Jüdisches Leben
in Bayern

Arnstein Synagoge

In den letzten Jahrzehnten des 17. Jh. hatte die jüdische Gemeinde von Arnstein den zum gemeinsamen Gottesdienst vorgeschriebenen Minjan von zehn religionsmündigen Personen sicher erreicht. Eine erste Betstube könnte sich im Anwesen des Hirsch befunden haben. Für diese Annahme spricht, dass Hirsch finanziell etwas besser gestellt war. Außerdem nahm er eine Führungsrolle unter den Israeliten ein und beschäftigte unter seinen Angestellten auch ein Schullehrer für seine Kinder. Kunstvoll gearbeitete Ritualien, wie z.B. ein Tora-Schild und ein Tora-Aufsatz aus Silber aus der 1. Hälfte des 18. Jh. verweisen ebenfalls auf die Existenz einer Gottesdienststätte. 



Konkrete Hinweise auf Beträume im 17. und 18. Jh. in Arnstein fehlen jedoch. Lediglich für das Jahr 1710 ist eine Beschwerde des Arnsteiner Kaplans überliefert, der zufolge die Arnsteiner Juden damals planten, eine Synagoge in der Nähe der Kirche zu erbauen. Entsprechend der Kirchenordnung wäre dies jedoch nur am Stadtrand erlaubt gewesen.

1815 kam die Kultusgemeinde in den Besitz des Grundstückes Haus-Nr. 149 ½ (später Goldgasse 28) und ließ darauf eine Synagoge errichten. Die Pläne dazu lieferte vermutlich der Würzburger Kreislandbaurat Bernhard Morell (1785‒1857). Es entstand ein hoher, zweigeschossiger, längsrechteckiger Saalbau mit Satteldach, der außen eine markante Werksteingliederung aus braun-grünem Schilfsandstein und verputzten Wänden aufwies. Die klassizistische Formensprache des Gebäudes war hochmodern und stellte eine Besonderheit im unterfränkischen Synagogenbau dar, da sie sich an der französischen Revolutionsarchitektur orientierte. 1864 wurden für das Gotteshaus einige wertvolle Ritualien neu erworben oder von Mitglieder hinterlassen, so z.B. ein silberner Lesezeiger und ein Schofar. Eine umfangreiche Innenrenovierung erfolgte 1869. Dabei hat man die eher schlichte Fassung des Betsaals nun durch Anstriche in warmen Gelb-, Ocker- und Rottönen ersetzt und an die Decke goldfarbene Sterne gemalt. Bei der letzten großen Erneuerung des Innenraums im Jahr 1905 erhielt der Saal eine farbenprächtige Jugendstil-Fassung in Schablonenmalerei. Im Vorraum wurden zur Heizung der Synagoge ein russischer Kamin und ein Ofen installiert. 1920 erfolgte die Elektrifizierung von Synagoge und Gemeindehaus.

Um die Mittagszeit des 10. November 1938 drangen SA-Leute in das jüdische Gotteshaus ein. Sämtliche Fenster und Türen sowie die gesamte Inneneinrichtung wurden herausgerissen. Die Ritualien waren bereits im Frühjahr 1938 bei der Auflösung der jüdischen Gemeinde nach Schweinfurt gebracht worden und fielen größtenteils dann dort dem Novemberpogrom zum Opfer. Die verwüstete Synagoge wurde 1939 verkauft.

Nach dem 2. Weltkrieg hat man das ehemalige jüdische Gotteshaus als Holzlager und Bettfernreinigungsbetrieb genutzt. Da das Anwesen in der NS-Zeit weit unter Wert verkauft worden war, musste der neue Eigentümer eine Ausgleichszahlung an die JRSO leisten. Bei einem völligen Umbau des Hauses 1954 gingen das originale Erscheinungsbild des Außenbaus und des Innenraumes weitgehend verloren. Es wurde in der Folgezeit als Lagerraum genutzt. 1994 erwarb die Stadt Arnstein die ehemalige Synagoge. Auf der Grundlage einer 1990 erfolgten restauratorischen Befunduntersuchung, bei der auch Fragmente einer Genisa geborgen wurden, hat man ein Nutzungs- und Sanierungskonzept entwickelt. Hier eine Videodokumentation des Zustandes der Synagoge vor Beginn der Restaurationsmaßnahmen, erklärt und vorgetragen durch Altbürgermeister Roland Metz.

Nach erfolgter Sanierung, bei der die Fassade originalgetreu rekonstruiert, die späteren Einbauten entfernt und der hohe Betsaal mit den Emporen und der Jugendstil-Fassung wieder hergestellt wurden, konnte man 2012 die „Alte Synagoge Arnstein“ eröffnen. Sie wird seitdem für Konzerte und Lesungen genutzt. Eine darin installierte Dauerausstellung informiert anschaulich über das einstige jüdische Leben in Arnstein.

 

(Christine Riedl-Valder)



Literatur

  • Töllner, Axel / Haas, Hans-Christof: Arnstein, in: Wolfgang Kraus, Gury Schneider-Ludorff, Hans-Christoph Dittscheid, Meier Schwarz (Hrsg.): Mehr als Steine... Synagogen-Gedenkband Bayern, Band III/1: Unterfranken, Teilband 1. Erarbeitet von Axel Töllner, Cornelia Berger-Dittscheid, Hans-Christof Haas und Hans Schlumberger unter Mitarbeit von Gerhard Gronauer, Jonas Leipziger und Liesa Weber, mit einem Beitrag von Roland Flade, Lindenberg im Allgäu 2015, S. 135-154