Jüdisches Leben
in Bayern

Wiesenfeld Synagoge

Aus einem Bericht des Hutten´schen Patrimonialgerichts Steinbach an die Kreisregierung in Würzburg im Jahr 1817 geht hervor, dass es bereits um 1717 eine „Schul“ in Wiesenfeld gab. Sie war um 1787 zu klein geworden und wurde dann durch eine freistehende Synagoge ersetzt. Mit Erlaubnis der Freiherrn von Hutten hatte man sie auf einem der herrschaftlichen Grundstücke im Nordosten des Ortes errichtet. Die Judenschaft musste für ihre Nutzung jährlich einen Grundzins bezahlen. 

Bei dem Bau handelte sich wohl um den „alten Judenhof“ (alte Hausnr. 148), der im heutigen Anwesen Karlstadter Straße 5 stand. Der einstöckige Fachwerkbau über rechteckigem Grundriss hatte an der Ostseite einen Erker für den Toraschrein. Dieses Gebäude war um 1857 baufällig geworden. Er verlor deshalb seine Funktion. Nachdem er 1861 versteigert worden war, hat man ihn stabilisiert und mit einem großen Tor ausgestattet und in der Folgezeit als Scheune genutzt (2012 abgerissen). Da die Behörden die Benutzung der alten Synagoge wegen Einsturzgefahr verboten, feierte die jüdische Gemeinde vorübergehend im Privathaus von Baruch Schild (Haus-Nr. 77, heute: Schätzleinsgasse 1) die Gottesdienste.

Für den Synagogen-Neubau wurde der nordwestlich der alten Synagoge gelegene Untere Huttenhof (Haus-Nr. 100, heute: Ecke Schloßmannstr./Erlenbachstr.) angekauft. Die Kultusgemeinde versteigerte 1861 das alte Wohnhaus und die Ställe auf Abbruch und schloss mit Maurermeister Georg Deppisch aus Gauaschach den Bauvertrag. Am 25. März 1863 konnte Distriktsrabbiner Seligmann Bär Bamberger den neuen Sakralbau feierlich seiner Bestimmung übergeben. Die solitär auf einem kleine Platz stehende, aus rötlichem Sandstein errichtete und in neugotischer Formensprache gestaltete Synagoge hob sich bewusst von der umgebenden Bebauung ab und vermittelte das Selbstbewusstsein der damaligen jüdischen Gemeinde. Renovierungsarbeiten am Haus standen 1929 an; bei dieser Gelegenheit ließ die Kultusgemeinde einen neuen Fußboden und ein hölzernes Tonnengewölbe einbauen.

Am 27. Februar 1938 beging die Kultusgemeinde feierlich das 75-jährige Bestehen ihrer Synagoge. Einige Monate später jedoch drangen am Nachmittag des 10. November SA-Leute aus Lohr in den Sakralbau ein und verwüsteten ihn völlig. Der Mob schleppte die Torarollen und Gebetbücher auf den Hof und zündete sie mit all den anderen, aus jüdischen Haushalten geraubten Utensilien an. Sie schändeten alle Ritualien, die sie finden konnten, verbrannten die Bänke und Sitze und zerbrachen alle Fenster und Lampen. Die jüdische Gemeinde, die damals noch aus 11 Familien bestand, hatte nun keinen Ort mehr, an dem sie sich zum gemeinsamen Gebet versammeln konnte. Ihrer Bitte, in einem Privathaus Gottesdienst feiern zu dürfen, wurde mit Einschränkungen entsprochen.

 

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs war in der ehemaligen Synagoge einige Zeit lang eine Schuhfabrikation untergebracht. nachfolgende Besitzer nutzten sie als Lager und Viehstall. Abrissanträge in den Jahren 1961 und 1975 kamen nicht zur Ausführung. 1993 erwarb die Stadt Karlstadt das nun unter Denkmalschutz stehende Gebäude, veranlasste eine Bestandsaufnahme und ließ es bis 1997 zu einem kulturellen Begegnungszentrum ausbauen. Eine hier angebrachte Gedenktafel soll an die Geschichte der jüdischen Gemeinde Wiesenfeld erinnern und zu Frieden, Freiheit und Toleranz mahnen.

 

(Christine Riedl-Valder)

Literatur

  • Generaldirektion der Staatlichen Archive Bayerns (Hg.) / Cornelia Berger-Dittscheid (Bearb.): Mehr als Steine. Synagogen in Unterfranken. Eine Ausstellung des Staatsarchivs Würzburg in Kooperation mit dem Team des Synagogen-Gedenkbands Bayern und dem Beauftragten der Bayerischen Staatsregierung für jüdisches Leben und gegen Antisemitismus, für Erinnerungsarbeit und geschichtliches Erbe. München 2021 (= Staatliche Archive Bayerns - Kleine Ausstellungen 68), S. 73-76.
  • Hans Schlumberger / Cornelia Berger-Dittscheid: Wiesenfeld. In: Wolfgang Kraus, Gury Schneider-Ludorff, Hans-Christoph Dittscheid, Meier Schwarz (Hg.): Mehr als Steine... Synagogen-Gedenkband Bayern, Bd. III/1: Unterfranken, Teilband 1. Erarbeitet von Axel Töllner, Cornelia Berger-Dittscheid, Hans-Christof Haas und Hans Schlumberger unter Mitarbeit von Gerhard Gronauer, Jonas Leipziger und Liesa Weber, mit einem Beitrag von Roland Flade. Lindenberg im Allgäu 2015, S. 359-380.