Jüdisches Leben
in Bayern

Mittelsinn Synagoge

Wohl schon im 18. Jh. erhielt die jüdische Gemeinde, die 1740 bereits neun Familien umfasste und deshalb vermutlich einen Minjan bilden konnte, eine erste Synagoge im Ortszentrum (Alte Hausnr. 61, heute : Hauptstr. 69). Das Grundstück, auf dem der Bau entstand, könnte zum Besitz des Würzburger Juliusspitals gehört haben. 

Da Mittelsinn bis 1863 unter der gemeinsamen Herrschaft von Kurhessen und dem Bayerischen Königreich stand, gab es im 19. Jh. zwei Kultusgemeinden. Sie unterhielten und nutzten sowohl die Synagoge als auch die Mikwe gemeinsam und mussten sich in gottesdienstlichen Fragen stets erst untereinander abstimmen, um zu einer Entscheidung zu gelangen. 1851 konnte man eine Einigung über eine gemeinsame Gottesdienst-Ordnung erzielen.

Da der alte Synagogenbau stark reparaturbedürftig war, plante man seit den 1860er-Jahren einen Umbau dieses Gebäudes. Der Aschaffenburger Distriktsrabbiner Abraham Adler genehmigte die von dem Burgsinner Zimmermeister Peter Herget 1865 vorgelegten Pläne. Doch die Kultusgemeinde sah sich außer Stande, die Finanzierung des Vorhabens zu schultern. Nach einer in den umliegenden Gemeinden durchgeführten Kollekte verzögerte der Preußisch-Österreichische Krieg 1866 die Baumaßnahmen. Da die alte Synagoge dann ein Jahr später infolge eines Wolkenbruchs schwer beschädigt wurde, entschloss man sich zu einem Neubau. 1868 erwarb die Kultusgemeinde deshalb das ehemalige kurhessische Forstamtsgebäude im Süden des Orts in der Judengasse (alte Haus-Nr. 30, heute: Fellenbergstr. 12 u. 14) und ließ es zu einem Gemeindehaus mit Synagoge, Unterrichtsraum und Lehrerwohnung umbauen. Am Wochenende des 20.- 22. Oktober 1871 erfolgte die feierliche Einweihung des Sakralbaus.

Während des Novemberpogrom 1938 zerstörten die Nationalsozialisten die Inneneinrichtung der Synagoge völlig und vernichteten alle Ritualien. Im Hof des Anwesens wurde ein Feuer entzündet und darin vermutlich die Torarollen, die Gebet- und Schulbücher verbrannt. Auch die übrigen Gebäudeteile wurden schwer beschädigt. 1940 ging das verwüstete Anwesen in Privatbesitz über.

1949 stellte der Baufachmann der JRSO fest, dass das Synagogengebäude aufgrund von Feuchtigkeitsschäden, Balkenfäulnis, Schwammbefall und mechanischen Zerstörungen unbrauchbar geworden war. Bewohnbar war nur der Schultrakt im Osten. Daher wurde der einstige Sakralbau 1959 abgerissen. Vom Schulflügel blieben einige Mauerreste erhalten. An der Stelle des ehemaligen jüdischen Gemeindehauses wurde ein Wohnhaus erstellt (Fellenbergstraße 12 u. 14). Am gegenüberliegenden Haus hat man eine Gedenktafel mit folgendem Text angebracht: "Gegenüber stand einstmals die Synagoge der jüdischen Gemeinde Mittelsinn. Zur Erinnerung und Mahnung".

(Christine Riedl-Valder)

Literatur

  • Schlumberger, Hans / Berger-Dittscheid, Cornelia: Mittelsinn, in: Wolfgang Kraus, Gury Schneider-Ludorff, Hans-Christoph Dittscheid, Meier Schwarz (Hrsg.): Mehr als Steine... Synagogen-Gedenkband Bayern, Band III/1: Unterfranken, Teilband 1. Erarbeitet von Axel Töllner, Cornelia Berger-Dittscheid, Hans-Christof Haas und Hans Schlumberger unter Mitarbeit von Gerhard Gronauer, Jonas Leipziger und Liesa Weber, mit einem Beitrag von Roland Flade, Lindenberg im Allgäu 2015, S. 277-293