Jüdisches Leben
in Bayern

Mühlhausen/Mittelfranken Synagoge

Eine erste Synagoge muss in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts im Ort gestanden haben. Über Standort und Aussehen ist nichts bekannt.

Im Jahr 1686 war die erste Synagoge baufällig und „nicht mehr anständig“. Die Gemeinde pachtete ein Grundstück im Schlossgarten (heute Schlossweg 5) und errichtete einen Neubau. Da aber auch dieses neue Gotteshaus bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts nicht mehr ausreichte, wurden Pläne für einen weiteren Neubau erstellt.

1754 erwarben die Mühlhausener Juden das Synagogengrundstück als Gemeineigentum. Am 17. September 1755 unterschrieb Vorsteher David Samuel einen detaillierten „Bau-Contract“ mit Maurermeister Johann Scheuber aus Höchststädt a. d. Aisch, der die alte Synagoge abreißen und nach dem Vorbild der Synagoge in Baiersdorf ein neues, größeres Gotteshaus errichten sollte.  Scheuber stellte das zweigeschossige Bauwerk wohl bis Anfang 1757 weitgehend fertig, ab Juni konnte es benutzt werden. Wegen Differenzen über die vertraglich festgelegten Ausführungen endete das Projekt in einem langwierigen Gerichtsprozess zwischen Scheuer und der Kultusgemeinde, die sich jedoch größtenteils vor dem freiherrlichen Hofgericht durchsetzen konnte. Im Osten befand sich der über beide Geschosse reichende Betsaal mit einem Misrachfenster und drei hohen Fensterbahnen im Norden und Süden. An ihn schlossen sich die Wohnung des Rabbiners und die Schulräume an. Das aufwendig gestaltete (aber heraldisch missglückte) Wappen der Freiherrn von Egloffstein bekrönt den Eingang der Synagoge.  Rechts daneben ist ein Hochzeitsstein mit einer sechsblättrigen Blüte und der hebräischen Inschrift „Stimme der Wonne und Stimme der Freude, Stimme des Bräutigams und Stimme der Braut“ in die Wand eingefügt. Der Spruch „Ich will singen [dem] Herr[n]“ ergibt als Chronogramm die Jahreszahl 5516 (1755/56).  Im Betsaal sind die Stichkappen über den Fenstern mit einem hervorragendem Stuckwerk im Rokokostil ausgeschmückt. In der Deckenmitte prangt ein Lapislazuli-blauer Rocaillespiegel, der inmitten wolkenartiger Ranken ein Dreieck als Symbol Gottes mit den hebräischen Anfangsworten von Jesaja 40,26 trägt: „Hebt eure Augen in die Höhe“.

Eine Mikwe scheint es im Gebäude jedoch nicht gegeben zu haben – erst 1832 kaufte die Kultusgemeinde ein Grundstück in der Judengasse, um dort eine öffentliche Mikwe zu erbauen. Dieses Ritualbad verlor an Bedeutung, als Moses Trittmann in seinem Anwesen eine moderne Warmwasser-Mikwe einrichtete und in der Folge weitere private Bäder entstanden. Eine Neueinweihung der Synagoge fand nach einer grundlegenden Renovierung des Gebäudes statt; finanziert wurde sie durch den unverhofften Nachlass des Salomon Abraham aus London, der seinem Geburtsort dreißig Guineen vermachte hatte. Bankreihen ersetzten nun die traditionellen Betstühle, wodurch der Betsaal im Aufbau mehr einer christlichen Kirche ähnelte. 1909 wurde das gebrauchsunfähige Badehaus verkauft und vom neuen Eigentümer abgerissen.

Nach dem Novemberpogrom 1938 stand auch die verwüstete Synagoge leer und wurde am 2. Oktober 1939 an einen Viehhändler in Mühlhausen verkauft. Dieser ließ in die Westfassade eine große Einfahrt brechen, im Betsaal zog eine Schreinerei ein. Nach Kriegsende und einer Einigung mit dem JRSO blieb das Synagogengebäude im Privatbesitz und wurde Ende der 1960er Jahre an einen Landwirt verkauft. Seit 2018 will das Forum Alte Synagoge Mühlhausen e. V. die historische Synagoge als Begegnungsstätte restaurieren und hat erste Veranstaltungen im Gebäude organisiert. 2019 unternahm die Universität Bamberg erste Bauuntersuchungen, denen eine umfassende Restaurierung folgen soll, und deckte 2020 eine Genisa mit religiösen Artefakten auf.

Literatur

  • Haas, Hans-Christof: Mühlhausen, in: Wolfgang Kraus, Berndt Hamm, Meier Schwarz (Hrsg.): Mehr als Steine... Synagogen-Gedenkband Bayern, Band 2: Mittelfranken. Erarbeitet von Barbara Eberhardt, Cornelia Berger-Dittscheid, Hans-Christof Haas und Angela Hager unter Mitarbeit von Frank Purrmann und Axel Töllner mit einem Beitrag von Katrin Keßler, Lindenberg i. Allgäu 2010, S. 434-447
  • Harburger, Theodor: Die Inventarisation jüdischer Kunst- und Kulturdenkmäler in Bayern, hg. von den Central Archives for the History of the Jewish People, Jerusalem, und dem Jüdischen Museum Franken – Fürth & Schnaittach., 3 Bde., Fürth 1998, Bd. 3, S. 397