Jüdisches Leben
in Bayern

Veitshöchheim Synagoge

Spätestens Ende des 17. Jahrhunderts konnte die Judenschaft in Veitshöchheim denn Minjan erfüllen und durfte gemeinsam die Gebete sprechen. Über eine Synagoge aus der damaligen Zeit ist jedoch nichts bekannt.

Der wohlhabende Israelit Samuel Isak ließ sich im 2. Viertel des 18. Jahrhunderts am nördlichen Ortsausgang ein prächtiges Bürgerhaus (Haus Nr. 179, heute: Thüngersheimer Straße 19) erbauen und veranlasste Ende der 1720er Jahre, dass am anderen Ende seines großen, langgestreckten Grundstücks eine Synagoge errichtet wird (Haus Nr. 161 ¾, heute: Mühlgasse 6). Diesen Sakralbau übergab er am 1. Februar 1730 der Kultusgemeinde zur Nutzung; sein Sohn Moses vererbte ihn 1746 endgültig der jüdischen Gemeinde.

Die Parzelle gehörte zu einem Lehen des Prämonstatenserklosters Oberzell. Deshalb war die jüdische Gemeinde diesem Kloster bis Ende des 18. Jahrhunderts zinspflichtig. Die Synagoge wurde als dreigeschossiger Massivbau über fast quadratischem Grundriss errichtet und mit einem Halbwalmdach gedeckt. Ein kleiner Pallisch an der Westseite führte ursprünglich von Süden (später auch von Norden) in die Männerabteilung des Betsaales. Im nördlichen Teil der Westfassade lag auch der Eingang zur Frauenempore, zum Schulzimmer und zur Lehrerwohnung. Ein separater Zugang an der Ostseite führte in die Mikwe. Wie im aschkenasischen Judentum üblich, standen im Betraum die Männerstühle entlang der Wände und waren auf die zentral stehende Birna ausgerichtet. Die Frauenstühle befanden sich auf der Westempore. Im Gegensatz zum Außenbau, der sehr schlicht gehalten war, hatte die Synagoge im Inneren eine prachtvolle Ausstattung. Gut situierte Gemeindemitglieder spendeten unter anderem große Hängeleuchter und einen 60 cm hohen Chanukka-Leuchter aus Messing, sowie einen kostbaren Parochet.

Um 1900 hat man die Synagoge umfassend renoviert und neu gestaltet. Der Toraschrein erhielt seinen Platz an der Ostwand. Die neuen Männerbetstühle wurden davor in Reihen angeordnet. Die Wände und die Decke bekamen eine neue Farbfassung im Jugendstil. Der Fußboden wurde etwas angehoben und neu gefliest. Zu Beginn des 20. Jh. erhielt der Betsaal auch eine elektrische Beleuchtung.1920 erfolgte durch den Würzburger Rabbiner Dr. Siegmund Hanover die feierliche Übergabe einer Gedenktafel für die Weltkriegsteilnehmer. Sie wurde neben dem Toraschrein an der Ostseite der Synagoge angebracht.

Im Sommer 1937 verkaufte Max Straus sein Haus an der Thüngersheimer Straße 19 an die Kommune. Das jüdische Gemeindehaus mit Synagoge, das auf dem Grundstück stand, blieb aber vorerst noch im Besitz der Kultusgemeinde. Die Judenschaft umfasste im August 1938 nur noch zehn Mitglieder und konnte aus diesem Grund keine gemeinsamen Gottesdienste mehr feiern. Die Ritualien aus der Synagoge wurden dem Verband Bayerischer Israelitischer Gemeinden im München übergeben, wo sie der Zerstörung zum Opfer fielen. Während des Novemberpogroms 1938 erlitt die Veitshöchheimer Synagoge keine nennenswerten Schäden. Danach fiel das Gebäude mehr oder weniger kostenlos in den Besitz der Kommune, die es 1940 zum Feuerwehrhaus umbaute. Dabei hat man den westlichen Vorbau abgerissen und ein großes Rundbogentor am West- und Ostgiebel in die Außenmauer gebrochen. Der 55 cm tiefer liegende Betsaal wurde mit Bruchstücken der zerschlagenen Ausstattung verfüllt und dann als Lagerraum für die Geräte genutzt.

1986 fand man im Bauschutt die Scherben der Gedenktafel für die 16 Israeliten aus Veithöchheim, die am Ersten Weltkrieg teilgenommen hatten. Die weitgehend rekonstruierte Tafel hängt heute wieder an der ursprünglichen Stelle an der Ostwand der Synagoge. Daneben entdeckte man im Schutt zahlreiche weitere, zum Teil noch aus der Barockzeit stammende Ausstattungsstücke, so dass die einstige Synagoge in ihrer Fassung und Ausstattung fast vollständig rekonstruiert werden konnte. Auf dem Dachboden der Synagoge stieß man 1986 auch auf jüdische Kult- und Alltagsgegenstände, sowie eine umfangreiche Genisa. Wichtige Schriftstücke daraus sind heute im Jüdischen Kulturmuseum Veitshöchheim (Thüngersheimer Str. 17/19, Mühlgasse 8) ausgestellt. 1998 wurde das „Genisaprojekt Veitshöchheim“ mit einer Forschungsstelle gegründet. Durch sie werden seitdem die Genisa-Funde aus Unter- und Oberfranken erfasst, in einer Datenbank gesammelt und über das Internet zugänglich gemacht.

 

(Christine Riedl-Valder)

Adresse / Wegbeschreibung

Thüngersheimer Straße 19, 97209 Veitshöchheim

Literatur

  • Alex Töllner / Hans-Christof Haas: Veitshöchheim. In: Wolfgang Kraus, Gury Schneider-Ludorff, Hans-Christoph Dittscheid, Meier Schwarz (Hg.): Mehr als Steine... Synagogen-Gedenkband Bayern, Band III/1: Unterfranken, Teilband 1. Erarbeitet von Axel Töllner, Cornelia Berger-Dittscheid, Hans-Christof Haas und Hans Schlumberger unter Mitarbeit von Gerhard Gronauer, Jonas Leipziger und Liesa Weber, mit einem Beitrag von Roland Flade, Lindenberg im Allgäu 2015, S. 819-839.
  • Theodor Harburger: Die Inventarisation jüdischer Kunst- und Kulturdenkmäler in Bayern, hg. von den Central Archives for the History of the Jewish People, Jerusalem, und dem Jüdischen Museum Franken – Fürth & Schnaittach, Bd. 3. Fürth 1998, S. 742-751.