Jüdisches Leben
in Bayern

Lülsfeld Synagoge

Der Standort einer ersten, bereits im 17. Jahrhundert benutzten Synagoge bzw. Betsaales ist nach aktuellem Stand nicht zu ermitteln. Da 1762 dieses Gotteshaus baufällig geworden war und der Schutzherr einen Neubau genehmigt hatte, planten die führenden Gemeindemitglieder Abraham (Fromm) und Hirsch Isa[a]c, einen geeigneten Bauplatz zu erwerben. Das ins Auge gefasste Grundstück verfügte allerdings nicht mehr über das Gemeinderecht, und dem damit verbundenen Anspruch auf Baumaterial vom Gemeindegrund. Deswegen lehnte die Gemeindeverwaltung des Dorfes auch ab, für die zu errichtende Synagoge das Baumaterial zu stellen.

Über die abgelehnte Materialentnahme aus der "Gmain" beschwerten sich die drei jüdischen Gemeindevorsteher Berle, Abraham Samuel und Levi am 16. April 1762 bei ihrem Schutzherren, dem Grafen Schönborn. Zugleich stellten sie in Aussicht, als für die Benutzung von Baumaterial aus dem Gemeindegrund und die Aufnahme der Synagoge in den Schutz der Schönborn jährlich eine Abgabe zu entrichten. Trotzdem verlief dieses Vorhaben wohl im Sande, denn zwei Jahre später erwarb Abraham Fromm ein Grundstück am östlichen Ortsrand. Dort standen bereits sechs, wohl für die Wolffskeelschen Schutzjuden errichtete Häuser. Im Hinterhof des Areals entstand ein charakteristisches Mehrzweckgebäude als Gemeindezentrum: Im Osten die rund 15 Meter lange und rund 8 Meter breite, eingeschossige Synagoge mit einem Mansarddach. Als Vorbild diente wahrscheinlich die Synagoge im rund zwei Kilometer entfernten Frankenwinheim, die der Lülsfelder Synagage im Bautyp, der Konstruktion und der Raumdisposition ähnelt.

Im massiv gemauerten Erdgeschoss sorgten je zwei rund ein Meter breite und zwei Meter hohe Rechteckfenster in der Nord- und Südwand für die Belichtung des Betsaals. An der Ostseite des Gebäudes ragte ein links und rechts von einem Rechteckfenster flankierter Toraerker hervor, über dem im Fachwerkgiebel ein querovales Misrachfenster angebracht war. Durch den mit Rokoko-Ornamenten verzierten Haupteingang in der Südwand des Gebäudes gelangte man in den schmalen Vorraum. Von dort betrat man den rund sechs Meter breiten, rund sieben Meter langen und rund sechs Meter hohen Betsaal, den ein zuletzt hellblau gestrichenes Tonnengewölbe abschloss. Als Fußbodenbelag dienten quadratische Sandsteinplatten. Den Almemor umschloss ein einfaches Eisengitter. Den blau-weiß-gelb gehaltenen Toraschrein mit Rokoko-Schnitzwerk, auf dem Löwen mit einer Krone standen, rahmten laut dem Kunsthistoriker Theodor Harburger Säulen. Zum Inventar des Schulzimmers gehörte eine zum Teil gedrechselte, 135 Zentimeter lange und rund einen Meter hohen Beschneidungsbank aus der Erbauungszeit der Synagoge. Das seltene Objekt wurde auf Veranlassung von Theodor Harburger nach München an den Verband der bayerischen israelitischen Kultusgemeinden abgegeben und ist verschollen. Die Frauenempore erreichte man über eine von der Lehrerwohnung durch einen Bretterverschlag abgegrenzte Treppe. Zur Entstehungszeit der Lülsfelder Synagoge wurde gegenüber dem Mehrzweckgebäude auch eine Mikwe gebaut.

Als am 15. November 1828 eine neue Torarolle in die Lülsfelder Synagoge eingebracht wurde, hielt der Privatlehrer Michael Kaufmann aus Kleinsteinach eine Ansprache, in der er ausführlich den Inhalt und die Bedeutung der Tora erläuterte. Bei dieser Gelegenheit betonte er auch die Verpflichtung zur Nächstenliebe gegenüber den "Nebenmenschen" (= Christen und andere Nichtjuden), weil alle an denselben Gott glaubten. Weil die Kultusgemeinde bereits zur Jahrhundertmitte hin abnahm, fand der vom Vorsänger, Religionslehrer und Schächter Abraham Jüng geleitete Gottesdienst ab 1854 abwechselnd in Lülsfeld und Järkendorf statt. Zu Jüngs Pflichten gehörten auch neun Gottesdienste, die er während des Jahres in der Synagoge Rimbach abzuhalten hatte. Nachdem der Distriktsarzt vom Amtsgericht Gerolzhofen bereits 1829 den Zustand der Lülsfelder Mikwe kritisiert hatte, entschloss sich die Gemeinde in der Mitte des 19. Jahrhunderts zu einem Neubau. Den Plan zeichnete der Frankenwinheimer Zimmermeister Tobias Zuber im August 1853. Untergebracht war die mit einer Pumpe ausgestattete Quellwassermikwe in einem aus einem einzigen Raum bestehenden, von einem Walmdach abgeschlossenen Häuschen. Laut Überlieferung wurde das Tauchbad bis um 1900 genutzt.

Da in Lülsfeld um 1934 keine zehn religionsmündigen Männer mehr lebten, besuchten die verbliebenen Gemeindemitglieder seit dieser Zeit den Gottesdienst in Frankenwinheim. Im Jahr 1937 wurde das leer stehende Gotteshaus an eine Privatperson verkauft, die 1938/1939 einige Mauern erneuerte und eine Zwischendecke aus Beton einzog. Da das Gebäude in einem Hinterhof lag und über keinen Licht- und Wasseranschluss verfügte, konnte es nicht als Wohnhaus genutzt werden. Es diente als Schuppen und Eiskeller. Die Lülsfelder Mikwe wurde bereits in den 1930er Jahren abgerissen. Vor 1988 waren Reste der ehemaligen Synagoge in ein neues landwirtschaftliches Gebäude einbezogen. Nach deren Abtragung befindet sich dort heute nur noch eine Grünfläche.


(Stefan W. Römmelt)

Literatur

  • Cornelia Berger-Dittscheid: Lülsfeld. In: Wolfgang Kraus, Hans-Christoph Dittscheid, Gury Schneider-Ludorff (Hg.): Mehr als Steine… Synagogen-Gedenkband Bayern, Bd. III/2: Unterfranken Teilband 2.2. Erarbeitet von Cornelia Berger-Dittscheid, Gerhard Gronauer, Hans-Christof Haas, Hans Schlumberger und Axel Töllner unter Mitarbeit von Hans-Jürgen Beck, Hans-Christoph Dittscheid, Johannes Sander und Elmar Schwinger, mit Beiträgen von Andreas Angerstorfer und Rotraud Ries. Lindenberg im Allgäu 2021, S. 1390-1408.
  • Andreas Müssig: Die Lülsfelder Synagoge. Lülsfeld 1994.