Jüdisches Leben
in Bayern

Miltenberg Synagoge

Die erste Synagoge in Miltenberg wird aus stilistischen Gründen auf die Zeit um 1290 datiert. Sie hat sich glücklicherweise bis heute erhalten und zählt zu den frühesten Synagogen Deutschlands (Standort: im Hinterhof von Hauptstraße 199/201). Der kleine, aus heimischen Quadermauerwerk (Rotsandstein) gemauerte Saalbau (9,20 m lang, 6,40 m breit) verfügt über zwei rechteckige Joche mit steinernen Rippengewölben, die auf einen gewissen Wohlstand der Gemeinde schließen lassen. Die Männersynagoge hat eine Höhe von 8,30 m. Die Frauensynagoge war vermutlich ursprünglich ein angegliederter Raum an der West- oder Nordseite des Gebäudes. Der Sakralbau liegt erhöht am Fuß des Burgfelsens am Rand des ältesten Siedlungsgebietes der Stadt, des sog. Schwarzviertels. Die Synagoge in Miltenberg wird erstmals 1335 in einem Gebetbuch erwähnt. Aus dieser Zeit stammt wohl auch der mit Laubwerk geschmückte gotische Giebel des einstigen Toraschreins, der sich erhalten hat und im Stadtmuseum aufbewahrt wird.

Nach dem Protest einiger Miltenberger Juden gegen eine Sondersteuer des Reiches beschlagnahmte der Mainzer Erzbischof 1429 alle Einrichtungen der Kultusgemeinde. Danach wurde der Sakralbau vermutlich nicht mehr als Synagoge genützt. Der Mainzer Erzbischof Dieter von Isenburg verschenkte das gesamten Grundstück 1461 an den Priester der Muttergotteskapelle in Miltenberg. Aus der damals ausgestellten Urkunde geht hervor, dass der Gebäudekomplex neben der Männer- und Frauensynagoge auch einen Hof, eine Keller (eventuell mit Mikwe), einen Gang, einen Garten und einen Brunnen umfasste. Im Nachbarhaus wohnte der „Schulklopfer“. 1562 ging das Anwesen in das Eigentum eines Privatmannes über.

Nachdem sich die jüdische Gemeinde um die Mitte des 18. Jh. sehr vergrößert hatte, kaufte sie die „uralte Judenschuhl mit anliegendem Gärtlein“ 1755 von dem damaligen Besitzer Joseph König zurück. Die Synagoge wurde renoviert. Dabei hat man einige Fenster vergrößert, eine Empore für die Frauensynagoge eingebaut und eine neue Farbfassung angebracht. Der mittelalterliche Sakralbau leistete in den folgenden hundert Jahren gute Dienste.

Mitte des 19. Jh. stand wiederum eine umfassende Erneuerung und Vergrößerung des Hauses an. Nach langwierigen Planungen und einer durchgeführten Kollekte, die wenig Ertrag brachte, entschied sich die Kultusgemeinde letztlich zum Verkauf der alten Synagoge. Sie ging 1877 in das Eigentum eines Bierbrauers über, der das Gebäude in das Betriebsgelände der Brauerei Kalt-Loch integrierte. Er unterteilte das Haus in zwei Geschosse und ließ ein neues Dach mit Fachwerkgiebel anbringen. Als neuen Versammlungsort erwarb die jüdische Gemeinde stattdessen das Wohnhaus Nr. 174 in der Riesengasse (heute: Riesengasse 9). Dabei handelte es sich um die nördliche Hälfte eines Doppelhauses, das hinter dem Gasthaus „ Zum Riesen“ stand. Das zweigeschossige Gebäude auf nahezu quadratischem Grundriss bot Platz für einen Unterrichtsraum und eine Lehrerwohnung im Erdgeschoss, sowie einen Betsaal im Obergeschoss. Es war lediglich als Übergangslösung gedacht, bevor man die nötigen finanziellen Mittel zur Verfügung hatte, um einen neuen Synagogenbau in Angriff zu nehmen.

