Jüdisches Leben
in Bayern

Feuchtwangen Synagoge

Um 1630 wurde das erste belegbare jüdische Gotteshaus in Feuchtwangen eingeweiht. Es war die Stiftung "einer ledigen, elternlosen Frauensperson“ und stand in der heutigen Museumsstraße 19. Die Architektur wird sich nicht sehr von den umliegenden Wohnhäusern unterschieden haben. Die alte Synagoge erwies sich mit ihren 26 Männer-Stehplätzen bald als zu klein, außerdem stand sie "mit der Küche der Bischofsheimerischen Haushälfte nahe in Verbindung" und war "manchmal mit Rauch gefüllt". Die schlechte Bausubstanz hatte bereits 1673 zu Beanstandungen geführt, als "die ganze Judenschaft wegen der baufälligen Judenschul aufs Rathaus zitiert und zur Raison angewiesen“ wurde. Weil mehrere Renovierungsmaßnahmen zu Beginn des 19. Jahrhunderts keinen nachhaltigen Effekt zeigten, entschied man sich schließlich für einen Neubau.

Nach Abbruch der alten Synagoge im Jahr 1831 wurden die Gottesdienste provisorisch im gegenüberliegenden "Springerschen Haus" (Hausnr. 79, heute Museumsstraße 18) gefeiert. Die Gemeinde erwarb die Haushälfte 671/2 (heute Museumsstraße 19) und informierte das königliche Landgericht Feuchtwangen über ihr Vorhaben, auf dem dadurch vergrößerten Grund eine neue Synagoge mitsamt einem modernen Ritualbad und ein "für [die] Schuljugend höchst bedürftiges Lehrlocal" bauen zu wollen. Die Genehmigung wurde 1830 erteilt, allerdings unter der Voraussetzung, die gewünschten Korrekturen des Königlich-Bayerischen Baukunstausschusses in München zu berücksichtigen. Dieser war bestrebt, jeder Baugattung einen entsprechenden Stil zuzuordnen; für Synagogen erachte der Ausschuss einen maurisch-arabische Schmuckelemente als angemessen.

Friedrich von Gärtners Kleinsynagoge im rheinpfälzischen Ingenheim gilt zwar als Prototyp – doch in Feuchtwangen wurde die erste Synagoge dieses neuen Stils im heutigen Bayern errichtet! 1832 zeichnete der Münchner Architekt Georg Friedrich Ziebland (1800–1873) die Pläne, bis zum 1. August stand der Rohbau. Das Gebäude war angemessen repräsentativ. Das erhöhte Hauptportal führte über einem Vorraum in den Betsaal. Auf dem Bogen war in Hebräisch und Deutsch der Psalm 118,20 geschrieben: "Dieses Tor dem Ewigen, Gerechte gehen durch es hinein". Im westlichen Teil des Hauses befanden sich 1833 eine beheizbare Warmwasser-Mikwe sowie eine kleine Lehrerwohnung im Erdgeschoss, darüber liegend ein nach Süden ausgerichteter Schulraum für den Religionsunterricht und eine Kammer für den Vorsänger. Über den Vorraum waren der Schulbereich und die nebenan liegende Mikwe sowie die Frauenempore erreichbar. Letztere spiegelte den Aufbau der Sitzbänke im Männerbereich und ragte an der Nord-, West- und Südfassade in den Betsaal hinein. Der Saal hatte eine Fläche von rund 115 m², eine kleine Kuppel in der Decke über der Bima betonte den Mittelpunkt des Raumes.

Bezüglich der Bestuhlung herrschte anfangs Uneinigkeit, doch ein erhaltener Grundriss zeigt den gelungenen Kompromiss: Mit einer traditionellen Anordnung der 43 fest installierten Sitzplätze um die zentrale achteckige Bima gaben sich konservative Gemeindemitglieder zufrieden, und die Verwendung von Subsellien anstatt der früher üblichen Stehpulte berücksichtigte die Vorgaben der neuen Synagogenordnung von 1829.

