Jüdisches Leben
in Bayern

Aub Synagoge

In dem 1608 angelegten Auber Memorbuch wird eine Synagoge bei Salomo, Sohn des Naftali Bacharach (gest. 1696) erwähnt. Ein 1623 erstmals genanntes, heute als "Alte Synagoge" bezeichnetes Gebäude steht auf dem Grundstück Hauptstraße 21 (früher Hausnr. 121) an der Ecke zur Neuertgasse. Der einstige Sakralbau verfügte über mehrere Zimmer, darunter einen großen Saal, Kellerräume und einen Hof. Auf Befehl des Deutschen Ordens musste der Standort der Synagoge 1742/43 an das Ende der Unteren Judengasse verlegt werden. Das dort befindliche Wohnhaus Hausnr. 128 (heute Neuertgasse 12) wurde dafür umgebaut und erhielt an der Ostseite einen Standerker für den Toraschrein.

Der zweigeschossige Satteldachbau über rechteckigen Grundriss besitzt ein massiv gemauertes Erdgeschoss und ein Obergeschoss in Fachwerk. Die Männersynagoge lag im Erdgeschoss unter dem Straßenniveau. Der zweigeschossige Betsaal wurde von einer eingewölbten Flachdecke überspannt. In einem zweigeschossigen Anbau an der Nordseite befand sich eine Mikwe mit Grundwasserzufluss.

Im Obergeschoss waren die Frauensynagoge (anfangs nur eine Westempore, ab 1909 dreiseitig den Betraum umlaufend), das Schulzimmer, das zuerst als Lehrerwohnung diente, und eine Küche untergebracht. In der Folgezeit erfuhr diese neue Synagoge zahlreiche Veränderungen. 1857 wurde sie einer grundlegenden Renovierung unterzogen, spätestens aus dieser Zeit stammen hebräische Psalmen und ornamentale Wandmalereien, die größtenteils mit Schablonen aufgetragen wurden. Zu einem Umbau mit Vergrößerung des Schulzimmers, das für die wachsende Zahl der Kinder zu klein geworden war, kam es im Jahr 1879. Eine erhaltene Synagogenordnung von 1893 legte unter anderem Regeln für die Teilnahme an den Andachten fest.

Die finanzielle Lage der Kultusgemeinde verschlechterte sich in den ersten Jahren des NS-Regimes zusehends; für notwendige Reparaturen war kaum mehr Geld vorhanden. 1934 kam es zu mehreren Sachbeschädigungen an den Fenstern und Türen der Synagoge, durch die die Gottesdienste erheblich gestört wurden. Am Abend des 10. November 1938 wurde der jüdische Religionslehrer Abraham Kannenmacher von NS-Parteimitgliedern aus seiner Wohnung gezerrt und verprügelt. Der Mob brach den Betraum der Synagoge auf, stahl die Wertgegenstände und zertrümmerte die Inneneinrichtung. Anschließend trug die Horde Utensilien und Dokumente der jüdischen Gemeinde auf die Straße und verbrannte sie dort.

Das Synagogengebäude in der Neuertgasse 12 blieb erhalten. Nach verschiedenen Umbauten, bei denen u.a. der zweigeschossige Betsaal eine Zwischendecke erhielt, wurde es bis 2013 als Wohnhaus verwendet. Das Gebäude ist die 5. Station im historischen Rundgang "Spital & Stadt" des Spitalmuseums Aub, vor dem Eingang mit Spuren einer Mesusa steht eine illustrierte Informationstafel.

Die Substanz der Synagoge blieb dennoch erhalten: Noch immer ist die Wölbung in der Decke des Betsaals, die Frauenempore mit dem originalen Aufgang sowie Spuren der Mesusa zu erkennen. Die Innenausstattung ist jedoch bis auf einige Fragmente von Wandmalereien weitgehend verloren. Seit 2014 gibt es Überlegungen für eine neue Nutzung des Gebäudes. Bei umfassenden Renovierungs- und Instandsetzungsarbeiten wurden 2022 architektonische Elemente des jüdischen Gotteshauses aufgedeckt, ebenso die weitgehend intakte Keller-Mikwe.

Die ältere Synagoge am Eingang zur Neuertgasse / Ecke Hauptstraße 21 steht unter Denkmalschutz und befindet sich in einem extrem baufälligen Zustand.


(Christine Riedl-Valder | Patrick Charell)

Bilder

Adresse / Wegbeschreibung

Neuertgasse 12, 97239 Aub

Literatur

  • Generaldirektion der staatlichen Archive Bayerns / Cornelia Berger-Dittscheid (Hg.): Mehr als Steine. Synagogen in Unterfranken. Eine Ausstellung des Staatsarchivs Würzburg in Kooperation mit dem Team des Synagogen-Gedenkbans Bayern und dem Beauftragten der Bayerischen Staatsregierung für jüdisches Leben und gegen Antisemitismus, für Erinnerungsarbeit und geschichtliches Erbe. München 2021 (= Staatliche Archive Bayerns – Kleine Ausstellungen 68), S. 19.
  • Axel Töllner / Hans-Christof Haas: Aub. In: Wolfgang Kraus, Gury Schneider-Ludorff, Hans-Christoph Dittscheid, Meier Schwarz (Hg.): Mehr als Steine... Synagogen-Gedenkband Bayern, Bd. III/1: Unterfranken, Teilband 1. Erarbeitet von Axel Töllner, Cornelia Berger-Dittscheid, Hans-Christof Haas und Hans Schlumberger unter Mitarbeit von Gerhard Gronauer, Jonas Leipziger und Liesa Weber, mit einem Beitrag von Roland Flade. Lindenberg im Allgäu 2015, S. 561-584.