Ab 1889 sammelte der „Israelitische Synagogen- und Schulhaus-Bau-Verein“ Geld für den geplanten Bau. Zum Gelingen trugen viele Spenden von wohlhabende auswärtigen Juden bei, die diese für ihre einstige Heimatgemeinde aufbrachten. 1898 hat man zwei Grundstücke bei der Stadtmauer am Main erworben (heute: Mainstraße 57). Zu einem von ihnen gehörte der öffentliche Fischerbrunnen, der nach dem Bau des städtischen Wasserleitungsnetzes nicht mehr gebraucht wurde, und der der geplanten Mikwe dienen konnte. 1903 erfolgte die Grundsteinlegung zu einem repräsentativen überkuppelten Zentralbau in neoromanischer Formensprache für die Synagoge und angeschlossenem Recheckbau für Schulzimmer, Lehrerwohnung und Ritualbad im Keller. Die Planung und Bauleitung lag in den Händen von Stadtbaumeister Ludwig Frosch. Die feierliche Einweihung der neuen Synagoge mit Übertragung der Torarollen und übrigen Ritualien aus dem Schrein der mittelalterlichen Synagoge in den neuen Sakralraum fand vom 26. bis zum 28. August 1904 statt. 1925 standen eine Treppenreparatur, 1927 eine gründliche Sanierung der Synagoge an; 1930 musste das Dach ausgebessert werden.

Bereits im Sommer 1933 warfen unbekannte Täter die Fenster der Synagoge und des Schulzimmers ein. Während des Novemberpogroms wurde das Gebäude schwer zerstört. Am Vormittag des 10. November 1938 schändeten die vom Lehrer aufgehetzte Kinder und Jugendlichen aus Miltenberg die Synagoge und ihre Ritualien und zertrümmerten die gesamte Inneneinrichtung. Am 12. Mai 1939 musste die Kultusgemeinde ihr Synagogen- und Gemeindehaus an die Stadt verkaufen. In der Folgezeit wurde der Westteil mit dem Schulzimmer baulich verändert, die Synagoge jedoch zuerst teilweise abgerissen und ab April 1940 zum Wohnhaus umgebaut.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs nutzten die amerikanische Militärregierung und weitere Behörden das ehemalige jüdische Gemeindehaus und die ehemalige Synagoge für Büros und Wohnräume. 1952 erwarb die Stadt das Anwesen von der JRSO und brachte darin bis 1966 mehrere Behörden unter. Seit 1967 ist das Gebäude in Privatbesitz und wird nach einem weiteren Umbau 1971 bis heute als Wohnhaus genutzt.

1998 widmete sich ein wissenschaftliches Kolloquium, das vom städtischen Museum Miltenberg und dem Jüdischen Museum Franken veranstaltet wurde, der außerordentlichen historischen Bedeutung der erhaltenen mittelalterlichen Synagoge. Die Fachleute empfahlen damals, diesen Sakralbau, der ein einzigartiges Zeugnis jüdischen Lebens darstellt, besser zugänglich und bekannter zu machen. Die Stadt Miltenberg und viele weitere Institutionen hoffen seitdem darauf, dass sich eine Gelegenheit bietet, den Bau einer musealen Nutzung zuzuführen.

 

(Christine Riedl-Valder)


Literatur

  • Töllner, Axel / Berger-Dittscheid, Cornelia: Miltenberg, in: Wolfgang Kraus, Gury Schneider-Ludorff, Hans-Christoph Dittscheid, Meier Schwarz (Hrsg.): Mehr als Steine... Synagogen-Gedenkband Bayern, Band III/1: Unterfranken, Teilband 1. Erarbeitet von Axel Töllner, Cornelia Berger-Dittscheid, Hans-Christof Haas und Hans Schlumberger unter Mitarbeit von Gerhard Gronauer, Jonas Leipziger und Liesa Weber, mit einem Beitrag von Roland Flade, Lindenberg im Allgäu 2015, S. 444-471
  • Harburger, Theodor: Die Inventarisation jüdischer Kunst- und Kulturdenkmäler in Bayern, hg. von den Central Archives for the History of the Jewish People, Jerusalem, und dem Jüdischen Museum Franken – Fürth & Schnaittach., 3 Bde., Fürth 1998, Bd. 3, S. 388