Noch Mitte der 1920er Jahre, als Theodor Harburger die Feuchtwanger Synagoge inventarisierte, bestand die Ausstattung in weiten Teilen aus der Erbauungszeit. Sie wies jedoch keine orientalischen Elemente auf, sondern blieb ganz dem Klassizismus verhaftet. Die Warmwasser-Mikwe im Synagogengebäude hatte bereits kurz nach ihrer Inbetriebnahme technische Mängel gezeigt, die im August 1841 zum Bau eines freistehenden Ritualbads im nordöstlich anschließenden Synagogenhof führten. Bei dieser Gelegenheit wurde bis zum 26. September 1843 die Lehrerwohnung vergrößert und ins Obergeschoss verlegt, ins Erdgeschoss kamen das Schulzimmer und ein Gemeinderaum für zivile Veranstaltungen. 1925 fielen größere Reparaturen an, die von der Gemeinde alleine nicht mehr finanziert werden konnten; der Stadtrat genehmigte einen Zuschuss von 500 RM für die Instandsetzung der Synagoge.

Nach dem Wegzug der letzten jüdischen Feuchtwanger stand die Synagoge Anfang des Jahres 1938 leer. Die Kultgegenstände wurden im Juni nach Ansbach gebracht, und die unbrauchbaren Gegenstände auf dem Friedhof in Schopfloch begraben. Die Stadtverwaltung wollte nun das Synagogengebäude mitsamt dem Grundstück für das benachbarte Heimatmuseum erwerben. Weil sich der Verband Bayerischer Israelitischer Gemeinden dem behördlichen Druck widersetzte, lösten die neuen Machthaber im Novemberpogrom dieses Problem mit Gewalt: Auf Anordnung des Bürgermeisters Karl Ludwig, einem überzeugten Nationalsozialisten, wurde die Synagoge trotz der akuten Feuergefahr für die umliegenden Fachwerkbauten am Abend des 9. November 1938 in Brand gesteckt. Das Stroh dafür holten die SA-Leute aus der nahe gelegenen Scheune des Bauers Gögelein. Am 11. April 1939 erwarb die Stadt das Gelände für den "Verein für Volkskunst und Volkskunde e.V.", dem Träger und Betreiber des Museums.

Nach dem Krieg wurde der abgesetzte NS-Bürgermeister Karl Ludwig verurteilt und in der JVA Nürnberg inhaftiert. Das Synagogen-Grundstück blieb jedoch nach einer Entschädigungszahlung an das JRSO im Besitz des Vereins, der dort in den 1960er Jahren einen Anbau für das Fränkische Museum Feuchtwangen errichtete. Seit 1984 erinnert eine Gedenktafel an der Fassade zum Scheyrerplatz an die Zerstörung der Synagoge. Ein Modell aus der Werkstätte des AWO Therapiezentrums & Museum Schloss Cronheim wird in der Judaica-Ausstellung des Museums gezeigt.


(Patrick Charell)

Adresse / Wegbeschreibung

Museumsstraße 19, 91555 Feuchtwangen

Literatur

  • Angela Hager / Hans-Christof Haas / Cornelia Berger-Dittscheid: Feuchtwangen. In: Wolfgang Kraus, Berndt Hamm, Meier Schwarz (Hg.): Mehr als Steine... Synagogen-Gedenkband Bayern, Bd. 2: Mittelfranken. Erarbeitet von Barbara Eberhardt, Cornelia Berger-Dittscheid, Hans-Christof Haas und Angela Hager unter Mitarbeit von Frank Purrmann und Axel Töllner mit einem Beitrag von Katrin Keßler.Lindenberg im Allgäu 2010, S. 238-248.
  • Theodor Harburger: Die Inventarisation jüdischer Kunst- und Kulturdenkmäler in Bayern, hg. von den Central Archives for the History of the Jewish People, Jerusalem, und dem Jüdischen Museum Franken – Fürth & Schnaittach, Bd. 2. Fürth 1998, S. 183-186.