Provinzialministers, der Provinzverwaltung und dem Provinzarchiv. Zur Ordensprovinz Sankt Elisabeth gehören aktuell (2021) 40 Brüder und neben Würzburg fünf weitere Niederlassungen. Auch die älteren und kranken Ordensmitglieder können im Würzburger Konvent entsprechend ihrer Bedürfnisse gepflegt werden. Außerdem ist hier das Juniorat angesiedelt, also der Ausbildungsort für die Brüder nach dem Noviziat. Der Würzburger Konvent ist heute deutschlandweit das älteste erhaltene Kloster des Ordens. Die Feierlichkeiten zum 800jährigen Jubiläum musste 2021 jedoch aufgrund der Pandemie um ein Jahr verschoben werden.

Dem Konvent unter der Leitung von Guardian Bruder Adam Kalinowski gehören derzeit (2021) 15 Brüder aus mehreren Nationen im Alter zwischen 30 und 84 Jahren an. Schwerpunkt ihrer Tätigkeit ist die Seelsorge an der Franziskanerkirche, die Aushilfe in anderen Kirchen und die Krankenhausseelsorge an der Würzburger Universitätsklinik. Einige Schwesterngemeinschaften in Würzburg, sowie die Pfarreien Kist und Reichenberg werden ebenfalls von den Brüdern seelsorglich betreut. Außerdem arbeiten die Brüder als Dozenten religiöser Kurse im gesamten Bundesgebiet. Eine mittlerweile in der ganzen Stadt bekannte Institution der tätigen Nächstenliebe ist die von den Franziskanern 2003 gegründete „Würzburger Straßenambulanz“: Die Brüder bieten Wohnsitzlosen eine medizinische und pflegerische Versorgung an und verteilen an Bedürftige an der Klosterpforte kostenlose Brotzeiten.


(Erich Schneider / Christine Riedl-Valder)

Link

https://www.franziskanerkloster-wuerzburg.de/



 

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